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Seitenware II

Wasserkanäle am Meer

Markus Rohner
Erschienen in
Zuschnitt 39: täglich Holz
September 2010, Seite 26

Viele Wasserkanäle aus Holz sind der Modernisierung zum Opfer gefallen. Nun setzen immer mehr alpine Regionen aus ökologischen, kulturellen und touristischen Gründen wieder auf die alten Wasserwege.

In niederschlagsarmen Bergregionen waren offene Wasserkanäle während Generationen von großer Bedeutung für den Transport und die Verteilung des knappen Wassers. Heute noch stößt man in der Schweiz in den südexponierten inneren und südalpinen Berglagen, sei es im Wallis, im Vinschgau, im Aostatal oder in Graubünden, auf solche Wasserkanäle.

»Diese Wasserleitungen sind Teil einer archaischen Landschaftsformung durch den Menschen, die sich bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen lässt«, schreibt Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Weil es in den steilen und niederschlagsarmen Höhenlagen an Wasser mangelte, wurde das kostbare Nass den Gletscherbächen in einem ausgeklügelten System entnommen und in offenen Rinnen in gleichmäßigem Gefälle zu den Dörfern geleitet. Unterwegs wurde Wasser für die Bewässerung der Wiesen, Weinberge und seltener der Äcker abgezweigt.

Der aufwendige Unterhalt, der hohe Wasserverlust, der steigende Wasserbedarf und neue technische Möglichkeiten führten ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum schrittweisen Abbau der hölzernen Wasserkanäle.

Auch an der Grenze zu Südtirol, im Val Müstair, wurden offene Wasserleitungen unter den Boden verlegt, und Berieselungsanlagen übernahmen die Aufgaben der alten Wasserkanäle.

Förster Jörg Clavadetscher beschäftigt sich intensiv mit dem Erhalt und Unterhalt der alten Kanäle. Seit 2007 hat er mehrere zerfallene Leitungen freigelegt und dem Wasser seinen Lauf durch die offenen Kanäle wieder möglich gemacht. Die Touristen freut’s, weil sie neue attraktive Wege vorfinden. Kulturhistoriker und naturbewusste Landwirte wissen den hohen kulturellen und ökologischen Wert der Kanäle zu schätzen. Für die Kanäle verwendet Clavadetscher bis zu sechs Meter lange Stämme aus Lärchenholz, die er im Werkhof seiner Forstgemeinschaft zugeschnitten hat: »Liegen die Stämme einmal im Kanalsystem, halten sie über Jahrzehnte. Das Wasser wird zum besten Konservierungsmittel des Holzes.«

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Text: Markus Rohner
geboren 1957
freischaffender Journalist in Altstätten im St. Galler Rheintal