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Essay

Holz und Beton

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 45: Holz Beton Verbund
März 2012, Seite 4

Holz und Beton erscheinen einem auf den ersten Blick als Gegensätze; und vorschnelle Marktstrategen versuchen aus kurzatmigen Gründen daraus sogar eine Feindschaft zu konstruieren. Auch die herrschenden Vorurteile sehen Holz und Beton als Antipoden. Holz wird für natürlich, warm und umweltfreundlich gehalten, Beton dagegen für künstlich, kalt und gewaltsam. Umgekehrt gilt Holz als wenig haltbar, feuergefährlich und provisorisch, während Beton für Haltbarkeit, Widerstandsfähigkeit und Dauerhaftigkeit steht. Alle diese Vorurteile, positive und negative, relativieren sich bei genauerer Betrachtung und verkehren sich mitunter sogar ins Gegenteil. Holz erweist sich bei richtiger Verwendung als nahezu unbegrenzt haltbar. Holz zeigt im Brandfall große Widerstandskraft und vor allem ein statisch kalkulierbareres und damit weniger gefährliches Verhalten bei Bränden als so mancher unbrennbare Baustoff. Beton ist mit dem relativ geringen Anteil an (gebranntem) Zement wesentlich ökologischer als sein Ruf. Beton lässt sich farblich und in seiner Oberflächenbeschaffenheit einfach und vielfältig gestalten und kann dadurch auch warm und weich wirken. Und Beton war (unbewehrt) auch schon ein wichtiges Baumaterial im antiken Rom.

Unvoreingenommen betrachtet, hat jedes Material seine spezifischen Stärken und Schwächen und damit Einsatzbereiche, für die es besonders geeignet ist. Daraus können eine effektive und logische Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Materialien und auch Grenzen für die Substitution eines Materials durch ein anderes abgeleitet werden. Beton ist für erdberührende, bei Bedarf auch wasserundurchlässige Gebäudeteile unersetzbar. Er kann wie kein anderes Material sehr große Lasten auf möglichst wenigen Stützen und Wandscheiben tragen. Und mit Stahl bewehrt ermöglicht uns Beton weit gespannte Flachdecken und imposante Auskragungen. Holz ist dabei, durch neue Materialentwicklungen wie das Brettsperrholz, durch einen hohen Vorfertigungsgrad mit trockener und schneller Montage und große gestalterische Möglichkeiten jenen Stellenwert im Baugeschehen zurückzugewinnen, den es in der Geschichte schon einmal hatte. Holz zu verbauen, ist auch der weitaus wirksamste Weg zur Verbesserung der CO2-Bilanz, weit besser, als Holz zu verbrennen oder in Treibstoff umzuwandeln. In einer Gebäudestruktur wird das Untergeschoss und ein offenes und flexibel nutzbares Erdgeschoss sinnvoll aus Beton sein und allenfalls auch noch die Vertikalerschließung als Fluchtweg und Aussteifung des Bauwerks. Alle übrigen Teile können aus Holz errichtet werden.

Doch die Möglichkeiten eines Zusammenwirkens von Beton und Holz gehen weit über eine solche konstruktive Arbeitsteilung hinaus. Beton ist ein Gussmaterial aus »Schotter«, der praktisch überall vorkommt, gebunden mit Zement und Wasser. Beton ist in Formen gegossener Stein, der schwer ist und fast nur auf Druck beansprucht werden kann. Um Zugkräfte aufzunehmen, muss Beton eine Verbindung mit einem auf Zug belastbaren Material eingehen. Holz verdankt seine Stärken und Schwächen seiner leichten, gewachsenen Faserstruktur, die vielfach in neuen Hightech-Materialien imitiert wird. Durch diese Faserstruktur kann massives Holz Druck und Zug gleichermaßen aufnehmen. Nur hat die traditionelle Zimmermannskunst kaum Wege gefunden, Zugkräfte in Knoten und Auflager abzuleiten. Dadurch blieb die Zugqualität des Holzes weitgehend unbewusst, obwohl sie selbstverständlich auch für die im Verhältnis zu seinem Eigengewicht enorme Tragkraft eines Deckenbalkens aus Holz an dessen Unterseite notwendig ist. Die Faserstruktur des Holzes sorgt auch für das warnende Knacken lange vor seinem Brechen.

Es entsteht durch sich unter entsprechender Last voneinander lösende Fasern; und der Grad der Belastung einer Stütze offenbart sich in der Tonhöhe ihres Klangs, wenn sie angeschlagen wird. Manche können sich vielleicht noch an das gespannte Knistern oft nicht entrindeter Baumstämme erinnern, die lange als hochbelastete Stützen zur Unterfangung ganzer Stadthäuser dienten. So sind auch Holzstützen oder Wandscheiben aus Holz, die eine Betondecke tragen, nur auf den ersten Blick absurd; genauso wie etwa eine weit gespannte Betonfertigteildecke in einem massiven Holzbau oder Unterzüge aus Ortbeton in einem Hochhaus aus Holz.

Mit der Wahrnehmung des Holzes als Zugmaterial liegt auch ein entsprechender statischer Verbund von Holz und Beton nahe. Bei der Sanierung von alten Holztramdecken ersetzt ein mit den Balken schubfest verbundener Aufbeton statisch und akustisch wirksam den statisch kontraproduktiven Ballast der alten Schüttungen. Und schon bei der frühesten Form der Holzfläche, der Brettstapeldecke, wurde mit einem statisch wirksamen Aufbeton experimentiert; dabei waren vor allem die Nässe des Betons bzw. die offenen Fugen problematisch. Brettsperrholz und fortgeschrittene Betonmischtechnologie machen diese Schwierigkeiten obsolet. Und es scheint mehr als logisch, insbesondere die Entwicklung von entsprechenden Holz-Beton-Fertigteilen voranzutreiben.

Noch enger könnte die Verbindung von Holz und Beton werden, wenn Holz als Zuschlagstoff und vielleicht auch als »Faserbewehrung« Eingang in die Betontechnologie findet. Die haptisch sehr angenehmen Holzzementböden in alten Gewerbebauten und die zementgebundenen Spanplatten sind Vorläufer in dieser Richtung. Das Ergebnis könnte ein brauchbarer Leichtbeton sein, der als Ortbeton und bei Fertigteilen Verwendung finden könnte.

Der scheinbare Gegensatz von Holz und Beton löst sich auf in ein weites Feld von konstruktiven, materialtechnologischen und gestalterischen Chancen, die sich aus einer intelligenten Zusammenarbeit und Verbindung der beiden Materialien ergeben. Auf dem Weg liegen überraschende Lösungen von außergewöhnlicher Qualität. Und selbst wenn vielleicht nur wenige Errungenschaften des Holz-Beton-Verbundes Eingang in die alltägliche Baupraxis finden sollten, so bleibt auf jeden Fall die Erkenntnis und Erfahrung, im richtigen Moment an das »andere« Material zu denken, statt in materialfixierten Krämpfen und Sackgassen zu enden.

Text

Wolfgang Pöschl
lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.