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Wertschöpfungskette

Im Quellenschutzland

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 40: Holz und Stahl
Dezember 2010, Seite 29

Es ist Herbst. Die Blätter der Bäume leuchten um die Wette. Zusammen mit dem Grün der Fichtennadeln ergibt das eine fast märchenhafte Farbenpracht. Wir sind der I. Wiener Hochquellenleitung gefolgt und nach etwa eineinhalb Stunden Autofahrt an deren Ursprung im Naßwald, zwischen Raxalpe und Schneeberg, gelandet. Hier liegen die Quellen, aus denen ein Teil der Wiener Trinkwasserversorgung gespeist wird, und hier scheint die Natur noch in Ordnung zu sein.

Peter Lepkowicz vom Forstamt der Stadt Wien ist nicht nur Leiter der Forstverwaltung Naßwald, er ist auch mit für die Qualität des Wiener Trinkwassers verantwortlich. Folgt man ihm durch seinen Wald, merkt man schnell, dass der Waldboden eine besondere Bedeutung für ihn hat. Durch diesen sickert das Wasser langsam in die darunterliegende Gesteinsschicht und fließt dann talabwärts, bis es auf eine wasserundurchlässige Schicht trifft und dort als Quelle zutage tritt. Der Boden, der für die Speicherung, Filterung und Bremsung der Fließgeschwindigkeit verantwortlich ist, ist mancherorts gerade einmal 5 cm dick, höchstens aber einen Dreiviertelmeter. Schwere Maschinen können ihn leicht beschädigen. Ohne Bodenschicht aber kann das Wasser ungebremst und ohne Filterung der Schwebstoffe in die Gesteinsschichten dringen und ist somit als Trinkwasser nicht mehr brauchbar.

In den Wiener Quellenschutzwäldern müssen die Förster mit so wenigen Straßen wie möglich auskommen – die Dichte der Straßen ist hier halb so hoch wie in einem normalen Forstbetrieb – und bei der Waldarbeit auf Harvester verzichten. Sie bringen die gefällten Bäume mit einem Seilkran zur Straße, und ist selbst ein solcher nicht möglich, nehmen sie Pferde zu Hilfe.

Weitere Stichwörter, die zum selbstverständlichen Vokabular der Forstarbeit im Naßwald gehören, lauten Naturverjüngung, Kahlschlagverbot und Mischwald. Denn auch die Baumarten haben einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Waldbodens und in weiterer Folge auf die des Wassers. Unterschiedliche Baumarten erzeugen unterschiedliche Qualitäten von Humus.

Lepkowicz vergleicht einen Fichtennadelhumus gerne mit einem Wettex: Bei starken Niederschlägen fließt das Wasser in großen Bächen einfach an der Oberfläche ab, statt gespeichert und gefiltert zu werden. Mischwälder dagegen bilden eine gute Humusschicht, die auch große Regenmengen filtern kann. Logisch, dass die nach wie vor existierende Fichtenmonokultur langsam durch einen Mischwald ersetzt werden soll. Doch bis dieses Ziel erreicht ist, dauere es bestimmt noch 150 Jahre, schätzt Lepkowicz. Wunder passieren eben nur im Märchen.

Die Quellenschutzwälder der Stadt Wien

Knapp 600.000 m3 Trinkwasser stehen den Wienern und Wienerinnen täglich zur Verfügung. Es kommt aus den Quellenschutzwäldern der Stadt Wien, die im Rax-Schneeberg-Gebiet und am Hochschwabmassiv liegen und insgesamt 33.000 Hektar groß sind. Über die I. und II. Wiener Hochquellenleitung wird das Wasser nach Wien geleitet. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Stadt Wien zur Großstadt wurde und die Wasserversorgung über Hausbrunnen und Donaukanal zur gesundheitlichen Gefahr für die Bevölkerung wurde, begab man sich auf die Suche nach einem neuen Wasserversorgungssystem. Die Idee, das Wasser über eine 90km lange Fernleitung nach Wien zu holen, stammte von dem Geologen und Gemeinderat Eduard Suess und seinem Mitarbeiter Carl Junker. Der ersten Wasserleitung von 1873 folgte dann 1910 die zweite aus dem Hochschwabmassiv. Während das Wasser aus dem Rax-Schneeberg-Gebiet etwa 16 Stunden nach Wien unterwegs ist, braucht es aus dem Hochschwabmassiv ganze 36 Stunden. Viele Prozesse im und um den Wald hängen eng mit der Qualität des Quellwassers zusammen, die drei Forstverwaltungen Hirschwang, Naßwald und Wildalpen, die für die Quellenschutzwälder zuständig sind, arbeiten deshalb eng mit den Wiener Wasserwerken zusammen.

Die Quellenschutzwälder der Stadt Wien und ihre Forstverwaltungen:
1 Hochschwab, 2 Rax, 3 Schneeberg

Info

Forstamt und Landwirtschafts­betrieb der Stadt Wien
www.wald.wien.at

Fotos

© Forstamt der Stadt Wien

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at