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Untergraben der Holzbautradition

Umbau und Erweiterung eines Ferienchalets

Michael Hanak
Erschienen in
Zuschnitt 35: Innenfutter
September 2009, Seite 12f.

Crans-Montana, ein populäres Tourismuszentrum in den Schweizer Alpen, ist die Kombination einer alten Berggemeinde mit einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Feriensiedlung. Es liegt auf rund 1.500 Metern Höhe über dem Rhônetal, auf einem Hochplateau mit traumhafter Aussicht. Mit dem Wandel vom Kurort zum alpinen Skisportort Ende der 1950er Jahre hielt die Parahotellerie Einzug. Heute ist die Kleinstadt im Gebirge geprägt von hölzerner Chalet-Architektur in allen möglichen sowie unmöglichen Formen und Dimensionen – eine Architektur, die einerseits die regionale Holzbautradition reflektiert und andererseits Projektionen der Alpenbesucher auffängt. Im Kontext solcher touristischer Traumvorstellungen und Auswucherungen des Hotel- und Ferienwohnungsmarktes scheint ein zeitgemässer Approach des Bauens in den Bergen nicht ganz einfach. Als die Architekten Bonnard und Woeffray den Auftrag zum Umbau eines Ferienchalets in Crans-Montana erhielten, erforderten die gestellten Bedingungen drastische Maßnahmen. Einerseits hatten mehrere An- und Umbauten das in den 1960er Jahren gebaute Chalet völlig entstellt. Andererseits verlangten die neuen Besitzer, eine Familie aus Moskau mit fünf Kindern, zusätzliche Räume. Sie wünschten sich eine Autogarage, Abstellräume für Skier, Fahrräder und Koffer sowie Platz für die Mussestunden des Après-Ski wie Wellness/Fitness, Heimkino und Disco. »Der Auftrag unseres Klienten lautete«, so die Architekten, »dem Chalet eine neue Identität zu verleihen, sowohl im Inneren wie am Äusseren.«

Das Architektenpaar Geneviève Bonnard und Denis Woeffray, das von Monthey im Wallis aus tätig ist, gehört in den letzten Jahren zu den gefragtesten Baukünstlern in der Schweiz. Die beiden überraschen mit direktem Materialgebrauch à la Brutalismus und unkonventionellem Farbeinsatz. Oft sprengen sie vermeintliche Grenzen der Architektur. Bei der Umwandlung des Chalets in Crans-Montana fanden sie zu einer ebenso naheliegenden wie aussergewöhnlichen Lösung. Zunächst schränkten zwei Vorgaben den freien Gedankenlauf ein: Erstens durfte das Haus nicht abgebrochen werden, da man sonst von der Waldgrenze hätte zurückweichen müssen. Zweitens war die im Baurecht definierte Grösse des Ferienhauses bereits voll ausgenutzt. »Also blieb uns tatsächlich nur eine Möglichkeit, um die verlangten Zusatzprogramme zu realisieren«, konstatiert Geneviève Bonnard, »nämlich, in den Untergrund auszuweichen.«

Das Erweiterungskonzept sah also vor, den zusätzlichen Raumbedarf in das Erdreich des künstlich aufgeschütteten Sockels einzugraben. Nur zwei Elemente weisen auf diesen Eingriff hin: das Garagentor und das darüberliegende Panoramafenster in den steinernen Stützmauern an der Strasse. Um den Fichtenwurzeln auszuweichen, bildet der Anbau einen unregelmässigen polygonalen Grundriss, sich weitend und verengend wie eine Höhle. Von der Garage aus steigt man entlang schrägen Wänden über Treppen und geneigte Böden etappenweise höher, gleichsam auf einer dynamischen »Promenade Architecturale« durch eine wundersam scheinende Unterwelt. Der Beton ist orange durchgefärbt wie eine schweflige Grotte, spiegelglatte Chromstahlabdeckungen sorgen für raumerweiternde Spiegelungen und schliesslich leitet eine Holzwand aus Lärche, farblich korrespondierend mit dem orangen Beton, zum oberirdischen Hausbereich über. Während in den hinzugefügten Untergeschossen die gewünschten weitläufigen Extraräume angeordnet sind, enthält das umgebaute Chalet die üblichen Wohn-, Ess- und Schlafräume.

Im übernommenen Chalet wurde die Raumaufteilung neu disponiert. Das Holzhaus erhielt innen wie aussen eine neue Beplankung aus Lärche. Dieses Holz konnte nicht nur für Böden, Wände, Decken, sondern ebenso für Türen, Fenster und Möbel verwendet werden. Auf den früher vorhandenen Zierrat wurde verzichtet, stattdessen dominiert eine flächige Schlichtheit. Die Holzoberflächen sind mit mattem, farblosem Öl behandelt und schimmern vornehm. Zur Schmuckschatulle wandelte sich der doppelt hohe Wohnbereich, wo sich das All-over des Lärchenholzes im chromstahlverkleideten Kamin spiegelt.

Ganz anders präsentieren sich die strikt weiss gehaltenen Nassbereiche: Sie sind rundum mit dem acrylgebundenen Mineralwerkstoff Corian materialisiert, der im Gegensatz zu Holz keinerlei Struktur aufweist. Zwischen naturnahe Lärchenholz- und künstliche Corian-Welt wurden gelb-, rosa- und orangefarbene Glasscheiben gestellt, die dank ihrer Hinterleuchtung die heimeligen Holzräume in eine leicht entrückte, urbane Stimmung tünchen. Nicht nur das Untergraben des Chalets, auch der virtuose Umgang mit Materialien und Farben zeugt von einem gekonnten Spiel mit Natürlichem und Artifiziellem, mit Realität und Illusion.

Die Architekten haben die Räume mit Europäischer Lärche ausgekleidet, da diese in der Gegend weit verbreitet ist und »weniger rustikal ausschaut« als Sibirische Lärche.

Der Gegensatz zwischen Naturholz und spiegelnden sowie transparenten Materialien erzeugt eine filmreife Szenerie.

Standort
Crans-Montana/CH

Planung
bonnard woeffray/achitectes FAS SIA
Monthey/CH
www.bwarch.ch

Innenausbau
Schreinerei Albert Seppey & Fils SA
CH-1987 Hérémence

Cina Benjamin Fils SA
CH-3962 Montana

Tragwerk
Constructions Amédée Berrut
Vouvry/CH
www.berrut.com

Fertigstellung
2005

Materialien

  •  Decken, Wände: Brettsperrholz mit Lärchenfurnier, geölt und gewachst
  •  
  •  Boden: Lärchenparkett, geölt und gewachst

Fotos
© Hannes Henz  

Text

Michael Hanak
  • geboren 1968
  • freischaffender Kunst- und Architekturhistoriker in Zürich
  • Tätigkeiten als Publizist, Redakteur, Ausstellungsmacher und Dozent
  • Redakteur der Zeitschrift arch für die Eternit (Schweiz) ag 

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