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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 42: Obendrauf
Juni 2011, Seite 3

Immer mehr Menschen leben in Städten. Allein in Österreich soll der Anteil der städtischen Bevöl­kerung in den nächsten 40 Jahren von 68  auf 81 Prozent steigen. Das stellt uns vor neue Herausforderungen. Die Städte können sich das unkontrollierte Wachstum in die Breite nicht mehr leisten und müssen zunehmend auf eine Verdichtung nach innen setzen. ­Gerade im Bereich der städtischen Nachverdichtung steckt für den Baustoff Holz ein großes Potenzial: Holz ist nicht nur ein ökologischer Werkstoff, er zeichnet sich auch durch eine hohe Festigkeit bei vergleichsweise geringem Eigengewicht aus und Wand- und Deckenelemente aus Holz lassen sich gut im Werk vorfabrizieren. Die damit verbundene kürzere Bauzeit ist gerade dort von gro­ßem Vorteil, wo an bewohnten Häusern oder innerhalb von Wohnsiedlungen weitergebaut werden soll.

In diesem Zuschnitt konzentrieren wir uns auf das Thema des Dachaus- und -aufbaus, einen Teilbereich der städtischen Nachverdichtung. Gerade wenn zusätzlicher Wohnraum auf ein Bestandsgebäude draufgesetzt werden soll, spielt das hinzukommende Gewicht eine große Rolle. Je leichter der gewählte Werkstoff, desto besser. Mit vorfabrizierten Bauelementen aus Holz kann die Baustellenzeit reduziert werden. Kosten und andere Einschränkungen, die eine solche Baustelle im urbanen Umfeld mit sich bringt, werden minimiert. Das Thema Bauzeit aber spielt noch aus einem anderen Grund eine wichtige Rolle: Das Dach ist der Bauteil, der das Haus vor Regen und Schnee schützt. Wird dieser abgenommen, darf auch während der Bauzeit keine Feuchtigkeit in das Bauwerk eindringen. Je schneller ein neues Dach obenauf sitzt, desto besser. Mit vorgefertigten Holzelementen ist das Haus innerhalb weniger Tage wieder regendicht.

Sicher. Wir haben schon einmal einen Zuschnitt zu diesem Thema gemacht. Das war vor sechs Jahren. Während sich der Zuschnitt 13 überwiegend visionär dem Thema »Holz hebt ab« näherte, zeigen wir nun eine Reihe realisierter Dachaufbauten und gehen konkret auf Rahmenbedingungen ein. Dass es dabei sehr viel um Wiener Besonderheiten geht, hat einmal mit der Größe der Stadt, der hohen Nachfrage nach Wohnraum über den Dächern und der damit verbundenen regen Bautätigkeit zu tun. Es ist aber auch darauf zurückzuführen, dass es in Wien eine sehr ausgefeilte Gesetzeslage in Bezug auf den Ausbau von Dächern gibt. Während in Graz zum Beispiel das Altstadterhaltungsgesetz dem Ausbau der Dächer enge Grenzen setzt, kommt in Wien ­neben Denkmalschutzauflagen die Tatsache hinzu, dass es in einer anderen Erdbebengefährdungszone als Graz liegt und dass man hier den eurocode 8 – Erdbeben auf den Bereich der Dachausbauten so ausgelegt hat, dass nur mehr in Leichtbauweise auf Gründerzeithäuser aufgebaut werden darf.
Wenn man bedenkt, dass in Wien bis Mitte der 1990er Jahre aus feuerpolizeilichen Gründen die Dächer weder als Lager noch als Wohnung genutzt werden durften und dass sie später zwar aus- und weiter­gebaut werden durften, dazu aber oft keine brennbaren Materialien wie Holz erlaubt waren, ist es schon erstaunlich, dass heute in Wien aufgrund der verschärften Erdbebennorm nur mehr eine Leichtbauweise möglich ist.

Wenn hierzulande von Dachaus- oder -aufbauten die Rede ist, hat man immer Gründerzeitbauten vor seinem geistigen Auge. Architekt Heinz Lutter hingegen sieht Potenzial in der Aufstockung der Bauten aus den 1950er bis 1980er Jahren. Da diese Bauten – anders als die gründerzeitliche Bebauung – statisch ausgereizt sind, ist eine Aufstockung meist nur mehr in Leichtbauweise möglich. Holz als leichter Baustoff ist gerade deshalb für diese Fälle oft die einzige Möglichkeit.

Eine Aufstockung dieser Bauten eröffnet aber auch ein ganz anderes Segment der Verdichtung. Wenn eine Reihenhausanlage um zwei Geschosse nach oben hin erweitert wird, dann geht es nicht mehr um ein Luxuswohnsegment, sondern um Massenwohnbau. Wie das aussehen kann, haben uns die Hamburger vorgemacht: Hier hat das Architekturbüro blauraum eine Reihenhaussiedlung aus den Jahren 1959 bis 1961 um jeweils zwei Stockwerke in Holzleichtbauweise erweitert. Ihr Argument für den Werkstoff Holz war neben logistischen Vorteilen und seiner Leichtigkeit auch die ökologische Komponente. Sie argumentierten mit einer Halbierung der CO2-Emission des gesamten Wohnquartiers. Das Thema Nachverdichtung ist eben immer auch ein energiepolitisches, bei dem es neben der Reduzierung des Individualverkehrs auch um Bau­ökologie geht. Und welcher Baustoff ist für die Reduktion der CO2-Emission besser geeignet als Holz?

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at