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Holzmassivbau, senkrechte Bohlenstapel, verdübelt, tragend

Bohle für Bohle

Axel Simon
Erschienen in
Zuschnitt 43: Die Außenwand
September 2011, Seite 20f.
Die Umstellung von Massiv- auf Holzbau erfolgte erst im fortgeschrittenen Planungsstadium, als sich zeigte, dass die Vorgaben zur 2000-Watt-Gesellschaft nur so zu erreichen waren.

Zürich hat sich der 2.000-Watt-Gesellschaft verschrieben, in vierzig Jahren soll jeder Bewohner der Stadt seinen Energiekonsum auf ein Drittel herunterschrauben. Das Wohn- und Geschäftshaus von pool Architekten zeigt, was das beim Bauen heißen kann. Die Lage an der lauten Badenerstrasse ist einerseits eine Bürde, andererseits ein Plus in puncto Verkehrslage. Das Erdgeschoss mit Supermarkt ist eine Betonkonstruktion. Darauf stehen sechs zu­ein­ander verschobene vier- bis sechsgeschossige Häuser aus Holz. Zu beiden Seiten bilden sie tiefe Einschnitte und ihre schmalen, langen, gut organisierten Wohnungen blicken sowohl auf die Straße als auch in den rückwärtigen Stadtpark.

Ein Energieexperte beurteilte jeden Entwurfsentscheid. So bestimmte das 2.000-Watt-Ziel auch stark die Materialwahl. Aber auch der Bauherr hatte seine Vorgaben: Die Baugenossenschaft Zurlinden (BGZ) ist ein Zusammenschluss von Handwerksbetrieben, die ihre Häuser möglichst selbst bauen. Auf ihren Wunsch hin konstruierten die Architekten ihren Wett­­­bewerbsentwurf, der auf einer Massiv­bau­kon­struk­tion beruhte, nachträglich mit dem vom Holzingenieur Hermann Blumer entwickelten Wand­­system „Top Wall“: Raumhohe Bohlen werden nebeneinandergestellt und durch wenige Dübel fixiert. Die 20-mal-10-cm-Querschnitte werden zugesägt auf die Baustelle transportiert, wo sie ohne Maschinen aufgestellt werden – eine Zweiermannschaft baut pro Tag eine Hausetage. Die Architekten dachten dieses System weiter und planten auch die Decken aus Holz. Im vorgefertigten Hohlkastenelement sorgt eine Schlackeschüttung für Schallschutz.

Da bei sechsgeschossigen Holzbauten alle tragen­den Teile vor Feuer geschützt werden müssen, ist die Konstruktion nirgendwo sichtbar. Die Dämmung der Außenwand teilt sich auf in eine äußere (16 cm) und eine innere Schicht (8 cm), so ließ sich die Verkleidung einfach montieren. Innen sind dies ze­mentgebundene Gipsfaserplatten, außen eine Hinterlüftete Fassade aus glasfaserverstärk­tem Beton, dessen Primärenergiebilanz sich als am günstigsten erwies. Das stranggepresste Profil ist durch seine geknickte Form besonders stabil – die Unterlattung wurde in einem größeren Abstand montiert, wodurch Material gespart werden konnte. Die Ecken und Fensterlaibungen bilden massive Elemente. Mit ihrer horizontalen Schichtung irritiert die Fassade: Sie erinnert an nachgeahmtes Bossenmauerwerk in Putz, hat aber Fugen. Dahinter könnte sich alles befinden, auch eine massive Holzwand.

Wandstärke (cm) = 50
U-Wert (W/m2) = 0,12

  • Glasfaserbetonelement 70mm
  • Alu-Unterkonstruktion/Hinterlüftung 30mm
  • Mineralwolle 160mm
  • Windbremse
  • Holzbohlen 100 x 200mm
  • Mineralwolle 80mm
  • Alu-Lattung 30mm
  • Filz zur Schallentkoppelung
  • 2 x Gipsfaserplatten 12,5mm
  • Weißputz oder Spachtel 5mm
  • Glasfaserstrukturvlies

Fotos

© pool Architekten
© Giuseppe Micciché

Text

Axel Simon
  • geboren 1966 in Düsseldorf
  • Studium der Architektur in Düsseldorf und Berlin sowie Geschichte und Theorie der Architektur in Zürich
  • Arbeit als Architekt in Düsseldorf, Berlin und Freiburg
  • 1999 – 2004 Assistent von Axel Fickert, Peter Märkli und Markus Peter an der ETH Zürich
  • seit 2000 freier Architekturkritiker in der Schweiz und im europäischen Ausland
  • seit 2004 Schweizkorrespondent von A10, New European Architecture
  • Architekturkritiker und Redakteur der Zeitschrift Hochparterre

Wohn- und Geschäftshaus in Zürich Badenerstrasse

Standort

Zürich/CH

Planung

pool Architekten, Zürich/CH, www.poolarch.ch

Bauherr

Baugenossenschaft Zurlinden Zürich/CH, www.bgzurlinden.ch

Holzbau

Zimmereigenossenschaft Zürich, Zürich/CH, www.zgz.ch

Bauphysik

Wichser Akustik & Bauphysik AG, Zürich/CH, www.wichser.ch

Fertigstellung

April 2010

Wohn- und Geschäftshaus Badenerstrasse

Standort

Badenerstrasse 378 – 380, Zürich/CH

[auf Google Maps anzeigen]

Bauherr

Baugenossenschaft Zurlinden, Zürich/CH, www.bgzurlinden.ch

Planung

pool Architekten, Zürich/CH, www.poolarch.ch

Holzbau

Zimmereigenossenschaft Zürich, Zürich/CH, www.zgz.ch; Jäggi Hafter Holzbau, Regensdorf/CH, www.jaeggihafter.ch

Fertigstellung

2010