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Eine Frage des Blickwinkels

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 39: täglich Holz
September 2010, Seite 13

»Jetzt geht es ihm an den Kragen, unserem Feind, dem Wald!« Mit diesen Worten begann Vilém Flusser seine Eröffnungsrede für den Steirischen Herbst 1990. Er sah im Vordringen des Waldes nach der letzten Eiszeit eine wesentliche Ursache für das Ende des Nomadentums – abgelöst von der sesshaften Landwirtschaft, die er augenzwinkernd zum Sündenfall unserer Zivilisation stilisierte. In einer Zeit, in der alle Sorge dem sterbenden Wald galt, war das eine witzige Provokation, aber auch Ausdruck eines tief sitzenden Misstrauens, ja einer Angst vor dem Wald, die ihn in unserem Kulturkreis lange zum Zufluchtsort für Gesetzlose und Außenseiter machte, zu einem Unort wie Berge, Flussniederungen und Wüsten. In der Romantik kippte die Sichtweise ins Positive. Je naturferner unsere städtische Zivilisation wurde, desto schwärmerischer wurde unser Verhältnis zur Natur. Mit dem Wald und dem Baum wurde auch das Holz zum Inbegriff des Natürlichen und Gesunden.

Was aber an unserem (Vor-)Urteil über Holz beruht auf körperlicher, sinnlicher Erfahrung? Was spielt sich »nur« in unseren Köpfen ab? Was lässt sich wissenschaftlich belegen?

Holz hat den Ruf, ein lebendes Material zu sein. Dabei ist es natürlich tot, sobald der Baum umgeschnitten fällt. Und auch im lebendigen Baum lebt genau genommen nur die äußerste Schicht.

Jeder kennt den Geruch von Schnittholz, den eher angenehmen von Fichte und vielleicht auch den beißenden, an Urin erinnernden Geruch von frisch geschnittener Tanne. Manche Hölzer wie Sandelholz, Hinoki und die bei uns heimische Zirbe behalten ihren meist sympathischen Geruch noch lange nach der Schlägerung und Verarbeitung. Viele schwören auf die heilsame Wirkung des Zirbenduftes. Eine Senkung der Pulsfrequenz durch den Zirbengeruch lässt sich sogar wissenschaftlich nachweisen. Dabei liegt doch nahe, dass jede Art von Wohlgeruch eine tiefere, ruhigere Atmung provoziert, die wiederum die Pulsfrequenz senkt. Zirbe ist ideal für den Einsatz in wcs, Bädern, Raucherstuben und Ruheräumen. In Schlafräumen sollte man es sorgfältig dosieren, um einen Überdruss zu vermeiden, wie er manchen nach anfänglich allzu großer Begeisterung für Räucherstäbchen befällt.

Über diese alltäglichen, sinnlichen Eigenschaften hinaus scheint auch die Mystik des Waldes auf unseren Rohstoff Holz abzufärben. Eine Schlägerung »im richtigen Zeichen« soll Holz unverrottbar, schwindungsfrei, besonders tragfähig oder sogar unbrennbar machen. Davon handeln die alten Holzregeln, deren Geschichte sich bis ins Mittelalter und teilweise sogar bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Der Vorzug der Winterschlägerung in der traditionellen Holzbringung scheint rational durchaus nachvollziehbar. Die bäuerliche Feldarbeit ruhte im Winter und die Holzschädlinge ebenso. Eine dicke Schneedecke verminderte die Beschädigungen des Holzes beim Fällen. Nur trockener ist das Holz des Baumes im Winter nicht, wie Messungen zeigen.

In den Holzregeln Mitteleuropas, aber auch Chinas wird dem Mond eine entscheidende Wirkung zugeschrieben. Ein Einfluss der Position des Mondes beim Fällen eines beliebigen Baumes lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht aber nicht nachweisen. Doch so mancher wird sich erinnern, wie noch vor wenigen Jahrzehnten Kräuterkundige als überholte Sonderlinge belächelt wurden. Heute sind Heilkräuter die ergiebigste Wirkstoff-Fundgrube der Pharmaindustrie. Ötzis Aspirin war die salicylsäurehaltige Weidenrinde. Selbst banale und scheinbar schon erschöpfend erforschte Substanzen wie Wasser und Kohlenstoff bergen immer neue Überraschungen für die Wissenschaft. Auch die Benennung eines bestimmten Phänomens ist von dessen wissenschaftlicher Erklärung noch weit entfernt.

Für die auf dem heutigen Holzbauniveau notwendige industrielle Holzbringung, die sich nicht auf einige wenige passende Tage im Jahr beschränken kann, werden die alten Holzregeln kaum Relevanz erlangen, selbst wenn sich ihre Richtigkeit erweisen sollte. Als in den 1970er Jahren eine brutal zusammengedübelte Massivholzkiste von IKEA entgegen meiner tischlerischen Erwartung nicht innerhalb kürzester Zeit auseinanderfiel, dachte ich nicht an vielleicht zufällig im richtigen Zeichen geschlägertes Holz; vielmehr dämmerte mir eine damals einsetzende totale Änderung der Bedingungen für den Einsatz von Massivholz im Innenausbau.

Was bleibt und noch lange bleiben wird, sind die Überraschungen, im Positiven wie im Negativen, die uns der Werkstoff Holz immer wieder bereitet, und für die wir gerne eine Erklärung hätten. Und weil wir die Erfahrung machen, dass wissenschaftliche Gutachter in der Sache oft ähnlich hilfreich sind wie Anwälte, suchen wir Erklärungen in Überliefertem. »Im falschen Zeichen geschlagen«, sagte der vorbeikommende Tischler zum Bodenleger, als sich ein Eichenparkett auch im dritten Jahr noch nicht beruhigen wollte und die unglaublichsten Kapriolen schlug. Ich habe aus insgesamt drei ähnlichen Fällen nun meine eigene Regel abgeleitet: Die feste Entschlossenheit, das Ärgernis an der Wurzel zu packen und den Boden herauszureißen, bewirkt seine schlagartige Beruhigung.

Kurz: Holz hält uns auf Trab und gibt uns zu denken; schon aus diesem Grund ist Holz gesund. Über Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen informieren Gebrauchsinformation, Tischler oder Zimmermann.

Literatur

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