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Fast nichts

Hans Ibelings
Erschienen in
Zuschnitt 36: Schnelle Hilfe
Dezember 2009, Seite 22

Der Architekt Gerrit Rietveld verkündete im Jahre 1958: »Lernt den Reichtum der Schlichtheit kennen!« Er selbst kannte den Reichtum der Schlichtheit wie kein anderer. Man kann sich keine bessere Typisierung seines eigenen Werks vorstellen als diese Worte. »Reichtum der Schlichtheit« scheint verwandt mit Johann Wolfgang von Goethes Diktum »In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister« oder mit Ludwig Mies van der Rohes mindestens ebenso berühmtem Satz »Less is more«. Aber das ist etwas anderes. Rietvelds Aufruf wurde eine Zeit lang als Kombination aus calvinistischem Moralismus und Wiederaufbaumentalität und damit als Quadratur der Sparsamkeit abgetan. Das geht vielleicht zu weit, aber der moralische Unterton ist bei Rietveld verglichen mit Mies in der Tat nachdrücklicher vorhanden. Dies zeigt sich auch in ihrer Architekturanschauung. »Less is more« war für Mies van der Rohe ein Freibrief, um großen Aufwand zu treiben, selbst wenn das in seinen Worten beinahe nichts war. »Lernt den Reichtum der Schlichtheit kennen« klingt mehr nach »Zähle Deine Segnungen«, sei zufrieden mit dem, was Du hast.

Falls Rietvelds Reichtum der Schlichtheit holländischer Wiederaufbaucalvinismus ist, dann muss gesagt werden, dass dies ein Phänomen ist, das auch außerhalb der Niederlande tief in der Architektur verwurzelt ist und auch in Verhältnissen, bei denen keine Rede von Wiederaufbau oder Calvinismus ist.

Denn abgesehen von ein bisschen postmoderner Nörgelei gegenüber »Less is more« und den dekorativen Ausschweifungen von Art Nouveau und Art Deco herrscht in der europäischen Architektur schon seit mehr als einem Jahrhundert eine protestantische Neigung zur Schlichtheit. Immer mal wieder wird eine neue Schlichtheit oder ein neuer Minimalismus ausgerufen. Trotzdem handelt es sich dabei immer um Variationen desselben Themas. Denn tief im Inneren fast jedes Architekten steckt eine »innerweltliche Askese«, eine Überzeugung, mehr noch selbst die Wissenschaft, dass die einfachste Lösung auch gleichzeitig die beste ist. Dies erklärt auch die gemischten Gefühle, die die spektakulären Arbeiten beispielsweise von Zaha Hadid bei vielen Architekten hervorrufen, da sie so überwältigend dieser Überzeugung widersprechen. Die Wertschätzung für ihre Arbeit geht daher immer einher mit einem etwas missbilligenden »Musste das wirklich alles so sein?«.

Dass Architekten Einschränkungen bevorzugen, ist nicht weiter verwunderlich, denn Architekten sind nicht umsonst keine freien Künstler geworden. Architektur entsteht aus Beschränkungen, und zwar ganz egal, ob es sich dabei um die Schwerkraft, die Location oder die Vorgaben des Auftraggebers handelt. Wenn Programm und Budget nicht festgelegt und begrenzt werden, geraten viele Architekten in existenzielle Probleme. Die Beschränkungen geben ihnen erst den nötigen Halt.

Die finanziellen Beschränkungen, die eine Wirtschaftskrise wie die jetzige mit sich bringt, müssen darum für die Architektur und für die Architekten genauso wenig wie andere Beschränkungen ein prinzipielles Problem sein. Die Krise verursacht höchstens praktische, aber darum nicht weniger ernsthafte Probleme, da in einem gewissen Moment eine Untergrenze erreicht wird. Und dann wird aus dem, was kurz zuvor noch beinahe nichts zu sein schien, überhaupt nichts.

Text:
Hans Ibelings
geboren 1963 in Rotterdam/NL
Architekturhistoriker und Chefredakteur der Zeitschrift
A10 – new European architecture, die er 2004 gemeinsam mit Arjan Groot gründete
Autor verschiedener Bücher