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Erwin Wurm

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 39: täglich Holz
September 2010, Seite 28

Es gibt nicht viele Künstler, die für sich in Anspruch nehmen können, mit ihrem Werk sowohl national als auch international eindeutig wiedererkannt zu werden – und dies nicht nur von eingeweihten Zirkeln, sondern über die unterschiedlichsten Gesellschafts- und Altersgruppen hinweg. Auch wenn vielleicht der Name Erwin Wurm nicht allen geläufig ist, so sind es zumindest seine Formensprache und seine Skulpturen. Diese haben so etwas wie Kultstatus erreicht und durch Werbung und Musikvideos auch Eingang in die Welt des Plagiats gefunden – sicherlich eine zweifelhafte Ehre und mitunter ärgerlich, aber kopiert wird in der Regel nur das Beste.

Erwin Wurm versucht den elitären und mitunter begrenzten Raum der zeitgenössischen Kunstrezeption zu durchbrechen und zu erweitern. Dieser Anspruch manifestierte sich schon relativ früh in seinen Arbeiten und in der Herangehensweise, mit der er den von ihm neu interpretierten Skulpturenbegriff der Öffentlichkeit zugänglich macht. In seinen Anfängen beschäftigte sich der Bildhauer noch mit bemalten Holz- und Blechskulpturen, in denen er Malerei und Skulptur, nach akademischer Tradition eigentlich getrennte Gattungsformen, miteinander verschmelzen ließ. Ende der 1980er Jahre entstanden dann die ersten Staubskulpturen, die Wurm mit minimalen Mitteln kreierte. Diese Arbeiten beschäftigen sich mit dem Abwesenden, sie zeigen lediglich die Umrisse einer Form. Auf Podesten, in Vitrinen oder auf dem Boden, dort, wo der Betrachter für gewöhnlich etwas zu sehen bekommt, ist lediglich eine vom Staub ausgesparte Fläche zu sehen. Der Besucher muss die fehlenden, aber als dazugehörig empfundenen Gegenstände selbst imaginieren.

Etwa zeitgleich entstanden die ersten Kleiderskulpturen: Anzüge, Mäntel und Hosen wurden über Sockel oder konische Röhren gestreift. Zu Beginn der 1990er Jahre folgten dann Arbeiten, in die die Öffentlichkeit mittels Handlungsanweisungen erstmals mit einbezogen wurde.

In der Videoarbeit »59 Stellungen« von 1992 ließ Erwin Wurm die Protagonisten in Kleidungsstücke hineinsteigen, in unterschiedlichen Verrenkungen verharren und so Gebilde erzeugen, in denen sich ihre eigene Körperlichkeit auflöste. Die grotesken und absurden Momente, die daraus resultierten, bildeten schließlich die Voraussetzungen für Wurms »One Minute Sculptures«. Dieser neu geschaffene Skulpturentypus spielt mit Elementen des Alltäglichen und thematisiert die Reproduzierbarkeit sowie die Interaktion als Handlungsform und Ereignis. Ihre mediale Dokumentation mit Hilfe von Fotos und Videos bildeten in dieser Konstellation eine völlig neue Interpretation des Skulpturenbegriffs. Die am Cover abgebildete Arbeit »Vincent« aus dem Jahr 2004 zeigt eine solche »One Minute Sculpture«, in der Wurm den Schauspieler und Regisseur Vincent Perez im Café de Flore, Paris, in eine Tischplatte beißen lässt.

Auch die hier gezeigte Arbeit »Table of conspiracy« von 2003 folgt ähnlichen Prinzipien. Der Künstler Erwin Wurm gibt Handlungsanweisungen zu Aktionen, die zwar nicht mit herkömmlicher Logik erklärt werden können, die aber Freiräume verhandeln und ermöglichen. Auf dieser Basis muss sowohl unser eigenes Tun als auch der Skulpturenbegriff völlig neu definiert werden.

Erwin Wurm

geboren 1954 in Bruck/Mur
lebt und arbeitet in Wien und Limberg

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2010 Museum der Moderne Salzburg, Salzburg, bis 10.10.2010 Kunstmuseum Bonn, Bonn
    Galerie Thaddaeus Ropac, Paris
  • 2009 Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
    Galerie Xavier Hufkens, Brüssel
  • 2008 The artist who swallowed the world, Kunstmuseum St. Gallen, St. Gallen
  • 2007 das lächerliche leben eines ernsten mannes, das ernste leben eines lächerlichen mannes, Deichtorhallen Hamburg, Hamburg
  • 2006 Keep a Cool Head, mumok Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Wien

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2010 The Art of Participation: 1950 to Now, Palazzo delle Arti, Neapel
  • 2009 3rd Moscow Biennale of Contemporary Art, Moskau
  • 2008 The Art of Participation: 1950 to Now, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco
  • 2007 you _ser: Das Jahrhundert des Konsumenten, zkm, Karlsruhe 
Text: Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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