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Weihrauch der Alpen

Der Duft der Zirbe ist unverwechselbar

Thomas Schenk
Erschienen in
Zuschnitt 39: täglich Holz
September 2010, Seite 8f.

Der Duft der Zirbe ist unverwechselbar. Doch zu beschreiben, was einem in einer Zirbenstube genau in die Nase steigt, fällt schwer. Dank der Leidenschaft eines Duftforschers kommen wir dem Geheimnis auf die Spur.

Ein sonniger Herbsttag im Val S-charl, einem Seitental des Unterengadins, dem höchstgelegenen Zirbenwald Europas. Wind zieht über die Bäume, an den langen, weichen Nadeln wird die Luft gefiltert wie an einem riesigen Kamm. Es duftet nach Gras, da und dort steigt einem der Geruch von Wacholder in die Nase. Bloß von den Bäumen ist nichts zu riechen.

Es gehört zu den Eigenarten dieser Welt: Nicht dort, wo es am meisten Holz gibt, nämlich im Wald, riecht es so richtig nach Holz. Hier dominieren Gerüche von Moos, Pilzen und feuchter Erde. Wird ein zerfurchter Stamm von der Sonne beschienen, lassen sich allenfalls Harznoten wahrnehmen.

Der Duft von Bäumen kann besser in der Sauna wahrgenommen werden – vorausgesetzt, man gießt genügend mit Latschenkiefer-Konzentrat versetztes Wasser über die heißen Steine. Der herbe Geruch, ob aus den Nadeln der Legföhre gewonnen oder synthetisch hergestellt, vertreibt die Ausdünstungen der Saunabadenden und erinnert an frisch geschlagene Bäume. Mindestens so angenehm ist es, Zeit in einer zirbengetäfelten Stube zu verbringen. Denn sind die Stämme einmal zersägt, geben sie ihren Duft preis. Kein anderer Baum tut das so markant wie die Zirbe. Zirbenstuben sind die Duftkammern einer sanften Aromatherapie.

»Ich erkenne die Holzarten an ihrem Geruch«, sagt Jon Grass, Schreiner im Unterengadin. »Bei Föhre und Lärche ist das Harz dominant, gewisse tropische Hölzer wie die Rio Palisander riechen süßlich, andere Exoten stinken regelrecht.« Am liebsten arbeitet Grass aber mit Zirben. Nicht nur, weil sie »lieb« sind, sich das Holz kaum verzieht, nicht nur, weil sich die Bäume in rauen Höhen behaupten müssen und ihm deshalb sympathisch sind. Dass er die Zirbe mag, liegt vor allem am Geruch, »der ist gut, angenehm«. Aus seinem Lieblingsholz fertigt Grass am häufigsten Schlafzimmermöbel an, Betten und Schränke. Kunden verlangen aber auch Kassettendecken, und gerade hat er eine Urne aus Zirbe gefertigt. Grass bedauert, dass er selbst den Duft kaum mehr riecht. »Meine Nase hat sich daran gewöhnt. Erst wenn ich nach ein paar freien Tagen wieder in die Werkstatt komme, nehme ich den Zirbengeruch für kurze Zeit wieder wahr.«

Doch wonach riecht Zirbenholz, was macht den Geruch angenehm? Der Schreiner antwortet ausweichend. »Nicht süß, nicht herb«, sagt er nur. Seit 35 Jahren arbeitet er mit dem Holz, ein präzises Vokabular für den Geruch braucht er dazu nicht. Fragt man seine Berufskollegen oder die Förster, so haben auch sie keine Beschreibung parat, die meisten lächeln nur.

Wortreicher sind da Duftspezialisten, Parfumeure. Andy Tauer aus Zürich beschreibt den Zirbenduft als »mild, rund, warm vibrierend, wie trockene Nadeln in der Herbstsonne«. Doch er relativiert sogleich: Ein Duft lasse sich nur sehr bedingt mit Worten beschreiben, denn die Wahrnehmung sei individuell sehr verschieden. Unbestritten ist für Tauer die Einzigartigkeit: »Wer Zirbenholz einmal gerochen hat, erkennt es immer wieder, verwechselt es auch nicht mehr mit Tannen- oder Lärchenholz. Für mich ist Zirbenduft der Weihrauch der Alpen«.

»Holznoten«, erklärt er weiter, »haben in der Parfümerie eine lange Tradition. Holzextrakte werden zum Fixieren eingesetzt. Ihre Moleküle sind größer, der Siedepunkt liegt höher, sodass sie länger auf der Haut haften. An diesen großen Holzmolekülen können kleinere und damit flüchtigere Noten andocken und ihrerseits länger halten.« Deshalb ist der Einsatz von Sandel- oder Zedernholz in der Parfümerie weit verbreitet. Mit Zirbenextrakten hat Tauer zwar bis heute noch nie gearbeitet, doch vielleicht kommt das noch: »Zirbe heißt auf Englisch ,swiss pine‘. Das allein wäre eigentlich ein Grund, um als Schweizer Parfumeur den Duftstoff einmal auszuprobieren.«

Kaum jemand kann den Duft der Zirbe präziser beschreiben als Roman Kaiser. »Swiss Mountain Forest« heißt eine Duftlandschaft, mit der er seit Jahren arbeitet und die wie ein Bergwald aus Lärchen und Zirben riecht. Kaiser ist Chemiker und Duftforscher bei Givaudan in Dübendorf nahe Zürich, dem weltweit größten Hersteller von Duft- und Aromastoffen, und hat in den letzten dreißig Jahren auf dem ganzen Globus rund 2.700 verschiedene Naturdüfte untersucht, vor allem Pflanzen- und Holzdüfte.

»Beim Zirbenholz«, sagt Kaiser, »handelt es sich um einen sehr komplexen Duft.« Und ebenso komplex ist seine Erklärung. »Zirbenholz zeigt eine ausgesprochen frische Holznote«, sagt er, um dann eine ganze Reihe chemischer Elemente aufzuzählen: alpha-Pinen, beta-Pinen, 3-Caren, alpha-Campholenaldehyd und so weiter. Aufschlussreicher für das Verständnis des Zirbendufts sind die Adjektive, die er für jedes Element nennt: »terpentinartig, aber süß und frisch wirkend; frisch, myrtenartig; krautig und medizinisch; ein Schatten einer etwas tranig und fettig wirkenden Note«.

Dass Roman Kaiser dem Zirbenduft auf den Grund gegangen ist, lässt sich nicht bloß mit seiner Leidenschaft erklären. Dahinter stehen auch handfeste wirtschaftliche Gründe. »Unser Business«, erklärt er, »ist es, Düfte zu verstehen und sie kommerziell in Parfums zu verwenden.« 550 der untersuchten Naturdüfte hat er auf der Basis der einzelnen synthetischen Duftstoffe nachgebaut. Besonders vielversprechend seien Umgebungsdüfte wie der »Swiss Mountain Forest«, denn sie sind emotional positiv besetzt, erinnern an Ferien in den Bergen. »Und weil es ein Hauptziel von Parfums ist, positive Erinnerungen ins Bewusstsein zurückzubringen, können diese Duftstoffe bei der Kreation von Parfums gute Dienste leisten.«

Ob im Engadin oder in einem anderen Zirbenwald: Solange der Baum im Boden verwurzelt ist, geht er haushälterisch mit seinen Duftstoffen um. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Zirbenholz, einmal zu Brettern verarbeitet, den einzigartigen Geruch so lange bewahrt. Wie lange, lässt sich im Kloster San Jon in Müstair überprüfen. Das Dormitorium im Plantaturm, diesem gezackten Wehrbau, wo sich die Schwestern einen großen Schlafraum teilten, ist mit Zirbenholz ausgekleidet. An den Brettern stehen Jahreszahlen, in denen das Holz geschlagen wurde: 1436, 1500 und 1501; das Alter des Holzes lässt sich anhand der Jahrringe bestimmen. Der Duft hat sich bis heute erhalten.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung des Textes »Weihrauch der Alpen«, zuerst erschienen in:
piz – das Magazin für das Engadin und die Bündner Südtäler, Nr.38⁄2009.

Foto
© Nikolaus Walter

Text

Thomas Schenk
  • Journalist und Schriftsteller
  • lebt in Zürich
  • 2010 erschien seine Erzählung »Im Schneeregen« bei Weissbooks www.thomasschenk.ch

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