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Essay

Berührte Natur

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 41: landauf-landab
März 2011, Seite 4

Von den Bewohnern Cobhs wird der Steg »Heartbreak Pier« genannt. Am 11. April 1912 traten von ihm aus 123 Passagiere der über 2.200 ihre Reise mit dem Unglücksdampfer Titanic an. Der Steg wurde ungewollt zu einem Mahnmal, zu einem Bild. Seinen eigentlichen Zweck hat er längst erfüllt. Das Wasser, der Wind, die Sonne und die Jahre begleiten seine Geschichte dort am Wasser, formen sein Holz, geben ihm ­seine Gestalt.

Bootsstege gehören wie Zäune oder Wildbachverbauungen zu einer Familie von Holzobjekten, die Landschaften auf der ganzen Welt bildlich berühren, ohne dass dies die Intention ihrer Errichter wäre. Das gilt für den alten Jägerhochstand in den Gasteiner Bergen, der frühmorgens aus der Nebeldecke lugt, oder das Bänkchen an der Lichtung eines Wanderwegs im Montafon, an dem Jahreszeiten wie Passanten vorbeiziehen. Auch die hölzer­nen Pfeiler beim Konstanzer Hafen, die wie die faulen Zähne der Geschichte aus dem See ragen, gehören zu dieser Sippe von gewachsenen und vergänglichen Elementen in der Landschaft. Wie viele Kühe haben sich schon an dem so kunstvoll gefertigten, alten Weidezaun im Allgäu gerieben? Wie viele Wandersleut’ marschierten schon über die Stege der Salzachklamm, deren ­Holz­Latten sich im Zickzack wie eine hölzerne Schlange durch die Felslandschaft schlängeln? All diese Objekte und Baulichkeiten haben neben ihrer sichtbaren Korrespondenz mit der ­lokalen ­Geschichte eines gemein­sam. Sie erfüllen einen Zweck und werden für ihre Betrachter bewusst oder unbewusst zu Akzenten im Bild einer Landschaft. So wie ihr Holz einst zu Bäumen wuchs, wächst es nun in einer anderen Form durch und über das Land. Wasserrinnen im Hochgebirge bilden Linien, deren Verlauf Schwerkraft und Fels bestimmen, Aussichtsplattformen werden zu Punkten, deren Standort die Topografie vorgibt, Zäune werden zu Rastern, deren System die Kuh oder das Grundbuch ansagt. Auch ihre Materialität macht diese Baulichkeiten zu Komplizen oder Verwandten im Landschaftsbild. So unterschiedlich sie ­gestaltet sein mögen, so verschieden lang ihr Einsatz dauern mag, ihr Ursprung ist das Holz aus dem Wald.

Zäune, Wasserrinnen, Stege, sie alle werden zu ­Besuchern der Landschaft, wobei dieser Begriff letztendlich nur einer Art Postkarte der Natur gleichzusetzen ist. Der Bergbauer, der Landwirt, der Fischer oder Förster sieht keine Notwendigkeit, das, was ihm Lebens- und Arbeitsraum ist, in dieser Form zu benennen. Wer diesen Orten ­romantische und ästhetische Attribute zuschreibt, der nennt sie Landschaft. Ähnliches gilt für die ­angesprochenen Objekte. Für den einen sind sie Notwendigkeiten im Alltag, für den anderen Farbtupfer am Weges- oder Bachrand. In einem Text über die von ihm begründete »Promenadologie« oder »Spaziergangswissenschaft« schrieb der 2003 gestorbene Schweizer Autor, Theoretiker und Soziologe Lucius Burckhardt über diese Wissenschaft: »Sie gründet sich auf die These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann auf Grund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben …« Auch all die Zäune, Stege, ­Bänke, Wildbachverbauungen sind zu Elementen dieser Bilder geworden, zu Pinsel­strichen auf ­einer Oberfläche. So gesehen gehören sie zu unserer ­Vor­­stellung von Landschaft wie die Berggipfel oder Bachbetten. Man könnte auch ­sagen, diese Dinge berühren die Natur. Oder die Landschaft. Je nachdem, wie man die Sache(n) ­betrachtet.

Foto

© Heidy Ullrich

Text

Michael Hausenblas
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard