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Kulissentheater versus Raumtheater

Barbara Lesák
Erschienen in
Zuschnitt 44: Denkraum Holz
Dezember 2011, Seite 20f.

Der manipulierte Raum

Mit der Erfindung der Perspektive als Abbildungsmethode wurde das Verlangen erfüllt, Realräumliches so wahrheitsgetreu abzubilden, dass sich auch auf einer Fläche ein räumlicher Eindruck einstellte. Im Unterschied zur malerischen Perspektive wurde auf der Theaterbühne, einer Reliefperspektive gleich, ein faktisch dreidimensionaler Raum zu einer illusionär gesteigerten Dreidimensionalität manipuliert, wodurch man trotz einer seichten Bühnentiefe einen großräumigen Eindruck erzielte. Erreicht wurde dies mithilfe von planen Flächen, den sogenannten Kulissen. Diese meist mit bemaltem Stoff oder Papier bespannten Holzrahmen waren in einer parallelen Staffelung hintereinandergereiht. Dem Französischen »coulisse« des 18. Jahrhunderts entnommen, bezeichnet der Begriff Kulisse etwas, das verschoben werden kann. Dementsprechend wurden innerhalb einer zentralperspektivischen Grundstruktur mit beweglichen, illusionistisch bemalten Kulissen dem Blick des Betrachters, der getäuscht werden wollte, immer neue oder wiederkehrende Ansichten dargeboten. Die grandiose Illusionsmaschinerie der Kulissenbühne triumphierte um die Wette mit der illusionären Deckenmalerei in Kirchen und Fürstenhöfen und entwarf Szenenbilder von Palästen und Tempeln, von ungeheuerlichen Grotten und Höllen, beklemmend labyrinthischen Kerkern, von Seehäfen, von Unterwelten oder Himmelswolken und lyrischen Hainen. All diese Schauplätze zauberte die Kulissentechnik fließend hervor, unterstützt durch Beleuchtungseffekte aller Art.

Bühnenmodell einer Palasthalle mit Prunktreppe von Lorenzo Sacchetti für eine Opernaufführung im Teatro San Giovanni Crisostomo, Venedig, 1786 Holz, Papier, farbig bemalt, 48x71x41cm

Der befreite Raum

Auch heute noch gilt der Begriff »Kulisse« als die große, übergreifende Metapher für das Theater schlechthin und damit für Schein und Illusion. Durch die Jahrhunderte waren diese leichten Holzkonstruktionen ein raffiniert einfaches Arbeitsinstrument des Theaters. Ihre Magie resultiert aus der Tatsache, dass es mit ihrer Hilfe möglich ist, in einem begrenzten Raumausschnitt, den man auch Guckkasten nennt, überzeugend reale und irreale Welten entstehen zu lassen. Bisweilen ironisch zitiert, wurde die Kulisse im Laufe der Jahrhunderte gar zum Sinnbild einer gefahrbergenden Oberfläche, auf die – wie ihre Kritiker meinten – Sehnsüchte ganzer Gesellschaften projiziert und manipuliert werden konnten. Die Parteigänger der Wirklichkeit haben an ihrem schlechten Ruf gearbeitet, für sie stand die Kulisse für die Lüge allgemein, für eine schäbige Welt, die sich hinter der Kulissenpracht verbarg. Die Vorherrschaft des Kulissensystems, der Bildbühne also, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in den Theatern Europas und des süd- und nordamerikanischen Kontinents die allgemein übliche Ausstattungsnorm darstellte, wurde im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts durch eine bis heute radikale Gegenbewegung, die abstrakt-konkrete Szenografie, gebrochen. In den Manifesten dieser neuen Zeit proklamierte man die »Raumbühne« (auf der dieser liederliche, bourgeoise Kulissenbetrug nicht mehr stattfinden sollte). So konnte Friedrich J. Kiesler, der bedeutende austro-amerikanische Theatervisionär, 1924 wortgewaltig konstatieren: »... die Kulisse explodiert.« In der »Würfelbühne« des Tiroler Architekten Hans Fritz, einem Bausystem aus dreidimensionalen Bauelementen, die frei auf der Bühne kombiniert werden sollten, fanden die neuen Parameter eines Theaters ohne Kulissen eine wirksame Ausformulierung. Die verwegenen Theaterutopien eines Kiesler oder die Ideen der revolutionären russischen Epoche fanden aber oft nur in Modellgröße ihr genuines Ausdrucksmittel.

Modell der Raumbühne von Friedrich J. Kiesler, Rekonstruktion im Maßstab 1 : 10 von Thomas Weingraber, Modellbau von Karl Schwarz, 1988, Holz, zum Teil bemalt, 150x150x60cm
Ein großer Bausatz, mit dem viele verschiedene Raumsituationen geschaffen werden können: Die Idee der Würfelbühne (1919/1920) von Hans Fritz aber kam nie über das Modell hinaus. Modellbau von Architekt DI Dr. techn. Gerhard Vana, Holz, ca. 44 x 28 x 45cm

Fotos:

© Österreichisches Theatermuseum Wien, Kurt Zweifel

Text

Barbara Lesák
  • beschäftigt sich seit 1975 mit der Szenografie der Theateravantgarde, insbesondere mit dem Werk von Friedrich J. Kiesler
  • bis 2009 Kuratorin am Österreichischen Theatermuseum
  • zahlreiche Publikationen zu Theater und Kunst des 20. Jahrhunderts

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