Inhalt

Vom Haus zur Kirchenbank

New Orleans – vier Jahre danach

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 36: Schnelle Hilfe
Dezember 2009, Seite 21

Aus dem Material der zerstörten Häuser entstehen Möbel – zuerst aber müssen die Nägel entfernt werden.

2005 zerstörte der Hurrikan Katrina New Orleans. Besonders betroffen waren die einkommensschwachen Regionen der Stadt. Fast alle Häuser hier wurden unbewohnbar, bis zu 80.000 von ihnen mussten abgerissen werden. Bis heute lebt ein Großteil der Menschen dieser Bezirke in Notunterkünften, so genannten FEMA Trailers. Sergio Palleroni, Architekturprofessor an der Portland State University, spricht von Dritte-Welt-Bedingungen. Die Umweltkatastrophe habe nur zutage gebracht, wovor viele Amerikaner die Augen verschlossen hätten. Schon seit langer Zeit leidet New Orleans unter Armut und Arbeitslosigkeit: Die Analphabetismusrate liegt bei 39 Prozent – die zweithöchste in den USA –, die Arbeitslosigkeit bei 31. »Hurrikan Katrina hat diese Probleme nur noch verschlimmert«, sagt Sergio Palleroni, »aber er hat auch die Aufmerksamkeit der gesamten Nation darauf gelenkt.«

Schon seit zwanzig Jahren stellen Sergio Palleroni und seine Studenten der BaSiC Initiative ihre Designausbildung in den Dienst von Randgruppen. Als mobiles Studio entwerfen und realisieren sie Projekte in Afrika, Asien, in Süd- und Nordamerika. Auch in New Orleans haben sie nach der Umweltkatastrophe geholfen. Doch ging es ihnen weniger darum, neue Behausungen für die Bevölkerung zu schaffen – auch wenn dies zu Beginn sicher das vordringlichste Bedürfnis war. Sie wollten die soziale und wirtschaftliche Situation der armen Bevölkerung von New Orleans verbessern. So entstand das »Katrina Furniture Project«. Gemeinsam mit den Bewohnern stellten sie aus dem Material der zerstörten Häuser Möbel her. Zu Beginn gab es drei Prototypen: einen Tisch, eine Box und eine Kniebank für die Kirche.

Die Häuser, die durch Katrina zerstört wurden, waren über hundert Jahre alt und meist aus heimischer Zypresse und Sumpf-Kiefer errichtet. Zu Beginn der Aufräumarbeiten landete der Bauschutt auf der Mülldeponie oder in nahegelegenen Flüssen. »Man kann das Material nirgendwo kaufen«, erzählte Bryan Bell von der Non-Profit-Organisation Design Corps dem Time Magazine, »es ist unersetzbar.«

Den Leuten von New Orleans wurde in den Werkstätten aber nicht nur der Bau einfacher Möbel beigebracht, sondern auch Zimmermannswissen vermittelt, »damit sie Reparaturen an ihren Häusern in Zukunft selbst durchführen können und nicht wieder 18 Monate warten müssen, bis die Regierung handelt«, so Sergio Palleroni. Zu Beginn wurden die Werkstätten von Design-Studenten der beteiligten Hochschulen – University of Texas at Austin, Tulane University, Pennsylvania und Mississippi State University sowie das Art Center College of Design – geleitet. Damit die Einheimischen die Werkstätten in Zukunft auch ohne Hilfe von außen weiterführen können, wurde ihnen neben dem Handwerk auch Wissen über wirtschaftliche Belange bis hin zur Vermarktung vermittelt. Und wirklich: Vier Jahre nach dem Hurrikan Katrina gibt es das »Katrina Furniture Project« noch immer. Einheimische Handwerker haben die Leitung übernommen und führen das Projekt in ihren eigenen Werkstätten weiter – eines der Ziele von Anbeginn. Schon längst ist Sergio Palleroni mit seiner BaSiC Initiative an anderen Ecken der Erde aktiv. Für ihn gibt es keine klare Berufsbezeichnung für diese Art der multidisziplinären, multifunktionalen Zusammenarbeit. »Das ist genau der Punkt«, sagt er, »Designer sind als Einzige in der Lage, sinnvolle Fragen zu unseren schwierigen sozialen, wirtschaftlichen und Umweltproblemen zu stellen: Fragen, die Probleme in Möglichkeiten für eine hoffnungsvolle, positive Zukunft verwandeln können, sogar in den verwüsteten Gegenden von New Orleans nach Katrina.«

www.basicinitiative.org

Foto
© Brad Deal, Copyright BaSiC Initiative

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at