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Baden im Fluss

Thermenanlage in Chile

Cathelijne Nuijsink
Erschienen in
Zuschnitt 41: landauf-landab
März 2011, Seite 19f.

Sieben Jahre lang war del Sol zu Studien- und Arbeitszwecken in Spanien. 1980 kehrte er nach Chile zurück und verfolgt seitdem seine eigene Mission: Er will, dass die Menschen seines Landes die schroffe chilenische Landschaft nicht nur vom Anschauen kennen lernen, sondern diese wirklich erleben. Als er erfuhr, dass auf einer Farm 700 km südlich von Santiago im Nationalpark Villarica sechzig natürliche Heißwasserquellen entdeckt worden waren, machte er sich sofort auf den Weg. Er pachtete die Farm und begann, die heißen Quellen auf eigene Faust zu erkunden. Del Sol säuberte die gesamte Flussböschung von abgestorbenen Büschen und Bäumen und legte 17 unterschiedlich große Heißwasserbecken entlang eines roten Zickzacksteges an. Damit verwandelte der Architekt einen verlassenen Ort zum mittlerweile legendären Thermenkomplex Termas Geométricas.

Del Sol reist oft durch das sich über 4.300 Kilometer von Norden nach Süden erstreckende Chile, um entlegene Orte aufzusuchen. Dabei schaut er sich die Baukulturen der Ureinwohner genau an, um danach, wie er es nennt, eine »gute Kopie« davon anfertigen zu können. Seine Architekturprojekte atmen den Geist ihrer Umgebung und verwandeln diese in ein Gesamterlebnis. Die Termas Geométricas sind aus dem örtlichen Coigue-Holz errichtet. Damit folgt es der zeitlosen Tradition der Mapuche, der Ureinwohner, die in diesem Landstrich leben. Der Coigue ist ein zäher immergrüner Baum, der in den umliegenden Wäldern wächst. Die ansässigen Mapuche führten mithilfe kleiner Handäxte die Holzarbeiten an den Stegen und Häusern der Termas Geométricas durch. Schmale Holzleisten auf den Stegen verhindern das Ausrutschen der Besucher auf dem nassen Holz. Die Leisten sind in einem schrägen Winkel montiert, damit das Regen- oder das von den Schuhen tropfende Wasser ablaufen kann. Unter den Stegen verlaufen Wasserrinnen aus Holz. Über sie wird das Wasser, das mit einer Temperatur von 65 bis 85 Grad Celsius aus dem Boden austritt, zu den Becken geleitet. Die Rinnen sind offen geführt, um Wasserstaus zu verhindern. Der aus dem fließenden Heißwasser austretende Dampf erzeugt im Tal ein angenehmes Mikroklima, das auch das Wachstum der Pflanzen anregt. Zugleich verwandelt der Dampf das gesamte Tal in ein weißes Wolkenmeer.

Das heimische, preiswerte Holz wurde einfach miteinander verschraubt, um dem gesamten Thermenkomplex eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. Indes hat del Sol sehr wohl jedes Detail genau durchdacht. Er hat die Holzelemente überdimensioniert, um den rohen Kräften der Natur zu trotzen und um den Ausmaßen dieser langgestreckten Anlage gerecht zu werden. Alle Holzteile sind zum Schutz vor UV-Strahlung und Pilzbefall mit einer roten Lasur überzogen. Del Sol wählte ein helles Rot, weil es sowohl das Licht als auch den Schatten akzentuiert. An sonnigen Tagen erleben die Gäste den scharfen Kontrast der Architektur zur Vegetation. An bewölkten Tagen wiederum verstärkt das Hellrot das Licht. Doch große Sorgfalt muss nicht Perfektion heißen. Fehler können, so der Architekt, schön sein. Der Eindruck, dass die Anlage noch unvollendet ist, lässt den Gästen Raum zur Kontemplation. »Die Heißwasserbecken erlauben es, die gute Seite der voller Überraschungen steckenden Natur zu genießen, aber auch schon bekannte Dinge mit neuen Augen zu sehen«, meint del Sol. »Ich habe hier nichts hinzugefügt. Die Termas Geométricas sind ein Ensemble von Einzelelementen, die sich wohl schon seit tausend Jahren in dieser Gegend befanden. Nur hat sie bisher noch niemand zusammengefügt.«

Standort

Nationalpark Villarrica, Pucón/CL, www.termasgeometricas.cl

Planung

Germán del Sol, Santiago/CL, www.germandelsol.cl

Auftraggeber

Termas Geométricas, Santiago/CL

Holzbau

Ausführungdurch lokale Arbeiter

Fertigstellung

1. Abschnitt 2004, 2. Abschnitt 2010

Material

Coigue, farbig lasiert

Fotos

© Guy Wenborne

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Raab

Text

Cathelijne Nuijsink
  • geboren 1977 in den Nieder­landen
  • freie Autorin, Redakteurin und Kritikerin für zeitgenös­sische Architektur und Design
  • lebt in Tokio und Amsterdam
  • neben Beiträgen für inter­nationale Zeitschriften, sowie die Monografie Japan Jutaku. How to Make a Japanese House (NAi Publishers, 2011). www.cathelijnenuijsink.com