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L’Aquila – Lösungen mit Zukunft

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 36: Schnelle Hilfe
Dezember 2009, Seite 7ff.

Der Wiederaufbau wird in mehreren Phasen durchgeführt. In der ersten wurden auf 19 Bauplätzen rund um L’Aquila 150 Wohnbauten mit etwa 4.000 Wohnungen errichtet. Um so viel Bauland in so kurzer Zeit zur Verfügung zu haben, musste der italienische Zivilschutz auch Bauern enteignen.

Variante 1 – Dämmung im Werk

Standorte Cese di Preturo und Pagliare Sassa,  Provinz L’Aquila/I 

Bauherr
Republik Italien, vertreten durch Protezione Civile www.protezionecivile.it 

Holzbau  
Wood Beton s.p.a., Iseo/I, www.woodbeton.it 

Wandaufbau  

Variante 2 – Dämmung vor Ort

Standorte
Cese di Preturo und Coppito, Provinz L’Aquila/I 

Planung 
Luigi Fragola & Partners, Florenz/I 

Bauherr 
Republik Italien, vertreten durch Protezione Civile, www.protezionecivile.it 

Statik 
Strutture di Legno, Iseo/I www.strutturedilegno.at 

Holzbau
Sistem Costruzioni s.r.l., Soliganano/I www.sistem.it 

Wandaufbau  

Erdbeben6. April 2009
Auftragserteilung18. Juni 2009 (72 Tage)
Baubeginn11. Juli 2009 (22 Tage)
Fertigstellung 1. Wohnbau4. September 2009 (55 Tage)



Die Zeit drängte von der ersten Sekunde an. Nach dem Erdbeben in L’Aquila am 6. April dieses Jahres waren auf einen Schlag rund 70.000 Menschen in der Region ohne Haus oder Wohnung. 

Sie wurden unter anderem in Zeltstädten untergebracht, die im Sommer und Herbst leidlich dazu geeignet sind, als provisorische Unterkünfte herzuhalten. Aber spätestens Ende Oktober wird es auch in den Abruzzen kalt und bis dahin sollte ein Großteil der Menschen neue Wohnungen haben.

Entgegen den landesüblichen Gepflogenheiten reagierte die Protezione Civile, der italienische Zivilschutz, schnell: Bereits im Mai startete ein internationales Ausschreibungsverfahren zur Errichtung von 150 neuen Wohnhäusern.  

Das Punktesystem  

Die Grundlage für dieses Ausschreibungsverfahren bildete das Progetto C.A.S.E. (nachhaltige, erdbebensichere und umweltverträgliche Gebäude), das unter Berücksichtigung der gesetzlichen Voraussetzungen erstellt wurde und ein Punktesystem enthält, nach dem dreißig Baulose zu je fünf Wohnhäusern vergeben wurden. Die maximal erreichbare Punktezahl war 100. 44 teils internationale Firmenkonsortien bewarben sich um Aufträge, 16 davon erhielten am 18. Juni den Zuschlag. Dabei waren jene, die auf Holzrahmen- bzw. Holzmassivbauweise setzten, allein aufgrund der Nachhaltigkeit von Holz und der schnellen Bauabwicklung von Holzkonstruktionen im Vorteil, weshalb ein großer Teil der Bauten in Holzbauweise ausgeführt wurde. 

Das Punktesystem lt. Ausschreibung                                           

25 
Kosten
15 
architektonische Qualität
10
Energieeffizienz
10
Innenausbau
10
Nachhaltigkeit
10
Realisierungszeitraum
5
Bewohnerdichte
5
Flächenausnutzung
5
Möglichkeiten zur Gebäudeerweiterung auf der Plattform
5
räumliche Effizienz
100
Gesamt

Bauliche Voraussetzungen 

In Windeseile hatte die italienische Verwaltung Grundstücke umgewidmet, zum Teil auch enteignet, und rund um L’Aquila 19 Baubereiche definiert, innerhalb derer die neuen Siedlungen mit ihren Häusern für durchschnittlich 600 Menschen errichtet werden konnten. Somit würden Ende Oktober über 11.000 Personen ein neues Dach über dem Kopf haben, eine Überschreitung der angebotenen Realisierungszeiträume war mit hohen Pönalen für die anbietenden Firmen verbunden.  

Die Basis für die zu errichtenden Gebäude war eine standardisierte Stahlbetonplattform mit einer Größe von 21 mal 57 Metern, auf der jeweils ein dreigeschossiges Haus errichtet werden sollte. 150 solcher erdbebensicheren, auf Stahlbetonpfählen aufgeständerten Tische, unter denen Autos parken können, wurden in den 19 Baubereichen errichtet. Dabei versuchte man, auch städtebauliche Kriterien nach Möglichkeit zu berücksichtigen.  

Zwei Varianten  

Unter den beauftragten Firmenkonsortien befanden sich auch solche, deren Partner aus verschiedenen Ländern stammen. Zwei davon seien exemplarisch hervorgehoben, handelt es sich doch um italienisch-österreichische Kooperationen, die beide Massivholzbauten mit dem Brettsperrholz eines österreichischen Produzenten anboten. 

Bei der einen Variante werden dreigeschossige Wohnanlagen errichtet, die aus vier einzelnen Baukörpern bestehen, welche jeweils durch ein Stiegenhaus miteinander verbunden sind. Die Brettsperrholzelemente werden bereits im Werk fertig abgebunden, sodass sämtliche Öffnungen für Türen, Fenster, Steckdosen, Durchlässe etc. bereits vorhanden sind. Danach wird in einem ebenfalls österreichischen Zimmereibetrieb die Dämmung aufgebracht, woraufhin die fertigen Elemente per LKW zur Baustelle gebracht und dort montiert werden. Der Wandaufbau besteht aus 16,3cm Brettsperrholz, 10cm verputzter Dämmung und einem Innenausbau mit doppelter Gipskartonbeplankung sowie unverkleideter Deckenuntersicht.

Die zweite Variante verfolgt ein anderes Konzept: Es werden 1,25 Meter breite Wand-, Boden- und Deckenelemente im Werk fertig abgebunden und auf die Baustelle geliefert, wo die Ausbauarbeiten erfolgen. Aus den Elementen werden sieben dreigeschossige, kompakte Wohnriegel mit jeweils 27 Wohnungen gebaut, wobei die gesamte Konstruktion inklusive der Stiegenhäuser und der Liftschächte aus Massivholz besteht. Auf den 11cm starken Außenwänden sind wasserabweisende Korkplatten von 3cm Stärke als Dämmschicht aufgebracht, die Fassaden bestehen aus zementgebundenen Faserplatten. Im Innenausbau kommen noch einmal Wärmedämmung und eine Gipskartonplatte zum Einsatz, lediglich die Deckenuntersicht bleibt als Holzoberfläche sichtbar. 

Brand- und Schallschutzanforderungen werden bei beiden Varianten gemäß den italienischen Baugesetzen über die Wand- und Deckenaufbauten erreicht, der Erdbebenschutz ist sowohl durch die Betontische als auch durch die Holzkonstruktion gewährleistet.

Fortsetzung folgt  

Baubeginn war am 11. Juli, Ende Oktober konnten die Häuser übergeben werden. Dieser Erfolg ist nicht zuletzt auf die Kooperation zwischen österreichischen Firmen, die das Material und das technische Know-how zur Verfügung stellten, und italienischen Partnern zurückzuführen, welche die nötigen Kapazitäten und die logistische Erfahrung haben, die größte Holzbaustelle Europas zu betreiben. Dazu kommt die Einfachheit der Massivholzbauweise, die von den italienischen Arbeitern mithilfe der genauen Kennzeichnung jedes Elements sowie entsprechender Verlegepläne schnell erlernt werden konnte. Damit ist wohl die Voraussetzung für eine Fortführung der Zusammenarbeit beider Länder im Holzbau auch ohne vorhergehende Naturkatastrophen geschaffen.

 Variante 1
 Dämmung im Werk
Variante 2
 Dämmung vor Ort
Vorgaben
 lt. Ausschreibung
erreichte Punktzahl72,78 56,49max. 100
AngebotsreihungPlatz 1Platz 11 
Realisierungszeitraum **55 Tage75 Tage80 Tage
Kosten *2.051.400 Euro2.132.020 Euro2.100.000 Euro
Kosten/m2 Wohnung1.140 Euro1.180 Euro 
Wohnungen **2327 
Wohnblöcke insgesamt5+3 ***5+2 ***5
Wohnungen insgesamt184189 
Grundfläche **18x47,65m13x48m ca.12x48m
Verbrauch Brettsperrholz **620m3 760m3 
* ohne Möblierung und pro Wohnblock
 ** pro Wohnblock
 *** nachträglich zugeteilte Wohnblöcke

250 LKWs fuhren die 11.000m3 Brettsperrholz von Österreich nach Italien. Die Baustellen wurden immer ein wenig überbeliefert, damit selbst bei verkehrsbedingten Verzögerungen weitergebaut werden konnte.

Mehr als die Hälfte der 150 Wohnhäuser wurde aus Holz errichtet, davon 15 aus Brettsperrholz, der Rest in Rahmenbauweise oder einer Kombination aus beidem.

Sogar die Einrichtung wird den Bewohnern zur Verfügung gestellt.

Foto

© Kurt Zweifel, Sieglinde Weger, Johanna Schnaubelt, Wood Beton, Sistem Costruzioni, Luciano Cotena

Text

Eva Guttmann
2004 bis 2009 leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, Architekturpublizistin