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Von Rastplatz zu Rastplatz

Urlauben auf Norwegisch

Karin Triendl
Erschienen in
Zuschnitt 41: landauf-landab
Märt 2011, Seite 6f.

Für ihre Gestaltung schreibt das norwegische Straßenbauamt Wettbewerbe aus und engagiert ­Architekten, Künstler und Ingenieure. Ein Gestaltungsrat garantiert die architektonische Qualität der geplanten Rastplätze. So werden die Haltepunkte selbst zu Attraktionen. Sie fügen sich nicht nur durch ihre Form und ihr Material in die Landschaft ein, sie stellen auch Beziehungen zur Natur her. Bis 2016 sollen 18 bereits vorhandene Panoramastraßen in ganz Norwegen weiter ausgebaut werden und das Zertifikat »Nationale Touristenstraßen« ­erhalten. Ein einheitliches Logo, das sowohl auf Straßenschildern als auch auf Werbebroschüren ver­wendet wird, verbindet die einzelnen Sehenswürdigkeiten ideell miteinander und gilt als Gütesiegel. Der architektonische Zugang zu den einzelnen, meist mit minimalem Budget realisierten Projek­ten differiert. Einige Plätze fokussieren das Naturerleb­nis aus der Perspektive des Autofahrers, andere wiederum machen die Natur als abstraktes Bild erlebbar, als etwas, das man sich nur ansehen kann, ohne sich als Teil davon zu fühlen. Und dann gibt es auch Orte, die das innere Bewusstsein und die Ruhe im Besucher selbst in den Vordergrund rücken, natürlich mit einer atemberaubenden Kulisse im Hintergrund. Holz spielt bei zahlreichen dieser kleinen Architekturinterventionen eine tragende Rolle.

Liasanden, Sognefjellet

Beginnen wir im Süden des Landes: Hier in ­Sognefjellet haben Jensen & Skodvin – ein norwegisches Architektenteam, das sich in Österreich durch den Bau der Therme Bad Gleichenberg ­einen Namen gemacht hat – bereits 1997 den Rastplatz Liasanden fertiggestellt. Er erstreckt sich über 300 Meter und liegt mitten in einem ­bestehenden Kiefernwald. Die Architekten wollten einen Rastplatz schaffen, bei dem die für einen Wald charakteristischen Lichtstimmungen und Qualitäten erhalten bleiben. Deshalb schlugen sie dieses Waldstück entlang der Autostraße als Standort für den Rastplatz vor. Alle ihre Eingriffe sind reine Additionen: Die Autos fahren auf einem Schotterbelag durch den Wald hindurch. Die Bäume, die mitten auf der »Straße« stehen, sind von einer Schutzhülle umgeben, die sich jedem Baumumfang anpasst. Ergänzt wird der stark frequentierte Rastplatz durch Mobiliar aus norwegischer Kiefer und Beton.

Austnesfjorden, Lofoten

Auf den Lofoten, einer Inselgruppe im Norden des Landes, findet man gleich mehrere Rastplätze, bei denen Holz eine tragende Rolle spielt. Da gibt es einen weit auskragenden Aussichtspunkt in Aurland, der an eine im Nichts verlaufende Brücke erinnert (zuschnitt 25), einen Picknickplatz in Torvaldshalsen, ein Schutzhaus für Radfahrer in Grunnfør sowie zwei Vogelbeobachtungstürme (zuschnitt 33).
Landschaftsarchitekt Inge Dahlman suchte für den geplanten Picknickplatz am Austnesfjorden, ebenfalls auf den Lofoten, nach einer Konstruktion, die ohne große Erdarbeiten auskommt. Er wollte die Natur so weit wie möglich schonen und entschied sich für einen ringförmig angelegten Parkplatz und einen über 400 Meter langen Holzsteg, der über Felsen und karges Grün zum höchsten Punkt führt. Von hier hat man freie Sicht aufs Wasser und auf eine malerische Kapelle. Die Natur stellt die Randbe­dingungen für diese ­Intervention, die Art der Wegführung und die hochwertige ­Detaillierung gehen jedoch weit über das Pflichtprogramm hinaus.

Bergsbotn, Senja

Fährt man weiter gen Norden, erreicht man die ­Insel Senja. Hier wird einem der Blick aufs offene Meer zunächst vorenthalten, erst in Bergsbotn ­öffnet sich der Horizont. Wem die Aussicht auf Nordsee und Bergsfjord vom Parkplatz aus nicht genügt, der kann sich auf einem fast 30 Meter langen Steg der Natur noch ein Stück weiter nähern. Code plan­ten eine weit auskragende Unterkonstruktion aus Stahl, die mit Bohlen aus heimischer Sibirischer ­Lärche beplankt ist. Die Stahlkonstruk­tion bringt Druck- und Zugkräfte in ein Gleich­gewicht, bei starkem Wind beginnt die Plattform allerdings zu schwingen. Die Architek­ten, so sagen sie, haben diese Federkräfte, die durch die längs montierten, 100 mal 200 mm großen Kernhölzer ­etwas gedämpft werden, sehr wohl kalkuliert. In der Mitte des Bauwerks gibt es eine Erhebung. Dieser Standpunkt, der so ganz ohne Absturzsicherung zu sein scheint, sei trotzdem nur sehr mutigen Besuchern empfohlen.

Tungeneset, Senja

Ebenfalls auf der Insel Senja und ebenfalls von Code konzipiert wurde Tungeneset, ein Rastplatz an der Spitze zweier Fjorde mit spektakulärer Aussicht auf die Nordsee im Westen und den ­Okshornangipfel im Norden. Hier haben die Architekten das gleichmäßig ergrauende Holz der Sibiri­schen Lärche bewusst als Kontrast zur umgebenden rauen Fjord­land­schaft eingesetzt. Der ­Besucher ­betritt vom Park­platz aus einen Steg, der scheinbar schwebend zwischen Wasser und Felsen zu einem betonierten Picknickplatz am Fjord führt. Gehfläche und geknickte ­Brüstungselemente wurden durchgängig mit sägerauen Brettern in verschiedenen Breiten beplankt, die Abstände zwischen den Boden­belagsbrettern sind dabei immer so groß bemessen, dass das ­Wasser gut abfließen kann. Die Konstruktion aus Gehfläche und Brüstungselementen wirkt als Ganzes und der objekthafte Charakter des kunst­vollen Eingriffs wird verstärkt. Statt sich brav ins Bild ­einzufügen, ist es gelungen, diesem magischen Ort noch ein Kapitel hinzuzufügen.

 

Text

Karin Triendl
Architektin, seit 2007 Bürogemeinschaft mit Arch. Patrick Fessler, schreibt als freie Autorin über aktuelle Stadt(Räume) und Architekturen
www.triendlundfessler.at

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