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Nachhaltig helfen

Entwicklungsarbeit mit Holz

Kerstin Kuhnekath
Erschienen in
Zuschnitt 36: Schnelle Hilfe
Dezember 2009, Seite 14f.

Hilfsorganisationen operieren weltweit unter der Doktrin »Hilfe zur Selbsthilfe«. Die Spanne reicht von staatlichen und nicht staatlichen Organisationen über privat organisierte Hilfe bis zu institutionellen Projekten, zum Beispiel von Universitäten. Die Arbeit bewegt sich zwischen wichtiger Soforthilfe bei akuten Katastrophenfällen wie einem Tsunami und baulichen Maßnahmen, die langfristig die Lebensumstände verbessern sollen. »Hilfe zur Selbsthilfe« bedeutet vor allem beim Bauen, die vorhandenen lokalen Ressourcen und Fähigkeiten wertzuschätzen und weiterzuentwickeln, um die Kultur des betreffenden Landes aufzuwerten. Kompetenzen sollten gefördert und Wissen vermittelt werden, damit der Weg in die Unabhängigkeit möglich wird. Wichtig ist auch, dass der heimische Markt nicht durch die Einfuhr von Fremdrohstoffen zerstört wird, sondern nur mit vorhandenen Rohstoffen gebaut wird. Deshalb spielt neben Lehm und Stroh der Werkstoff Holz eine wichtige Rolle.

Auf dem Feld der Hilfsprojekte nahm in den letzten Jahren die studentische Aktivität zu. An der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens gründeten die beiden Studenten Yashar Hanstad und Andreas G. Gjertsen im Jahr 2007 die Organisation TYIN tegnestue. Die Gruppe, deren Kern aus fünf Studenten besteht, setzte seitdem vier Projekte in Thailand um. Ihr erstes waren die »Soe Ker Tie Houses« (Schmetterlingshäuser) in dem nahe der thailändisch-myanmarischen Grenze gelegenen Dorf Noh Bo, das größtenteils von Karen-Flüchtlingen bewohnt wird. Der Auftrag, ein Waisenhaus zu erweitern, kam 2008 vom Norweger Ole Jørgen Edna, der dieses zwei Jahre zuvor gegründet hatte. Innerhalb von sechs Monaten entwarf und errichtete tyin tegnestue zusammen mit den Einheimischen sechs kleine Gebäude als Schlafeinheiten und verdoppelte damit die Kapazität des Heimes von 24 auf 50 Wohnplätze. Man habe die Kinder bei den Zeichnungen und Modellen mitarbeiten lassen, erklärt Yashar Hanstad. So weisen Architektur und Bauweise lokale Elemente auf, gemischt mit dem Einfluss der europäischen Helfer. Den Namen »Schmetterlingshäuser« erhielt das Projekt aufgrund der Dachform, die an ein asymmetrisches umgekehrtes Satteldach erinnert, das schräg nach vorne und hinten weit auskragt. Die Form dient der Luftzirkulation und damit der Kühlung im Sommer sowie dem Sammeln des Regenwassers. Um der Bodenfeuchtigkeit zu entgehen, sind die Gebäude aufgeständert, die Lasten werden über Einzelfundamente aus alten Autoreifen in den Boden abgetragen.

Die Häuser sind so angeordnet, dass sie den Kindern soziale und nachbarschaftliche Interaktion ermöglichen, aber auch Räume zum Rückzug bieten. 

Die Konstruktion besteht aus Bambus und Tropenholz, das aufgrund seiner außergewöhnlichen Härte als Iron Wood bezeichnet wird. Aus dem Holz wurden die tragenden Wand- und Deckenelemente vorgefertigt. Die Hauptträger ruhen auf geteilten Stützen, die durch Bolzen miteinander verbunden und fixiert sind. Der Bambus dient der Ausfachung, die in den Seiten- und Rückfassaden in der lokalen Bambus-Webtechnik ausgeführt ist. Während der Bambus nur wenige Kilometer von der Baustelle entfernt günstig geerntet werden konnte, war man bei der Beschaffung des Holzes von der Unabhängigkeitsbewegung Karen National Union abhängig.

Der Einsatz von Bambus hat in der Region eine lange Tradition, seine Bearbeitung stellte für die Bewohner keinerlei Problem dar. Im Gegensatz dazu habe man alle Holzbretter einzeln justieren müssen, da sie krumm und schief zugeschnitten worden seien, erzählt Yashar Hanstad. Deshalb wurde ein Häuschen exemplarisch zusammen mit den Arbeitern gebaut, um zu zeigen, worauf es ankommt. Den Rest bauten die Dorfbewohner alleine, nachdem die TYIN-Mitarbeiter bereits abgereist waren.

In Österreich und Deutschland arbeiten Verbände wie die Caritas und andere NGOs verstärkt mit Universitäten zusammen. In Österreich wird seit fünf Jahren jährlich ein Projektsemester angeboten, das den Studenten den Anreiz geben soll, eigene Projekte in Südafrika selbst umzusetzen. Für die Logistik sorgt die österreichisch-südafrikanische NGO SARCH (social sustainable architecture). Die Kontakte laufen über die Organisation Education Africa. Finanziert wird das Ganze mit Spendengeldern, die Reisekosten tragen die Studenten selbst. Elias Rubin, Lehrbeauftragter an der Kunstuniversität Linz, definiert die Arbeit der Studenten denn auch nicht als Entwicklungshilfe. Es würden zwar Gebäude erstellt, die benötigt würden, aber der Grad der Nachhaltigkeit spiele nicht für alle Beteiligten eine gleich große Rolle. Die Bauaufgabe stehe im Vordergrund und dementsprechend reiche die Spanne »von österreichischen Meisterwerken bis zu nachhaltigen Bauwerken in traditioneller Bauweise«. In den letzten Jahren habe man reichlich Erfahrungen sammeln können, worauf es ankomme. Zum Beispiel werde die Instandhaltung der Gebäude vermittelt, damit sie nach Abreise der Studenten nicht gleich verfielen. Das Wort Nachhaltigkeit leidet heute daran, dass es ständig und für jeden Zweck genutzt wird. Ob ein Gebäude aber wirklich nachhaltig hilft, zeigt sich erst nach einiger Zeit. Es geht dabei nicht nur um die Materialien und die Baustruktur, sondern auch um Fragen wie: Was braucht der Ort? Wie entwickelt sich die Situation sowohl in politischer und sozialer als auch in geografischer Hinsicht? Wie können sich die Menschen selbst aus Notsituationen heraus helfen? Die sechs Einheiten für das Waisenhaus zum Beispiel funktionieren im bauphysikalischen Sinn einwandfrei: Sie sind trocken und kühl. Aber sie reichen jetzt schon nicht mehr aus. Die Zahl der Dorfbewohner steigt ständig. Wenn sie nun von selbst anfangen, Häuser zu bauen, die nach der neuen Technik gut klimatisiert, dicht und vor Feuchtigkeit geschützt sind, kann man sagen, dass nachhaltig geholfen wurde.

Standort

Schmetterlingshäuser
Noh Bo, Tak/THA

Planung

TYIN tegnestue
Trondheim/NO
www.tyintegnestue.no

Bauherr

Ole Jørgen Edna

Fertigstellung

Februar 2009

Foto
© Pasi Aalto/TYIN

Text

Kerstin Kuhnekath
geboren 1977, Tischlerlehre in Düsseldorf, Architekturstudium in Köln und Valencia, ein Jahr freie Autorin in Berlin, u. a. für Bauwelt und Baunetz, mehrere Jahre im PR- und Marketingbereich für Architekturbüros. Sie arbeitet als freie Autorin und Beraterin in Berlin.

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