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Meister der Illusion

Ein Besuch bei Art for Art, den Dekorations- und Kulissenwerkstätten der Bundestheater

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 44: Denkraum Holz
Dezember 2011, Seite 22f.

Die Bühnenbilder für die Wiener Staatsoper, die Volksoper, das Burgund das Akademietheater werden in den Art for Art Dekorations- und Kulissenwerkstätten im Wiener Arsenal gebaut. Hier in der Mitte dieses ursprünglich für militärische Zwecke errichteten Areals liegt ein Konglomerat an Hallen: drei Tischlereien, drei Malersäle, zwei Bildhauerwerkstätten, zwei Schlossereien, eine Tapezierwerkstätte sowie eine Waffenschmiede reihen sich aneinander und sind über einen langen Mittelgang miteinander verbunden. »Jeden Tag sieht es hier anders aus«, erzählt Ferdinand Stoll, der uns als Abteilungsleiter der Tischlerei durch die Hallen führt. Mit ihm arbeiten hier etwa 160 Menschen an bis zu vierzig Neuproduktionen pro Jahr. Hinzu kommen die täglich anfallenden Restaurierungsarbeiten an bestehenden Bühnenbildern. Allein ein Drittel der 160 Mitarbeiter sind Tischler. »Die spinnen, die Römer!«, »Peter Pan«, »Tosca« und »Die Fledermaus« heißen die Bühnenstücke, für die hier gerade gesägt, geschliffen, gemalt, gepolstert und genäht wird. Für den Zuschauer einer Theater- oder Opernaufführung gehört das Bühnenbild ebenso dazu wie der Schauspieler. Er lässt sich bereitwillig in eine andere Welt entführen. Eben deshalb sind die Handwerker der Dekorationswerkstätten Meister der Illusion. Sie wissen, mit welchen Mitteln sie am besten welche Effekte erzielen können. Es muss ja nur so aussehen, als ob.

Das Wichtigste bei einer Kulisse ist, dass sie so leicht wie möglich und zugleich so stabil wie möglich ist – schließlich muss sie jeden Tag im Theater auf- und abgebaut, zur Seite geräumt oder ins Depot gefahren werden. Holz spielt beim Bau von Kulissen eine wichtige Rolle: Es ist ein relativ leichter und zugleich stabiler Werkstoff. Zudem einer, der leicht zu bearbeiten ist. Allein, wenn es um Reparaturen an bestehenden Konstruktionen geht, ist Holz ein dankbarer Werkstoff, so Stoll. Neben Holz spielen natürlich auch Stahl sowie Kombinationen von Holz und Stahl oder Aluminium eine Rolle. Etwa zwei Drittel der Konstruktionen sind aber aus Holz.

 Auch die Aufbewahrung und der sichere Abtransport müssen von vornherein mitbedacht werden. Werden zum Beispiel Holzplatten transportiert, auf denen Gesimse mithilfe von Styropor aufgebracht wurden, dann dürfen diese während des Transports nicht zusammengedrückt werden. Die benötigten Transportkisten beziehungsweise Transporthilfsmittel aus Holz werden immer gleich mitgebaut. In der ersten Tischlerhalle gleich neben dem Eingang liegen zwei Stapel Dreischichtplatten aus Fichte. Mit diesem Holz wird hier viel und gerne gearbeitet. Aber auch 4mm starkes Pappelsperrholz kommt zum Ein- satz, MDF hingegen ist zu empfindlich gegen Stoß und Feuchtigkeit.

 Jede Kulisse muss – zumindest für die Wiener Theater – schwer entflammbar sein. Jede Holzkonstruktion wird deshalb von hinten mit einer Imprägnierung versehen, die leicht bräunlich gefärbt ist: So kann die Behörde bei der Abnahme der Bühnenkonstruktion überprüfen, ob die Imprägnierung vollflächig aufgetragen ist. Die Vorderseite hingegen dient der Illusion und wird bemalt. Bevor die Farbe oder der Lack aufgetragen werden, wird die Holzoberfläche mit einem dünnen Stoff, meist mit Molino, überzogen, damit man die Holzmaserung nicht erkennen kann.

 Jedes Bühnenbild ist ein Unikat. Neben den Restaurierungsarbeiten am Bühnenbild von »Tosca« aus dem Jahr 1962 wird hier gerade intensiv an einer Kopie des Bühnenbilds für »Die Fledermaus«, am Bühnenbild zu »Peter Pan« und »Die spinnen, die Römer!« gearbeitet. Ist alles fertig, wird jede Wand abgemessen und abgewogen. Spätestens dann, wenn die Produktionen ins Ausland verliehen werden, werden Größe und Gewicht der Kulisse zu wichtigen Kenngrößen.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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