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Eine kurze Geschichte des Konstruierens

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 38: Holz trägt
Juni 2010, Seite 16f.
 1548 Tragsystem nach Philibert de l’Orme

1548
Tragsystem nach Philibert de l’Orme

Angeregt durch den Mangel an großen Baumstämmen hatte Philibert de I’Orme ein System entwickelt, bei dem mehrere Lagen hochkant stehender Bretter oder Bohlen versetzt nebeneinander angeordnet und mithilfe von Schwalbenschwanzverbindungen aus Hartholz zusammengesetzt wurden. Diese Bohlenbinder stellten eine kostengünstige Alternative zu konventionellen Dachstühlen dar, zudem gelang es zum ersten Mal, mit Holz in eine Größenordnung vorzudringen, die bis dahin dem antiken Pantheon oder den steinernen Großkuppeln der italienischen Renaissance vorbehalten gewesen war. Auf der Basis der de l’Orm’schen Konstruktion entwickelte Friedrich Zollinger ab 1904 eine neue Bauweise für Dächer. Beim so genannten Zollingerdach sind die einzelnen Lamellen nicht mehr linear zum Träger angeordnet, sondern netzförmig und bilden so ein Flächentragwerk.

Brücke über die Brenta in Bassano del Grappa von Andrea Palladio

1569
Brücke über die Brenta in Bassano del Grappa von Andrea Palladio

Überdachte Jochbrücke, die nach mehrfachen Sprengungen in den Weltkriegen wieder originalgetreu aufgebaut wurde.

Drehbares Holzgerüst für die Restaurierung des Pantheons

1756
Drehbares Holzgerüst für die Restaurierung des Pantheons

Seit der Antike haben hölzerne Baugerüste viel zur Entwicklung der Zimmermannstechnik beigetragen. Die drehbaren Holzgerüste für das Pantheon in Rom wurden 1756 eigens für die Restaurierung der Kuppel durch Campanarino entworfen. Dieses Gerüst bestand aus zwei Bindern, die mittels Zangen miteinander verbunden waren. Um jede Biegung zu verhindern, welche die Krümmung des Gerüstes verändern hätte können, wurden nach dem Prinzip der Andreaskreuze eiserne Stangen überkreuzt und mit Bolzen befestigt. Die vertikale Achse, um die sich das Gerüst drehte, war im Mittelpunkt der Laterne befestigt. Erhalten geblieben ist uns das Wissen über diese Konstruktion durch einen Kupferstich von Francesco Piranesi, einem Sohn von Giovanni Battista Piranesi.

Brücke über den Rhein bei Schaffhausen von Hans Ulrich Grubenmann

1758
Brücke über den Rhein bei Schaffhausen von Hans Ulrich Grubenmann

Im Brückenbau zeigt sich ganz besonders der Einfallsreichtum der Zimmerer. Beispielhaft sind die Brücken der Baumeisterfamilie Grubenmann in der Schweiz, allen voran jene von Hans Ulrich Grubenmann. Die Tragweiten seiner Brücken von bis zu 60 Metern übertrafen alles bisher Dagewesene. Er konstruierte anhand von Modellen und mithilfe von Erfahrungswerten. Die Stabpolygone, die die Grundlage seiner Tragkonstruktion bildeten, entwickelte er im Laufe der Zeit zu Bogenkonstruktionen weiter. Sein erster Entwurf für die Brücke über den Rhein bei Schaffhausen, eine Kombination aus Spreng- und Hängewerken, hatte sogar eine Spannweite von 119 Metern, die Stadtväter aber bestanden auf einem Mittelpfeiler.

 

1825
Fachwerkbögen aus gekrümmten Bohlen

 

1839
Holz-Metall-Verbindungen, die den Zugstab aus Holz durch gespannte Stahlseile ersetzen

Räumliche Fachwerke, bei denen die Holzteile mit Stahlseilen netzartig unterspannt sind

 

1851
Crystal Palace – der erste Höhepunkt des Systembaus

Für Konrad Wachsmann stellte die Realisierung des Kristallpalastes in London (Architekt: Joseph Paxton) den entscheidenden Wendepunkt in der Baukonstruktion dar. Das Gebäude mit einer Grundfläche von 70.000 m2 wurde aus vorgefertigten Elementen aus Stahl, Gusseisen, Holz und Glas konstruiert. Insgesamt wurden 17.000 m3 Holz eingesetzt, insbesondere für den Bau der zentralen Tonne.

 

1906
Patentierung Brettschichtholz

Der Zimmermeister Otto Hetzer erwirbt das Patent für gebogene, verleimte Brettschichtträger aus zwei und mehr Lamellen.

Frei Ottos Gitterschale für Mannheim

1975
Frei Ottos Gitterschale für Mannheim

Für die Bundesgartenschau in Mannheim überspannte Frei Otto eine Multifunktionshalle von 7.400 m2 – bei einer maximalen Spannweite von 60 Metern und einer maximalen Höhe von 20 Metern. Nach dem Prinzip der Hängeformen wurde das Holzgitter vor Ort nach und nach in Form gebracht, an den Rändern befestigt, justiert, fixiert und mit einem pvc-beschichteten Polyestergewebe überdacht.

Rinterzelt in Wien von Julius Natterer

1981
Rinterzelt in Wien von Julius Natterer

Die zeltförmige Hängekonstruktion der Recycling-Halle mit nur einer Mittelsäule hat einen Durchmesser von 170,60 Metern.

Holzkuppel in Tacoma/USA von McGranahan Messenger Associates

1982
Holzkuppel in Tacoma/USA von McGranahan Messenger Associates

Eine geodätische Kuppel, zusammengesetzt aus einzelnen Stäben, macht diese große Spannweite von 162 Metern bei geringem Materialverbrauch möglich.

Brücke in Murau von Marcel Meili, Markus Peter und Jürg Conzett

1996
Brücke in Murau von Marcel Meili, Markus Peter und Jürg Conzett

Die überdachte, 50 Meter weit gespannte Brücke besteht aus zwei vertikalen scheibenartigen Hohlkästen aus Dreischichtplatten und einem massiven Ober- und Untergurt aus Brettschichtholz. Die Grundform des Brückentragwerks ist ein geschlossener Rahmen, eine Art einfeldriger Vierendeel-Träger.

2000
Expo-Dach in Hannover von Thomas Herzog, Julius Natterer

 

2008
Nine Bridges Golf Resort in Südkorea von Shigeru Ban

 

 

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at