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Duftnote Holz

oder: Warum riecht Holz?

Rupert Wimmer
Erschienen in
Zuschnitt 39: täglich Holz
September 2010, Seite 6f.

Wie groß die Faszination von Düften ist, zeigte sich deutlich am großen Erfolg von Patrick Süskinds Roman »Das Parfum«. Von 1985 an stand er jahrelang auf den Bestsellerlisten und 2006 wurde auch der Film zum Kassenschlager. Das Wort Parfum bedeutet so viel wie »durch Rauch«. Ein Parfum setzt sich wie bei einer Pyramide aus drei Teilen zusammen: An der Spitze steht die Kopfnote. Diese ist meist intensiver als die anderen und wird von leicht flüchtigen Duftstoffen geprägt. Für den ersten Eindruck ist die Kopfnote besonders ausschlaggebend. Es folgt die Herznote, die sich erst nach Stunden entfaltet, nachdem die Kopfnote bereits verflogen ist. Das Fundament eines Parfums bildet die Basisnote, der letzte Teil des Duftablaufes. Die Basisnote enthält lang haftende Bestandteile und ist deshalb auch die wichtigste Duftnote. Bei der Basisnote tauchen Essenzen aus Holz häufig auf, vor allem, wenn es um Parfums für Männer geht. Viele beliebte Düfte wie beispielsweise Acqua di Gio von Giorgio Armani haben Zedernholz als Basisnote; andere Düfte wie jene von Hugo Boss verwenden Essenzen aus Rosenholz, Massoiaholz, Sandelholz, Sipoholz oder Guajakholz.

Die wohl wertvollste Basisnote stammt aus dem Adlerholz. Der Adlerholzbaum, lateinisch Aquilaria malaccensis, ist in Indien, Malaysia, Indonesien, Laos, Thailand und Vietnam zu finden und liefert eine ganz besonders aromatische Duftmischung. Von jeher war Adlerholz hoch begehrt für die Würzung von Räucherstäbchen, zur Einbalsamierung von Mumien sowie in der Medizin. Dieses Holz versetzt auch Rohstoffjäger in einen Rauschzustand der Gier, die skrupellos letzte Wildbestände dieser Baumart dezimieren. Es wird berichtet, dass Händler für Adlerholz bis zu 43.000,– Euro je Kilogramm zahlen. Das Holz wird dabei grammweise verkauft und der Rohstoffwert übertrifft jenen von Gold und Platin.

Die duftenden Bestandteile des Holzes sind Teil der so genannten Extraktstoffe. Sie kommen nur in vergleichsweise geringen Mengen im Holz vor, sind vorwiegend organischen Ursprungs und chemisch gesehen äußerst unterschiedlich. Die Extraktstoffe sind nicht nur für den Duft, sondern auch für eine Reihe weiterer wichtiger Eigenschaften mitverantwortlich, wie natürliche Dauerhaftigkeit, Lichtbeständigkeit, Wasser abweisende Wirkung, Brennbarkeit, Verarbeitbarkeit zu Papier, Holztrocknung oder akustische Eigenschaften.

Vom Holz zur Nase Damit wir Holz riechen können, müssen Duftstoffe einige Voraussetzungen erfüllen. Sie müssen leicht flüchtig sein, wasser- und fettlöslich. Unter flüchtig versteht man, dass ein Stoff einen niedrigen Siedepunkt hat und bei Zimmertemperatur rasch verdampft. Die Duftstoffe müssen wasserlöslich sein, um das wässrige Milieu der Nasenschleimhaut durchdringen und die Geruchsrezeptoren erreichen zu können. Zudem müssen die Stoffe ausreichend fettlöslich sein, um schließlich in die Membranen der Riechzellen vorzudringen. Bei der Abgabe von Holzdüften an die vorbeiziehende Luft ist die Differenz des Dampfdrucks zwischen Holzoberfläche und der Luft maßgeblich.

Es stellt sich ein dynamisches Gleichgewicht ein. Wird z. B. die Temperatur erhöht, ändert sich die Dampfdruckdifferenz und damit auch die Freisetzungsrate des jeweiligen Duftstoffes.

Wenn Holz »stinkt« Die harzig riechenden Duftstoffe aus Fichte, Kiefer und Lärche oder der aromatische Zederngeruch werden von vielen Menschen als angenehm empfunden. Unangenehm riecht hingegen eine nasskernige Tanne, da die reichlich vorhandene Bakterienflora einen säuerlichen Geruch erzeugt. Ähnlich unangenehm kann – durch die vorhandene Gerbsäure – auch frisches Eichenholz riechen. Auch Holzarten wie Ulme oder Nussbaum verbreiten unangenehme Gerüche, allerdings nur im nassen Zustand. Ledergeruch geht von Teak aus, Okumé kann nach Essigsäure riechen, feuchtes Birkenholz riecht mitunter »muffig«.

»Duftbionik« Bekannt geworden ist der aromatische Duft der Zirbe durch positive Wirkungen auf Schlaf und Wohlbefinden bzw. durch die »bioinhibitorische Wirkung« gegenüber Kleidermotten. Der Zirbenduft wird als süß, frisch, myrtenartig und krautig beschrieben. Im Gegensatz zu Holzessenzen in Parfums, die spätestens nach einem Tag verfliegen, kann der Duft des Zirbenholzes viele Jahre anhalten. Man vermutet, dass die anatomische Struktur des Holzes hier eine wichtige Rolle spielt. Holz hat ja die Besonderheit, ein hierarchischer Werkstoff zu sein: Selbst die feinen Holzfasern sind feingliedrig strukturiert – bis in den Nanometerbereich hinein. Diese auf mehreren Ebenen vorhandene Struktur ist möglicherweise dafür verantwortlich, dass Duftstoffe sehr dosiert und lang anhaltend an die Umgebung abgegeben werden. Holz und Duftstoff sind optimal aufeinander abgestimmt, wird der Duftstoff herausgelöst, geht dieses Zusammenspiel verloren.

Der Holzduft wird durch zwei Gruppen chemischer Verbindungen bestimmt: erstens durch Terpene bzw. Terpenoide und zweitens durch aromatische Verbindungen (Phenole bzw. Phenylpropanoide).

Terpene und Terpenoide
Es sind mehr als 30.000 Terpenoide bekannt, rund 8.000 davon gehören zur Untergruppe der Terpene. Sie basieren auf ungesättigten Kohlenwasserstoffen (= Isopreneinheiten).

Sesquiterpene sind größere Moleküle mit 15 Kohlenstoffatomen; rund zwanzig Sesquiterpene sind als Riech- und Aromastoffe wichtig. Darunter Santanol aus dem Sandelholz, alpha-Cadinen bzw. Occidentalol aus dem Holz der Wacholder (Bleistiftzeder, Eastern Red Cedar). Letztere wirken antibakteriell und mottenabweisend.

Phenole bzw. Phenylpropanoide
sind Moleküle, die am Benzolring verschiedene »funktionelle« Gruppen von einem bzw. drei Kohlenstoffatomen aufweisen. Zu ihnen zählen Duft- und Aromastoffe wie Benzaldehyd, das auch im Holz der Kirsche vorkommt, weiters Benzylalkohol, Safrol aus Sassafrasholz, Eugenol (Nelkenaroma) und Vanillin. So geht auch der Geruch von altem, vergilbtem, stark holzhaltigem Papier auf Vanillin zurück.

Foto
© Sylvia Henrich

Text

Rupert Wimmer
Professor für Holzwissenschaften an der BOKU Wien