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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 36: Schnelle Hilfe
Dezember 2009, Seite 3

Die Zeit war knapp in Lustenau: Das neue Schuljahr stand vor der Tür und der Gemeinde fehlte Raum für einen Kindergarten und zwei Volksschulklassen. Die Zeit war auch knapp in L’Aquila: Der nächste Winter näherte sich mit großen Schritten und die Erdbebenopfer wohnten in Notunterkünften. Es sind dies Situationen, die finanzierbare, rasch realisierbare und meist wieder demontierbare Zwischenlösungen einfordern.

Sicher dachte man in Lustenau zuallererst an einen Metallcontainer als Übergangslösung. Das Argument der Nachhaltigkeit und der Wertschöpfung im eigenen Ort aber überzeugte die Gemeindeobersten und ein Holzbau wurde in nur drei Monaten inklusive Planung realisiert. In L’Aquila war die Situation viel brenzliger. Es ging um rund 70.000 Menschen, die ihre Häuser verloren hatten. Bereits einen Monat nach dem Erdbeben schrieb der italienische Zivilschutz die Planung und Errichtung von 150 Wohnbauten international aus. Die schnelle Bauabwicklung, die rasche Verfügbarkeit und die Nachhaltigkeit sprachen für Holz als Baustoff, sodass im Endeffekt über die Hälfte der Häuser in Holzbauweise errichtet wurde.

Beispiele von ganz unterschiedlicher Größe, Funktion und gesellschaftlichem Hintergrund haben wir für diesen Zuschnitt ausgewählt. Sie sollen zeigen, dass der Baustoff Holz in mehrfacher Hinsicht nachhaltige Antworten auf räumliche Notsituationen zu bieten hat oder, wie Otto Kapfinger es im einleitenden Essay formuliert, dass »jene Zeiten und Epochen, in denen rasches Reagieren auf Elementarereignisse (…) geboten war, prompt die Qualitäten des Holzbaus zur Geltung brachten: Schnelligkeit, Einfachheit, Verfügbarkeit, Leichtigkeit, Beweglichkeit – und Behaglichkeit sogar im Provisorischen«.

Für L’Aquila wurden innerhalb kürzester Zeit knapp 11.000 Kubikmeter Brettsperrholz produziert, von Österreich nach Italien transportiert und vor Ort zusammengebaut. Allein aus technischen Gründen wäre das vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Die Wohnbauten sind also Ausdruck des technischen Fortschritts und der Beweis, dass das Zeitalter der Holzbaracke hinter uns liegt. Bis heute assoziiert man mit »Notbehausungen« aus Holz diese Baracken. Auch wenn die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sie als »äußerst gemütlich« empfanden, prägten sie das Image des Holzbaus über Jahrzehnte negativ. Die hier gezeigten Beispiele haben nichts mehr mit der Holzbaracke gemein, sie erfüllen alle Standards, die man von einem modernen Gebäude erwartet.

Neben der zeitlichen Not gibt es natürlich auch die finanzielle. Nicht überall kann man sich fertig abgebundene, vielleicht sogar schon wärmegedämmte Wand- und Deckenelemente leisten, ja nicht einmal vorstellen. Dieser Zuschnitt spannt deshalb den Bogen von hoch technisierten, vorfabrizierten Lösungen hin zu einfachen Konstruktionen wie die »Schmetterlingshäuser« in Thailand. Im ersten Fall werden die Bauelemente mit einem hohen Vorfertigungsgrad fabriziert und auf der Baustelle in kürzester Zeit montiert, im zweiten Fall können die Betroffenen selbst anpacken und mitbauen.

Das »Katrina Furniture Project« zeigt zudem, dass die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen rund um den Werkstoff Holz sogar hilft, Lebensumstände langfristig zu verbessern. Menschen aus New Orleans lernten, aus dem Material ihrer zerstörten Häuser Möbel herzustellen und so ihr Einkommen zu generieren. Der Baustoff Holz hat eben auch eine soziale Komponente. Kein Wunder also, dass die Kenianerin Wangari Maathai 2004 den Friedensnobelpreis dafür erhielt, dass sie seit über dreißig Jahren Saatgut verteilt. Sie instruiert die Frauen in den von Dürre geplagten Dörfern, neue Bäume anzupflanzen, damit sie Brennholz, Futter und Baumaterial haben und ihre soziale Not gelindert wird.