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Petrit Halilaj

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 42: Obendrauf
Juni 2011, Seite 32

The places I’m looking for, my dear, are utopian places,
they are boring and I don’t know how to make them real.

Zehn Jahre später, 2009, wurde im belgischen Kunst­magazin Gagarin ein Gespräch zwischen Petrit ­Halilaj und seiner Schwester Blerina abgedruckt, in dem sie beide über die Vergangenheit und Zukunft und letztlich über ihre Erinnerung und Hoffnung reflektierten. Halilaj sprach darin auch davon, eine Weltraumrakete aus Holz bauen und im Hinterhof ihres nach dem Krieg neu aufgebauten Elternhauses in Runik aufstellen zu wollen. Halilajs Arbeiten ­bestehen aus Skulpturen und Zeichnungen, die er oft in Installationen zusammenfügt und durch selbst geschriebene Texte ergänzt. Eine seiner großen Werkserien trägt den Titel »They Are Lucky to Be Bourgeois Hens« und besteht im Wesentlichen aus drei Teilen. Den ersten realisierte Halilaj in einem Vergnügungspark in Istanbul für die Ausstellung »Art Is My Playground«. Er umzäunte ein kleines Areal und »möblierte« es mit Skulpturen und einer Schlafgelegenheit. Zusammen mit ein paar Hühnern lebte Halilaj einige Tage darin und setzte in dieser Umgebung seine künstlerische Arbeit fort. Die ­In­stal­lation wurde zur Metapher einer Integration, die vor dem Hintergrund einer völlig anderen Spezies und einer fremden Umgebung nur bedingt funktionieren kann. In »They Are Lucky to Be Bourgeois Hens II« baute Halilaj in der Berliner Galerie Chert ein riesiges Nest aus Zweigen. In dieses bettete er eine beleuchtete Schauvitrine ein, die mit Gegenständen wie Gehstock, Rahmen oder Pantoffel bestückt wurde – allesamt Replikate von Dingen, die Halilaj von seinem Großvater kannte und die dieser in handwerklicher Tradition selbst hergestellt hatte. Zu dieser Ausstellung gehörte auch ein Video über den Entstehungsprozess der bereits erwähnten Holzrakete, die der Künstler schließlich mit Hilfe von Freunden, Nachbarn und Verwandten in seinem Heimatort Runik konstruierte. Halilaj konzipierte diese Arbeit als surrealen Hühnerstall und potenzielles Fluggerät zwischen zwei Welten für an sich fluguntaugliche Vögel. Sie markiert zugleich auch »They Are Lucky to Be Bourgeois Hens III«, den letzten Teil der Serie.

Die hier gezeigte Arbeit entstand für die Ausstellungshalle der Kunst-Werke Berlin. 2010 wurde ­Petrit Halilaj dazu von der Kuratorin der Berlin ­Biennale, Kathrin Rhomberg, eingeladen. Halilaj beschloss, den größten Teil des Budgets für einen Neubau seines im Krieg zerstörten Elternhauses zu verwenden und kaufte den dafür nötigen Grund in der Nähe von Prishtina. Nachdem der Rohbau fertiggestellt war, ließ er die Verschalungsbretter für die Fundamente, die Zwischenstöcke und die Pfeiler nach Berlin bringen und schuf dort eine Art Bauskelett, das die Maße des gerade im Bau befindlichen Hauses im Kosovo zitierte. Der ambivalente Eindruck einer Baustelle und einer mini­malistischen Skulptur drängte sich jedem ­Besucher auf, der diese monumentale Holzkonstruktion sah. Mit ca. 13 x 11 x 8 Metern sprengten dessen Dimen­sionen die Kapazitäten der Kunst-Werke Berlin, und so musste das oberste Stockwerk der Skulptur zum Teil durch den Plafond auf das Dach der Ausstellungshalle gesetzt werden.

Petrit Halilaj

geboren 1986 in Runik (Kosovo)
lebt und arbeitet in Prishtina, Mantua und Berlin

Ausstellungen
(aktuell)

  • Struktur & Organismus, Mühldorf in der Wachau, bis 30. Oktober, www.st-or.at
  • Petrit Halilaj, Kunstraum Innsbruck, ­Innsbruck, September/Oktober 2011

Einzelausstellungen
(Auswahl)

  • 2011 Art Statement, Art Basel, Basel, 15.– 19. Juni 2011
  • 2009 Back to the Future, Stacion – Center for Contemporary Art Prishtina, Prishtina Chert, Berlin
  • 1996 Volksschule »Shote Galica«, Runik

Gruppenausstellungen
(Auswahl)

  • 2011 You Don’t Love Me Any­more, Westfälischer Kunstverein, Münster
  • 2010 Drinnen und draußen, Chert, Berlin
    6th Berlin Biennale for ­Contemporary Art, Kunst-Werke Berlin, Berlin
  • 2009 Melancholy of Compassion, Siemens Gallery, Istanbul
    Time Machine, Kunstverein Arnsberg, Arnsberg
  • 2008 The Lamb’s Mother in the Creche?, Chert, Berlin
    Art Is My Playground, ­Tershane, Istanbul

Kuratiert vom Museum ­Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Fotos
© Petrit Halilaj & Chert, Berlin

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

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