Inhalt

Was vom Sommertage übrig blieb

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 39: täglich Holz
September 2010, Seite 14f.

Das Eisstäbchen ist eines der einfachsten Alltagsobjekte der Welt. Weniger bekannt ist, dass ohne eine Frostnacht des Jahres 1905 so manch eine sommerliche Situation zu einer äußerst pickigen und umständlichen Angelegenheit geworden wäre.

Sagen wir Staberl zu ihm. Oder nein, doch lieber Stäbchen. Oder noch besser: Eisstäbchen. Im Prinzip handelt es sich dabei um ein an Einfachheit kaum zu überbietendes Alltagsobjekt. In dieser Disziplin kann es locker mit seinem nahen Verwandten, dem Zahnstocher mithalten. Man könnte auch sagen, das Eisstäbchen ist so einfach wie unentbehrlich. Der Versuch, sich ein Brickerl ohne Eisstäbchen auf der Zunge zergehen zu lassen: zum Scheitern verurteilt. Das Knabbern an der Schokokappe eines Jolly ohne Stäbchen: äußerst unelegant. Das ohnehin nicht einfache Unterfangen, ein Twinni brüderlich zu teilen: Was für eine pickige Angelegenheit! Kurz: Das Eisstäbchen gehört zum Eis wie ebendieses zum Sommer. Das Stäbchen macht diese Schleckerei erst möglich, es ist sozusagen das Fundament des Eisschleckens, das Instrument, das – zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt – das Eis seiner Bestimmung zuführt. Ist das Eis geschleckt, zerbissen oder zwischen den Lippen geschmolzen und schon auf dem weiteren Weg alles Irdischen, bleibt das Eisstäbchen übrig.

Manch einer zuzelt dann noch in Biber-Manier an dem hölzernen Ding – nun ohne Trägerfunktion –, bis es seine fasrige Struktur offenbart. Auch hier zeigen sich die verwandtschaftlichen Bande zum Zahnstocher. Ein anderer findet Vergnügen daran, es zu brechen und zu knicken. Der Nächste verwendet es als Anzündhilfe fürs Lagerfeuer und als Tischbeinkeilchen. Auf www.recyclingbasteln.de versammeln sich die Jünger des Eisstäbchens und zeigen ihre gebastelten Meisterleistungen: Vom einfachen Christbaumschmuck in Sternform über Eierbecher und Lesezeichen bis hin zu Flamenco-Fächern und Strickleitern für Osterhasen reichen die Ergüsse aus einem Werkstoff, der die Konkurrenz von Kastanien-Getier mit Streichholzbeinen nicht fürchten muss.

Allein in Deutschland wird der mit Ceresin-Wachs beschichtete Eisstiel aus Buchenholz jährlich 1,2 Milliarden Mal verbraucht. Angeblich geht die Geschichte vom Eis am Stiel auf den Amerikaner Frank Epperson und das Jahr 1905 in Kalifornien zurück. Der damals Elfjährige braute sich eine Limo und ließ diese samt Rührstab auf der Veranda stehen. Irgendwann in der darauf folgenden, frostigen Nacht schlug die Geburtsstunde des Eis am Stiel. Doch erst Jahre später, im Jahre 1923, erinnerte sich Frank Epperson an sein glückliches Missgeschick und ließ sich seine gefrorene Stiel-Limo patentieren. In der Patentanmeldung hieß es: »Gefrorenes Eis am Stiel ist die fortschrittliche Methode, gefrorene Süßware in attraktiver Form und angebrachter Weise verzehren zu können, ohne sie dabei durch Kontakt mit Hand, Teller oder Gabel zu beschmutzen.«

Dass aus dem Stiel ein Holzstiel wurde, ist weit weniger zufällig als die Geschichte des Stieleises. Fragt man bei Professor Alfred Teischinger vom Institut für Holzforschung der Wiener Universität für Bodenkultur nach, weiß dieser zu berichten:

»Es gibt wohl mehrere Gründe, warum Holz damals wie heute die beste Lösung für das Eisstaberl ist. Holz ist nicht wärmeleitend. Es wirkt eher als Isolator. An einem Plastikstaberl würde das Eis viel schneller in der Hand schmelzen und man hätte an einem heißen Sommertag die Malaise. Außerdem ist Buchenholz eine wenig dauerhafte Holzart, einmal unachtsam weggeworfen, zersetzt sich das Eisstaberl im Gras ohne schädliche Rückstände. Das Holzstäbchen erfüllt also kurzfristig seinen Zweck ganz einwandfrei und verschwindet von selbst.« Teischinger kennt aber noch mehr Vorteile, die im Prinzip in und auf der Hand liegen, so bietet die hölzerne Oberfläche den Fingern ausreichend Grip und ist geschmacksneutral. Und schließlich wäre da noch die Sache mit der Hygiene: Nicht umsonst kommt die breitere Variante des Eisstäbchens während des »Ahhhh«-Sagens beim Onkel Doktor zum Einsatz. Das kann doch nur gesund sein!

Text
Michael Hausenblas
geboren 1969 in Bregenz
seit 1999 Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard

Foto
© Trude Lukacsek