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Mit Blick über Wien

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 42: Obendrauf
Juni 2011, Seite 14ff.

Noch ist das Haus in der Schönburgstraße eingerüstet. Ein daran angebrachtes Plakat preist »exklusive Altbau- und Dachgeschosswohnungen« an – ein Werbespruch, dem man in Wien immer wieder begegnet, denn jedes neu ausgebaute Dach will zu einem guten Preis verkauft werden. Doch was sind exklusive Dachgeschosswohnungen?

Architektin Marlies Breuss von holodeck ­architects erzählt, dass sie auf dem Weg zur Baustelle im Stiegenhaus Interessenten getroffen habe, die sich den Dachaufbau angeschaut hätten und ganz überrascht gewesen wären, dass dieser fast ohne Schrägen auskommt. So etwas scheint es in Wien selte­ner zu ­geben, vielleicht verdient der Aufbau in der Schönburgstraße also wirklich den Zusatz exklusiv. Um ganze vier Wohnungen mit jeweils 110 bis 140 m2 ist das Gründerzeithaus im 4. Wiener Gemeindebezirk nach oben hin erweitert worden. Das Prinzip dieser vier Dachwohnungen ist immer das gleiche: Sie erstrecken sich über zwei Geschosse, haben eine dem Wohnzimmer zugeordnete ­Terrasse und einen den Schlafzimmern zugeordneten Grünfilter. Um jedem Bewohner Privatheit zu garantieren, sind die Terrassen über zwei Ebenen verteilt und zueinander verdreht, sodass aus den vier Wohnungen ein räumlich spannendes Gebilde geworden ist.

Wie neue Dachaus- und aufbauten in Wien ausschauen, wird aber nicht nur von den Wünschen der Bauherren und den Entwurfsgedanken der Architekten beeinflusst, sondern ebenso stark von den gül­tigen Baubestimmungen. Im Folgenden wollen wir einige dieser ­Re­gu­lierungen und ihre Auswirkungen auf Konstruk­tion, Mate­rialwahl und Detaillierung anhand des Dachbodenaufbaus von ­holodeck architects genauer anschauen.

Dachausbau leicht

In Wien unterscheidet man im Zusammenhang mit Dachaus- und -aufbauten zwischen unmaßgebli­chen und maßgeblichen Änderun­gen am Gebäude, je nach dem, wie hoch die neu hinzukommende Last ist – auch »Dachausbau leicht« und »Dachausbau schwer« genannt. Letzterer ist immer mit großem Aufwand verbunden, da er in statischer Hinsicht entsprechend einem Neubau herzustellen ist. Deshalb wird in den meisten Fällen die leichte Vari­ante gewählt. Das bedeutete auch für den Dachaufbau in der Schönburgstraße 19, dass max. 720 kg/m2 dazukommen durften. Dies ist nur in Leichtbauweise, also in einer Holz- oder einer Stahl-Holz-Konstruktion machbar. Da in diesem Fall in der obersten Bestandsdecke schon Stahlträger vorhanden waren, fiel die Wahl auf ein Primärtragwerk aus Stahl und ein Sekundärtragwerk aus Holz. Von der Bestandsdecke wurden der Estrich und die Beschüttung entfernt, um die vorhandenen Lasten zu reduzieren – dies kann mit den neu hinzukommenden Lasten gegengerechnet werden –, und durch eine Holzmassivplatte ersetzt. Die Decken sind teils Brettstapel- teils Tramdecken, die Innenwände sind Leichtbauwände.

Abweichungen von Vorschriften des Bebauungsplanes

Im Jahr 2009 – während der Planungszeit des Dach­aufbaus – wurde der § 69 der Bauordnung für Wien geändert. Dieser Paragraph wird gerne herangezogen, um Ausnahmegenehmigungen  im Zusammenhang mit Dachausbauten zu bewirken. Abweichun­gen von den Vorschriften des Bebauungsplanes sind nun nur mehr erlaubt, wenn der Mehrwert einer solchen Abweichung durch ein Gutachten belegt werden kann. Da klar war, dass es in der Übergangszeit länger dauern würde, Bewilligungen zu erhalten, bat der Bauherr die Architekten, ohne diesen Ausnahme-­Paragraphen auszukommen. Das hieß unter anderem, dass der höchste Punkt des neuen Daches maximal 4,5 Meter über der tatsächlich errichteten ausgeführten Gebäudehöhe liegen durfte.

holodeck architects mussten, um im Inneren die erforderliche Raumhöhe von 2,5 Metern zu erreichen, reduzierte Aufbauhöhen für alle relevanten Bauteile entwickeln: Die Flachdächer sind ohne Hinterlüftung mit einer Zwischensparrendämmung und einer speziellen Dampfbremse ausgeführt. Kühlflächen und Installatio­nen konnten nur in den Schrägbereichen des Daches und in den Wänden untergebracht werden. Zur Reduktion der Konstruktionshöhen kamen teilweise Brettstapeldecken zum Einsatz und beim Stahlbau wählte man niedrige, extrabreite Trägerquerschnitte. Querungen von Installations­leitungen waren dabei nicht möglich.

Schallschutz / Brandschutz

Neben den hohen Anforderungen an den Schallschutz laut OIB-Richt­linie 5 stellt auch der Brandschutz immer wieder eine Heraus­forderung dar. Geschossdecken zum Bestand, das Dach sowie brandabschnittstrennende und zugleich tragende Wände mussten rei 60 erfüllen, alle vertikalen Installationsschächte sogar rei 90.

Die Sicht des Immobilienentwicklers

»Ein durchschnittlicher Dachausbau ist heute nicht mehr zu verkaufen«, sagt Günther Heydbauer von der Firma Immowert, dem Immobilienentwickler der Schönburgstraße 19. Deshalb schaffe Immowert nicht mehr mit allen Ausnahmeregelungen so viel Quadratur wie möglich, sondern arbeite nur mehr mit Architekten zusammen und lege Wert auf qualitätvollen Raum. Auf die Frage, ob es in Wien überhaupt noch genug nicht ausgebauten Dachraum gibt, antwortet Heydbauer: »Es gibt ­genug. Doch die Bauvorschriften sind so restriktiv geworden, dass es immer schwieriger wird, eine vernünftige Baugenehmigung zu bekommen. Das Potenzial wäre da, nur verhindern die Bauvorschriften eine weitere städtische Verdichtung. Man muss sich mit allen Magistratsabteilungen abstimmen. Das macht die meisten Dachausbauten unwirtschaftlich.«

Fotos

© HOLODECK architects

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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Standort

Schönburgstraße 19, Wien/A

Planung 

holodeck architects, Wien/A, www.holodeckarchitects.com

Bauherr 

Immowert Immobiliengruppe, Wien/A, www.immowert.at

Holzbau 

Ybbstaler Holz und Bau GmbH, Waidhofen an der Ybbs/A, www.yhb.at

Konstruktion 

Primärtragwerk Stahl, Sekundärtragwerk Holz 

Fertigstellung

Juli 2011