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Eine Welt für sich

Studier- und Sammlungsräume der italienischen Renaissance

Tiziana Romelli
Erschienen in
Zuschnitt 44: Denkraum Holz
Dezember 2011, Seite 18f.

Private Bildungsbedürfnisse bildeten die Grundvoraussetzung für die Entstehung des Studierzimmers, das in Italien abwechselnd als scrittoio, studio, stanzino, camerino oder studiolo bezeichnet wurde. Es war ein in sich geschlossener Ort, der dem Studium und der Kontemplation gewidmet war. Dieser Raum erlebte zwischen dem 15. und 16.Jahrhundert sowohl in der Ausstattung als auch in der Nutzung eine Transformation. Er verwandelte sich von einem Studienort zu einem repräsentativen Sammlungsraum, zu einem Instrument der Inszenierung von Prestige und moralischer Erhabenheit und steht damit für den Wandel von den monastisch-christlichen zu den weltlich-humanistischen Werten. Im 15. Jahrhundert findet man studioli in vielfältigen Erscheinungsformen und Nutzungen. Nicht nur ein florentinischer Kaufmann hatte zu der Zeit selbstverständlich ein studiolo als repräsentatives Arbeitszimmer, auch im Palast der Medici befand sich eines. Das studiolo des Federico da Montefeltro, des Herzogs von Urbino, war gerade einmal 3,3 mal 3,6 Meter groß und 5,0 Meter hoch. Die knapp über 2,0 Meter hohen Intarsien sind bis heute original im ersten Stock des Palazzo Ducale in Urbino erhalten. Dieser Raum, in den Jahren 1472 bis 1476 realisiert und als idealisierte Naturlandschaft konzipiert, sollte den Fürsten vor der Außenwelt schützen.

 Eine Serie von mit Intarsien dekorierten Schränken schmückte das kleine, hohe Zimmer. Unter den simulativen Darstellungen findet man Bücher von Seneca, Cicero und Vergil als Symbol von Federicos Absicht, sich dem kontemplativen Leben zu widmen. Weiters sind musikalische Instrumente, ein Papagei im Käfig, eine Armillarsphäre und eine Abakustafel dargestellt. Bereits in der Konzeption handelte es sich lediglich um Allegorien von Objekten: Die Schränke blieben leer. Das studiolo von Urbino sowie die Replik in Federicos zweiter Residenz in Gubbio wurden von Anfang an als bloßes Abbild eines herrschaftlichen Studienraumes und als Repräsentation der fürstlichen Innerlichkeit konzipiert. Jegliche praktische Tätigkeit wurde für überflüssig und unnötig erklärt. Die architektonische Gegebenheit des Raums unterstrich diese programmatische Tatsache: klein, eng und dunkel. Zeitgenössischen Beschreibungen zufolge waren um die Wände herum Holzstühle aufgestellt, die die rein kontemplative Funktion geradezu plakativ offenbarten. Und dennoch wären die studioli in Urbino und Gubbio ohne Besuch von anderen zwecklos gewesen. Federico empfing diese einzeln und ohne Gefolge, so wie es damals für ranghohe Persönlichkeiten üblich war.

 Die künstlerische und wirtschaftliche Blüte der italienischen Stadtstaaten vom 13. bis ins beginnende 16. Jahrhundert förderte die Kunsttischlerei. Insbesondere im Norditalien des 15. Jahrhunderts erlebte die Intarsienkunst eine starke Nachfrage und Verbreitung. In dieser Zeit erreichte die Bearbeitung von Holz ihre höchste Entfaltung. Nie zuvor wurde es in einer solchen kunst- und wertvollen Weise für dekorative Zwecke, noch dazu profaner Natur, eingesetzt. Dennoch sind die Ausführungen der studioli von Federico da Montefeltro unter den zeitgenössischen Produktionen von unerreichter Qualität. Der Herzog von Urbino wusste den neuen Darstellungsmodus Holz für repräsentative Zwecke gekonnt einzusetzen. Der illusionistische Effekt des trompe-l’œil wurde in seinem zweiten studiolo in Gubbio zur Perfektion gesteigert. Diese Intarsien sind heute im Metropolitan Museum of Art in New York erhalten.

Studiolo von Gubbio, heute im Metropolitan Museum of Art, New York

Foto:

© bpk/The Metropolitan Museum of Art

Text

Tiziana Romelli
  • geboren 1972 in Sesto San Giovanni bei Mailand, Italien
  • Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über das studiolo von Isabella d’Este und das petit cabinet von Margarete von Österreich
  • arbeitet als Medienanalystin
  • lebt in Berlin und dort im ersten Siebengeschosser in Holzbauweise

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