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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 38: Holz trägt
Juni 2010, Seite 3

Erst vor einigen Jahren entdeckten Archäologen einen neolithischen Brunnen und damit die ersten nachweisbaren Holzverzapfungen in Europa. Man nimmt an, dass die Brunnenbauer einen Baumstamm mit Steinbeilen kürzten und dann mit Meißeln aus Stein, Knochen oder Holz der Länge nach spalteten. Anschließend wurden die Bohlen zugehauen, um sie miteinander zu verkämmen, zu verschränken und in der untersten Lage sogar miteinander zu verzapfen.(1) Wenn man bedenkt, mit welchem handwerklichen Aufwand bei gleichzeitig primitivem Werkzeug solche Verzapfungen entstanden sind, scheinen die gestalterischen Möglichkeiten, die sich Architekten und Ingenieuren heutzutage auftun, schier unglaublich. Wir stehen einer hochmodernen und digitalisierten Fertigungsinfrastruktur der holzverarbeitenden Industrie sowie neuen Holzwerkstoffen gegenüber. Dies führt uns zu neuen konstruktiven Lösungen und einer größeren Formenvielfalt. Mit diesem Zuschnitt wollen wir aktuelle Tendenzen im konstruktiven Holzbau aufzeigen – ohne dabei einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können. 

 

 Beginnen wir bei den neuen Holzwerkstoffen: Die Einführung des Brettsperrholzes hat das Bauen mit Holz auf eine neue Ebene geführt – Mehrgeschosser aus Holz sind in der Branche in aller Munde, in der Schweiz wurde nach dem Prinzip der japanischen Origami-Falttechnik eine provisorische Kapelle errichtet. »Der neuere Massivholzbau beschreitet konstruktives Neuland«, schreibt Sabine Kraft im einleitenden Essay, »ob daraus auch eine neue Synthese von Form, Material und Konstruktion entsteht, muss sich aber erst empirisch erweisen.« Diese Frage nach einer materialgerechten Konstruktion ist aber nicht nur für die neuen flächigen Konstruktionen, sondern ebenso für die stabförmigen zu stellen. Holz scheint besonders gut für die Umsetzung komplexer Geometrien geeignet, weil es belastbar ist und sich leicht und präzise bearbeiten lässt. Es scheint, als seien die kompliziertesten Formen machbar – doch nicht alles, was machbar ist, muss auch materialgerecht sein. Immer wieder wird Holz unter großem konstruktivem Aufwand in eine vom Architekten erdachte Form gebracht, in die Form eines Strohhutes zum Beispiel oder in die eines überdimensionalen Sonnenschirmes.

 

 Ingenieur Georg Hochreiner bezeichnet den Ingenieurholzbau als »‚Königsklasse‘, als Lehrmeister für künftige Ingenieure, da er alle Komponenten enthält, die auch bei anderen Bauweisen zur Anwendung kommen«. Aber, so Hochreiner, »aktuell ist dieses Wissen nur bei wenigen Experten vorhanden und gipfelt in einzelnen Pilotprojekten und vielen missverstandenen Nachahmungen«. Auch wir kommen bei einem Themenheft zum konstruktiven Holzbau nicht an eben diesen Pionierbauten vorbei. Wir haben aber auch Bauten ausgewählt, die auf altbewährte Konstruktionen zurückgreifen und denen man die Lust am Konstruieren ansieht. 

 

 Überhaupt – das scheint die Quintessenz aller Beiträge in diesem Zuschnitt zu sein – kommt es auf eine gute Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieur an. Je komplexer die Formen, desto wichtiger wird das Zusammenspiel der Disziplinen. Wir hoffen, dass beim Lesen dieser Ausgabe die Freude am Konstruieren mit Holz ansteckt, und wollen mit dem Hinweis auf ein älteres Projekt, die Brücke in Murau der Schweizer Architekten Marcel Meili und Markus Peter und des Tragwerksplaners Jürg Conzett enden. »Wir haben gearbeitet wie in einem gemeinsamen Büro«, erinnerte sich Jürg Conzett in einem Gespräch (siehe Zuschnitt 2) an die damalige Zeit. »Man sitzt zusammen, man probiert aus, man skizziert, man denkt nach, man verwirft, man fängt nochmals an, bis am Schluss etwas da ist, das eben gleichzeitig Architektur und ein Ingenieurbauwerk ist.«

 

(1) Harald Sträuble: Steinzeit jenseits der Steine, in: Spektrum der Wissenschaft, März 2010, S. 62.