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Linz im Höhenrausch.2

Gabriele Kaiser
Erschienen in
Zuschnitt 42: Obendrauf
Juni 2011, Seite 29

Wer die Welt gern aus der Vogelperspektive genießt, ohne einen Flug buchen zu müssen, konnte dies im Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009 mit vielen schwindelfreien Zeitgenossen gemeinsam tun: Der »Höhenrausch« – ein Kulturpfad samt Riesenrad über den Dächern der Innenstadt – war mit 273.860 BesucherInnen der Publikumsmagnet von Linz 09. Nicht verwunderlich daher der Impuls des Linzer OK Offenes Kulturhaus, an die Erfolgsgeschichte mit einem spektakulären Nachfolgeprojekt anzuknüpfen. 

Die für 2009 vom Atelier Bow-Wow konstruierten Holzwege und -stege auf den Dächern von Passage-Kaufhaus und City-Parkhaus sind inzwischen würdig vergraut, nun wurde der Parcours verlängert und um zwei Brückenkonstruktionen des Schweizer Tragwerkplaners Jürg Conzett ergänzt, die sich in den Glockenturm der ehrwürdigen Ursulinenkirche spannen. Wie bei einem Riesen­mikado wurden die beiden Brückentragwerke zunächst am Boden vormontiert und per Kran in luftige Höhen versetzt, ohne das Mauer­werk der Kirchentürme verletzen zu müssen. Immer wieder sah man in den letzten Wochen Passanten auf der Linzer Landstraße innehalten und den Blick nach oben wenden: Holzstege, die eine Gebirgsschlucht überbrücken könnten, verwandeln nun eine bislang unzugängliche Stadtsubstanz in einen Höhenweg mit reizvollen Aus- und Überblicken in die Innenstadt. Als wäre die Himmels­­wanderung zwischen zwei Kulturhäusern (Ursulinen­hof, OK), einem Park- und einem Kaufhaus, zwei Dach­­böden aus dem 17. Jahrhundert sowie den Türmen der Ursulinenkirche nicht schon Erlebnis genug, wird der Parcours zusätzlich unter dem thema­tischen Vor­zeichen Luft und Wasser von poetisch-künstlerischen Interventionen begleitet: Die japanische Künstlerin Fujiko Nakaya transformierte das Parkhaus in ein atmosphärisches Nebelmeer, auf dem Dach des Parkhauses arrangierte Ursula Stadler Treibgut aus Venedig zu einer Fernweh weckenden Lagunen-Brache und im Dachboden des Ursulinenhofes winden sich riesige Eisschlangen des oberösterreichischen Künstlers Pepi Maier. 

Auf dem Parkdeck 14, auf dem sich 2009 das rote Riesenrad beschaulich drehte, errichtete der dänische Künstler Jeppe Hein einen Wasser­pavillon und Leo Schatzl lädt in einen riesi­gen Baukasten zum Schaukeln ein. All dies leichtfüßige Spiel mit den Elementen fügt sich hervorragend ins Linzer Jahresthema »Natur«, das viele Kulturinstitutionen der Stadt in diesem Jahr buchstäblich zum Erblühen bringt. 

Selbstverständlich wird auch beim Höhenrausch.2 gärtnerisch Hand angelegt – die kurz vor der Eröffnung »naturgemäß« noch erdigen Beete auf dem Parkhausdach sollen sich im Laufe des Sommers in einen wild wuchernden Andengarten verwandeln. Wer möchte da noch zu ebener Erde spazieren gehen?

Fotos

© Pertlwieser/StPL
© OK/Otto Saxinger

Text

Gabriele Kaiser
  • geboren 1967
  • 1996–2000 Redakteurin bei architektur aktuell
  • 2000–2003 Lehrauftrag an der Universität für angewandte Kunst in Wien
  • seit 2002 Redaktion des »Architektur Archiv Austria«, der online-Datenbank des Architekturzentrum Wien
  • Mitarbeit am Band III/3 des Führers »Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert« von Friedrich Achleitner
  • Architekturpublizistin und Leiterin des afo architek­turforum oberösterreich
    lebt und arbeitet in Wien und Linz

Linz im Höhenrausch.2

Standort

Linz/A

Planung 

Konzeption Höhenrausch.1 (2009): Atelier Bow-Wow, Tokio/JP, www.bow-wow.jp
Konzeption ­Höhenrausch.2 (2011): Jürg Conzett, Conzett Bronzini Gartmann AG, Chur/CH, www.cbg-ing.ch

Ausführungsplanung für beide Phasen 

Riepl Riepl ­Architekten, Linz/A, www.rieplriepl.com

Holzbau 

Brüder Resch Hoch- und Tiefbau, ­Ulrichsberg/A, www.resch-bau.at

Fertigstellung

Mai 2011, zu begehen bis Oktober 2011