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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 41: landauf-landab
März 2011, Seite 3

Wind und Wasser haben die Holzbalken über Jahre hinweg pechschwarz gemacht, sie wirken fast wie aus Eisen: Noch immer strahlen sie eine massive Stärke aus, die vielen Einkerbungen aber, die der jahrelange Kontakt mit dem Wasser und anlegen­den Schiffen mit sich gebracht hat, verleihen ihnen zugleich etwas Fragiles und Ehrwürdiges. Jährlich kontrolliert man bei diesem Anlegesteg an der ­Donau sowie bei vielen anderen die Balken auf ihre Tragfähigkeit und tauscht sie wo nötig aus. Sind sie für den Einsatz am Wasser nicht mehr gut genug, dann können sie noch immer anderweitig verwendet werden – zum Beispiel als Sitzbank, wie man es im Innenhof des neuen Rathauses in Ottensheim, Oberösterreich, gemacht hat. »Kalkulierbare ­Ver­gäng­lichkeit« nennt man das: Holz ist für den Einsatz in freier Natur geeignet. Das wissen wir, sonst gäbe es die Holzbank am Wegesrand ebenso wenig wie die Holzstege am Wasser. Doch wir ­wissen auch, dass Holz nicht ewig hält. Holz im Freien muss ­regel­mäßig gewartet und auch einmal ersetzt werden. Damit Holz in freier Natur lange schön und funktional bleibt, muss man wissen, welche Holzart und welche Konstruktion für den jeweili­gen Einsatzbereich geeignet sind. Erst dann wird die Vergänglichkeit des Holzes kalkulierbar.

Überall begegnen wir Holz in der Landschaft. Mit großer Selbstverständlichkeit gestaltet Holz unsere Landschaft, aber auch unser Bild von Landschaft. Die Projekte, die wir für diesen Zuschnitt ausgewählt haben, spannen den Bogen von großflächigen Anwen­dungen wie dem 14.000 m2 großen gewellten Holzdeck am Strand von Tel Aviv bis hin zu kleinteiligeren, aber ganzheitlich gedach­ten Landschaftserweiterungen wie die der Rastplätze und Aussichtsplattformen in Norwegen, die eine ohnehin schon schöne Landschaft kongenial ergänzen. Aber auch das Beispiel vom Hochmoor Leckermoos in Oberösterreich zeigt, welche Rolle Holz bei der Renaturierung einer ­solchen Landschaft spielen kann. In der Ingenieurbiologie macht man sich gerne Holzkonstruktionen zunutze, um mit diesen in Kombination mit Pflanzen Hänge, ­Böschungen oder Ufer abzusichern.

Für Holz im Außenraum spricht seine Natürlichkeit, seine Optik und natürlich seine Haptik: Die Material­wahl in Tel Aviv hat – so kann man aus dem Text der Architekten herauslesen – wesentlich zum großen Erfolg dieses neuen öffentlich zugänglichen Ortes am Meer beigetragen. Die hier gezeigten Projekte spiegeln nicht nur mögliche Anwendungsgebiete wider, sondern auch unterschiedliche Haltungen zum Umgang mit der natürlichen Dauerhaftigkeit des Holzes. Die Bandbreite reicht von unbehandeltem Holz über Lasuren und Lacke bis hin zum chemi­schen Holzschutz. Während man in Tel Aviv für die Unterkonstruktion imprägniertes Kiefernholz verwendete, schützte der chilenische Architekt Gérman del Sol das Holz der Termas Geométricas mit roter Lasur vor der ­Witterung. In Norwegen hingegen wurde bei allen vier Projekten, die wir hier zeigen, unbehandel­­tes, sägeraues Holz verwendet, und das obwohl unter­schiedliche Planer auf jeweils andere Ge­geben­heiten reagieren mussten. Ein Zufall? Vielleicht nicht, ­zumindest entspricht das unbehandelte Holz am ehesten unserer heutigen Vorstellung von Natur.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen und beim Betrachten der Bilder und hoffen, dass das Heft Mut macht, sich an groß­flächige und ganzheitlich gedachte Anwendungen von Holz im Außenbereich zu trauen. Know-how und Material sind ja hierzulande ausreichend vorhanden.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at