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Die Plattenspieler

auf dem Fabrikdach

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 42: Obendrauf
Juni 2011, Seite 6ff.

Das Haus in der Flachgasse 35 – 37 im 15. Wiener Gemeindebezirk ist eines der ersten Stahlbetongebäude in Wien. Dass es heute noch in voller Pracht dort steht, ist keine Selbstverständlichkeit, denn nach wie vor wird der Wert solcher Industriebauten oft nicht erkannt und sie müssen gesichtslosen Wohnbauten oder anderem weichen.

Der Industriebau in der Flachgasse, der inzwischen unter Denkmalschutz steht, wurde 1981 von Matthäus ­Jiszda für einen Möbelladen umgebaut und vor ein paar Jahren von den Vorarlberger Architekten Helmut Dietrich und Much ­Untertrifaller entdeckt, als Büro adaptiert und um zwei Dachgeschosse aufgestockt.

Die Vorbereitungen für diesen Um- und Aufbau fielen für das Büro Dietrich | Untertrifaller zeitlich mit der Erweiterung der Wiener Stadthalle zusammen. Dass damals ein Vorarlberger Büro einen so prominenten Wettbewerb in Wien gewinnen hatte ­können, hatte wohl nicht jedem Wiener Architekten gefallen. Dass die beiden nicht nur in Holz und nicht nur im Ländle zu bauen verstehen, konnten sie mit der Halle F eindrücklich zeigen. Doch natürlich wissen sie über die Vorzüge des Bau­stoffes Holz bestens ­Bescheid, das zeigt sich bei einem genaueren Blick auf den Dachaufbau in der Flachgasse: Er ist ein reiner Holzbau und hebt sich damit schon einmal vom Großteil der jüngeren ­Wiener Dachaufbauten ab, die in Stahl mit Ausfachungen aus Holz gebaut wurden. Much Untertrifaller nennt diese Bauweise »zusammengeschustert« und beginnt die komplexe Tragstruktur des Dachaufbaus in der Flachgasse zu beschreiben: Im ersten Dachgeschoss über der obersten Bestandsdecke gibt es einen in sich steifen, rechteckigen Holzkanal, in dem alle Nebenräume untergebracht sind. Er trägt die Decke zum zweiten Dachgeschoss und dient zur Aussteifung der zweigeschossigen Wände aus Brettsperrholz, die auf den Feuer­mauern und in der Mitte des Gebäudes auf einem Lichtschacht aufliegen. Die Decke zum zweiten Dachgeschoss kragt zu beiden Seiten weit aus und wird straßenseitig durch einen etwa 2 Meter hohen Überzug gehalten, hofseitig wird sie von ­lediglich drei dünnen Stahlsäulen noch zusätzlich unterstützt. Damit sich der Wohnbereich im zweiten Dachgeschoss stützenfrei zur Terrasse hin öffnen kann, wird das Dach darüber ebenfalls von zwei Überzügen gehalten. Diese Brettschichtholzträger liegen auf den ­besagten Brettsperrholzwänden auf.
Genau genommen hat der Dachaufbau drei Ebenen, wobei das dritte Obergeschoss nur als Dachaustritt definiert ist. Die Architek­ten konnten dafür aber eine Fläche von 25 m2 durchsetzen.

Man mag sich fragen, warum hier ein so großer Aufwand betrieben wurde. Der Grund liegt in der Substanz: Das Stahlbeton­gebäude war kaum in der Lage, noch zusätzliche Lasten aufzunehmen. Eine vertikale Lastabtragung war lediglich über den Luftschacht und die Feuermauern möglich. Deshalb entwickelten die Architekten ein System aus Überzügen, Scheiben und Platten, die gemeinsam statisch wirksam sind.

Von außen betrachtet rückt der Dachaufbau dezent von der ­Fassade zurück. Die historische Geländerkonstruktion als oberer Abschluss kommt so besonders gut zur Geltung. Die Holzkonstruktion ist dort, wo sie nicht von großzügigen Fensterbändern durchzogen ist, mit verkupfertem Edelstahlblech verkleidet. Dieses Blech, das perforiert und nach den Wünschen der Architekten trapezförmig gefaltet wurde, passt wunderbar zum Charme dieses frühen Industriebaus.

Fotos

© Dietrich|Untertrifaller
© Bruno Klomfar

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Aufstockung Massivbauweise, Flachgasse Wien

Standort

Flachgasse 35 – 37, Wien/A

Planung und Bauherr

Dietrich |Untertrifaller Architekten, Bregenz/A, St. Gallen/CH und Wien /A, www.dietrich.untertrifaller.com 

Holzbau 

Kulmer Bau GesmbH & Co KG, Pischelsdorf/A, www.kulmerbau.at

Fertigstellung

2007