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Essay - Der Weg aufs Dach

Robert Temel
Erschienen in
Zuschnitt 40: Obendrauf
Juni 2011, Seite 4

Architekten sehen in ihm das Potenzial, innovative Bauformen in der historischen Enge der geschützten Stadt umzusetzen, etwa mithilfe von Holzleichtbau. Und in Wien ist der Dachausbau auch ein Werkzeug der Nachverdichtung in Wachstumszeiten, also ein Mittel, um die bestehende Infrastruktur möglichst optimal zu nutzen, statt nur neue Stadtteile mit teurer, neuer Infrastruktur weit draußen zu realisieren.

Während in der Vergangenheit die beste Wohnlage im Gründerzeithaus gerade einmal über Erdgeschoss und Mezzanin lag, wohin man also nur wenige Stufen überwinden musste, ist das heute so weit oben wie möglich, über den »gewöhnlichen« Mietern – schließlich ist in Wien für einen Dachausbau ein Lift zu errichten. Andere europäische Städte wie München und Berlin haben in Zeiten großen Bevölkerungsdrucks diese Pflicht ausgesetzt, um Dachausbauten zu erleichtern. Auch in Wien bedeutete Stadterneuerung nach der ersten Phase in den 1970er und 1980er Jahren mit dem ursprünglichen Ziel der »Entdichtung« bald Nachverdichtung – ­allerdings nur in baulicher Hinsicht: Während neue Wohnungen in den historischen Bestand integriert werden, sinkt gleichzeitig kontinuierlich die Zahl der Bewohner bezogen auf die Wohnfläche. Dichter wird es durch den Dachausbau jedoch vor allem für die Bewohner der unteren Geschosse. In der Dachwohnung hat man alle anderen »unter sich«, man befindet sich an der höchsten Stelle in der Stadt, direkt unter dem Himmel, niemand – jedenfalls ist das die Wunschvorstellung – kann einen hier mehr stören. Hier gibt es den freien Blick über die Dächer der Stadt und den unbedingt nötigen Freiraum, die Dachterrasse. Man kann die Dachwohnung tatsächlich fast als Einfamilienhaus imaginieren.

Der Wiener Dachausbau-Boom begann Mitte der 1990er Jahre, also zum Zeitpunkt des ersten, kleinen Schubs im Bevölkerungswachstum nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Zuvor waren Dachausbauten aus feuerpolizeilichen Gründen verboten. Aufgrund einer Änderung der Bauordnung entstand ein gewaltiges Raumpotenzial, das von Immobilienentwicklern begierig in Anspruch genommen wurde. Der Dachausbau begann ästhetisch und größenmäßig zaghaft, am Anfang stand die heute sattsam bekannte Gaubenlösung: Nachdem Wiener Gründerzeitdächer meist sehr flach geneigt sind, wurden sie nun auf 45 Grad hochgeklappt und durch Reihen von Gauben­häuschen belichtet. Doch bald steigerte sich das Volumen, Schlafgalerien und schließlich zusätzliche Geschossebenen wurden eingeführt, bevor Anfang der 2000er Jahre dreigeschossige Dachausbauten für kurze Zeit fast den Standard bildeten. Zu diesem Zeitpunkt setzte eine Gegenbewegung ein: Beflügelt von der Unterschutzstellung der gesamten Wiener Innenstadt als Weltkulturerbe formierte sich der Widerstand gegen viele hypertrophe Dachausbauprojekte im historischen Kontext. Gleichzeitig begann die Wiener Stadtverwaltung, den eine Zeit lang großzügig gesetzten Ausbaurahmen wieder ein wenig zu reduzieren, weil viele Realisierungen architek­to­nisch überaus fragwürdig waren. Nicht nur die Entscheidungspraxis wurde adaptiert, auch die Höhenspielräume bei innerstädtischen Gebäuden wurden bald durch Bebauungspläne massiv eingeschränkt.

Wenig später, gegen Ende der 2000er Jahre, folgte dem ästhetischen Argument das noch gewichtigere technische: In Österreich wurde der eurocode 8 zur Auslegung von Bauwerken gegen Erdbeben umgesetzt, und plötzlich war es mit den konventionellen Methoden kaum mehr möglich, Dachausbauten in Gründerzeithäusern zu realisieren. Nicht nur, dass deren Mauerwerk heutigen Festigkeitsanforderungen nicht mehr entsprach, zusätzlich hatte die Erdgeschossentkernung im Zuge von Geschäftsausbauten in vielen Häusern die statischen Spielräume massiv reduziert. Um nicht mit gewaltigem Aufwand stati­sche Verbesserungen umsetzen zu müssen, wurden die Dachausbauten weniger; viele Dächer verloren ihr Ausbaupotenzial, und was noch ausgebaut wurde, waren Leichtbaukonstruktionen, das heißt im Wiener Kontext meist Holz-Stahl-Bauweisen. Heute ist in den Bezirken innerhalb des Gürtels weniger als die Hälfte der Dächer noch theoretisch für den Dach­ausbau verfügbar. Die Gewinne sind im Vergleich zu den Hochkonjunkturzeiten vor zehn Jahren kleiner geworden, obwohl die Quadratmeterpreise, die für luxuriöse Dachausbauten in Wien bezahlt werden, in derselben Zeit stark gestiegen sind.

Gleichzeitig ist der Bedarf aus Stadtplanungssicht unverändert hoch: Wien wächst aktuell wieder stark, und die dafür nötigen neuen Wohnungen sollen nicht ausschließlich in Stadterweiterungsgebieten errichtet werden, sondern 20 Prozent des Zuwachses, etwa 30.000 Wohnungen, müssen in den dicht ­bebauten Gebieten aufgenommen werden. Das ­Potenzial ­dafür liegt vor allem auch im Dachausbau, dessen Rahmenbedingungen sich allerdings verschärft ­haben. Es ginge demnach in Zukunft weniger um Luxuswohnungen für wenige Vermögende als vielmehr um großmaßstäbliches Bauen am Dach; da aber die Kosten steigen und die Gewinne schrumpfen, sind die Spielräume dafür gering. Möglicherweise werden neue Förderungsanreize nötig sein, um den Dachausbau wieder attraktiver zu machen.

Fotos

© Kurt Zweifel

Text

Robert Temel
  • Architektur- und Stadt­forscher in Wien
  • seine Forschungsinteressen beinhalten Wohnbau, Stadt und öffentlichen Raum
  • er ist u. a. Koautor von "Temporäre Räume. Konzepte zur Stadtnutzung" (Birkhäuser 2006)