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Essay

Wenn aus Mauern Wände werden

Hubertus Adam
Erschienen in
Zuschnitt 43: Die Außenwand
September 2011, Seite 4

In seiner Novelle »Rat Krespel« (1818) beschreibt E. T. A. Hoffmann das Bauprojekt seines kauzigen Protagonisten: Auf einem Gartengelände errichten Maurer eine völlig geschlossene, hermetische Mauerschale über quadratischem Grundriss, in die erst anschließend auf Anweisung des Auftraggebers Öffnungen für Fenster und Türen hineingebrochen werden: »So wurden die Schwierigkeiten, die die abenteuerliche Art zu bauen herbeiführen mußte, überwunden, und in kurzer Zeit stand ein völlig eingerichtetes Haus da, welches von der Außenseite den tollsten Anblick gewährte, da kein Fenster dem anderen gleich war usw., dessen innere Einrichtung aber eine ganz eigene Wohlbehaglichkeit erregte."

Die Erzählung von E. T. A. Hoffmann verdeutlicht, wie aus bloßen Mauern Wände werden – durch den Innenausbau des Hauses und vermittels der Durch­brüche, die innen und außen, privat und öffentlich zueinander in Beziehung setzen. Die Mauer ist ein autonomes Element, die Wand hingegen ein relationales: Sie ist als Teil des Hauses verbunden mit Boden und Decke und begrenzt Räume.

Für Gottfried Semper zählte die Wand neben dem Herd, dem Dach und der Substruktur zu den vier Grundelementen des Hauses. In seinem Opus mag­num »Der Stil in den technischen und tektoni­schen Künsten« (1860 – 63) behauptete er – inspiriert von archäologischen Ausgrabungen der Zeit – einen textilen Ursprung der Wand: Zwischen Pfosten/Diele und Balken eingespannte Stoffe hätten ursprünglich für die Begrenzung des Raums gesorgt. Bemerkenswert ist Sempers Ansatz, weil er die statische Funktion der Wand –nämlich die Abtragung von Lasten – der Aufgabe, einen Raum zu definieren, deutlich unterordnet und gerade nicht die Massivität und Muralität der Wand betont. Es wundert daher nicht, dass Vertreter der Moderne sich immer wieder auf Semper als Kronzeugen beriefen, wenn sie die Trennung von Tragwerk und Fassade, von konstruktivem Gerüst und thermischer Hülle, von »Knochen« und »Haut« – wie Mies es formulierte – vorantrieben. Die optische Entmaterialisierung der Wand führte zu Stahl-Glas-Bauten, die seit den 1950er Jahren zunächst zur Signatur der Business-Distrikte amerikanischer Städte wurden und daraufhin zum weltweiten Erfolgsmodell avancierten. Der wohl ironisch gemeinte Vorschlag des niederländischen Architektenteams MVRDV, die Glasfassade von Bürohäusern vollständig durch Warmluftgebläse zu ersetzen, wie man sie von Kaufhauseingängen kennt, bedeutete die absolute physische Eliminierung der Außenwand.

Ganz im Gegensatz zur Vision von mvrdv ging die Tendenz aber in der jüngeren Vergangenheit zu einem komplexeren Wandaufbau. Seit der Ölkrise in den frühen 1970er Jahren, welche die Grenzen des Fortschritts offenbarte und ein Nachdenken über die Schonung von Ressourcen erzwang, sind die bauphysikalischen Anforderungen an die Außenwand des Hauses sukzessive gestiegen. Mehrschichtiger Fassadenaufbau lautet das Stichwort, und dies bedeutet, dass zumindest eine tragende Schicht, eine schützende und eine dazwischen liegende dämmende Schicht existieren. Wie die Schichten miteinander kombiniert und wie sie materialisiert sind, darin besteht die konstruktive und gestalterische Herausforderung. Zweischalige Betonwände mit innen liegender Dämmung lassen zwar das von Architekten geschätzte Bild eines monolithischen Betonbaus entstehen, sind aber aufwendig und kosten­intensiv. Allerdings ist die Sehnsucht nach einer materiellen Einheit von Wand und Fassade auch in gewisser Weise ein Phantomschmerz.

Schon die Römer wussten bei ihren Mauern zwischen einer äußeren, dekorativ gestalteten Schale und dem inneren, mit Mörtel und Bauschutt ausgegossenen Kern zu differenzieren. Mehrschichtiger Wandaufbau ist somit kein prinzipiell neues Thema, doch eines, das sich graduell verändert hat. Alternativen zu den zweischaligen Wänden stellen hinterlüftete Systeme dar, bei denen die äußere Schutzfunktion einer dünnen Fassadenhaut aus Blech, Holz oder anderen Materialien übertragen wird. Wärmedämmverbundsysteme – mit einer dünnen Putzschicht überzogene Dämmelemente, die an die Fassaden geklebt werden – werden derzeit besonders kontrovers diskutiert. Auch wenn die Dämmwerte ­garantiert sind, gibt es bislang kaum Beispiele eines gestalterisch befriedigenden Umgangs mit Wärmedämmverbundsystemen, ganz abgesehen davon, dass die Recycelbarkeit des Materials nicht gegeben ist.

Die Entwicklung der Außenwand ist keinesfalls an ihr Ende gekommen, und so mag man versucht sein, darüber zu spekulieren, wie denn die Wand der Zukunft aussehen wird. Schwerlich so einfach und archaisch, wie sie sich Rat Krespel bauen konnte. Und nicht so utopisch, wie sie mvrdv imaginierten. Nach der Zeit additiver Schichtung geht der Trend zu kompositen und hybriden Systemen – Gläsern beispielsweise, die Dämmung und Sonnenschutz integrieren und durch prismatischen Aufbau je nach Sonnen­stand Licht durchlassen oder reflektieren. Durch weitere Forschung könnte es gelingen, der seit der Moderne sich abzeichnenden Aufsplitterung der Wand in verschiedene Materialschichten mit neuen Werkstoffen, die verschiedene Materialeigenschaften synthetisieren, entgegenzuwirken. Allerdings setzt das Postulat der Recycelbarkeit gewisse Grenzen hinsichtlich der Hybridisierung von Materialien.

Der nachwachsende Rohstoff Holz ist hinsichtlich seiner Öko­bilanz vielen anderen Materialien überlegen. So verwundert es nicht, dass gerade beim Holzbau in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt werden konnten. Holzwerkstoffe befördern den Trend zu einer Elementbauweise mit präfabrizierten, komposit aufgebauten Scheiben: Das vernakulär-rurale Image ­haben viele zeitgenössische urbane Holzbauten hinter sich gelassen. Anhängern eines puristischen Verständnisses von Materialgerechtigkeit mögen Bauten ein Dorn im Auge sein, bei denen eine hölzerne Wand nicht mehr wie eine hölzerne Wand aussieht. Doch muss man die Relativierung vertrauter Bilder als neue Freiheit begreifen – und damit nicht nur als konstruktive, sondern auch als ästhetische Herausforderung für die Architektur. Ohne einem unreflektierten Pragmatismus das Wort zu reden: Wer sich in Kulturpessimismus ergeht, begibt sich der Möglichkeit, die ­Zukunft des Bauens mitzugestalten.

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Hubertus Adam
ist freier Architekturkritiker, Architekturhistoriker und Kurator. Nach Jahren als Redakteur für Bauwelt in Berlin und archithese in Zürich leitete er von 2010 bis 2015 das S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Basel. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und ist für diverse Medien im In- und Ausland tätig.