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Martin Boyce

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 45: Holz Beton Verbund
März 2012, Seite 32

»Do Words Have Voices«, baltic Centre for Contemporary Art in Gateshead, Turner Prize, 2011

Die Installationen des schottischen Künstlers Martin Boyce erinnern oft an jene Traumsequenzen, in denen die Grenzen zwischen Außen- und Innenraum wiederholt aufgehoben werden und das Gefühl für zeitliche und räumliche Verortung verloren geht. In diesen Situationen ist alles möglich, die Gravitation ist ausgeschaltet, die Materialität und Aggregatzustände der Dinge verändern sich und man bewegt sich in einer Landschaft, die sich aus dem Unbewussten und der Erinnerung zusammensetzt. Mit der Installation »Do Words Have Voices« entwarf Boyce ein ähnlich transzendentes Setting, dessen parkartiges Inventar sich in seiner formalen Ausführung fast zur Gänze auf die kubistischen Betonbäume der französischen Designer und Bildhauer Jan und Joël Martel aus dem Jahre 1925 bezieht. Für Boyce wurden diese Baumskulpturen, von denen nur noch Fotos existieren, ab 2005 zum Ausgangspunkt seines eigenen künstlerischen Schaffens, das vor allem auf die Architektur- und Designikonen der Moderne sowie den uns umgebenden urbanen Lebensraum Bezug nimmt.

Ausgehend von kleinen dreidimensionalen Modellen, die Boyce von den Martel-Skulpturen anfertigte, entwickelte der Künstler aus der formalen Logik der Betonbäume ein repetitives Muster und löste in weiterer Folge einzelne Formteile heraus, um sie in seine eigenen Arbeiten einfließen zu lassen. Der in der Ausstellung gezeigte Tisch ist somit eine zweckentfremdete Abwandlung des ursprünglich von Jean Prouvé entworfenen Designs von 1951. Die asymmetrische Holzplatte in Form des kubistischen Blattwerks fungiert dabei nur noch als formales Zitat zwischen der Natur und dem urbanen Raum. Der Ausstellungsraum des Baltic Centre for Contemporary Art in Gateshead im Nordosten von England wird bei Boyce zu einem Ort der Gegensätze, in dem der Künstler unterschiedliche und vermeintlich fremde (Material-)Welten vereint. Der modernistische Ansatz des stetigen Fortschritts und die auf Massenproduktion angelegte Industrialisierung, die in der Natur eine bloße Ressourcenquelle sieht, wird in der Installation von Boyce einer kritischen Revision unterzogen. Dabei spielt auch die Sehnsucht nach einer notwendigen Koexistenz eine große Rolle, die vor allem in den nicht fehlgeleiteten Idealen der Moderne einen Lösungsansatz sieht. Nicht nur die Architekten der Moderne wie zum Beispiel Albert Kahn orientierten sich bei ihren formalen Lösungen an der Natur, auch Martin Boyce bezieht die Betonpfeiler des Ausstellungsraumes in seine naturalistischen Überlegungen mit ein und verwandelt sie in Baumskulpturen mit stählernem Blattwerk. In den an der Wand hängenden Schriftbildern verbindet Boyce darüber hinaus den industriell gefertigten Baustoff Beton mit dem natürlichen Rohstoff Holz, da die Textur der Holzpaneele, die als Gussform dienten, klar erkennbar bleibt. 

Es ist letztlich eine symbiotische, poetische Landschaft, die den urbanen Raum mit der Natur verbindet und Platz schafft für Erinnerungen und in den Hintergrund getretene Ideale.

Martin Boyce

geboren 1967 in Glasgow
lebt und arbeitet in Glasgow

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2012 Scarecrows and Lighthouses, Tramway, Glasgow 
  • 2011 night terrace – lantern chains – forgotten seas – sky, The Modern Institute/ Toby Webster Ltd, Glasgow
    Through Layers and Leaves (Closer and Closer), 
    Massachusetts Institute of Technology, Cambridge 
  • 2010 A Library of Leaves, Galerie Eva Presenhuber, Zürich
  • 2009 No Reflections, Dundee Contemporary Arts, Dundee
    No Reflections, 53. Biennale Venedig, Venedig

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2012 The Spirit Level, Gladstone Gallery, New York
    Positions on Conceptual Art, Galerie Rüdiger Schöttle, München
  • 2011/12 The Sculpture Show, Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh
    Turner Prize 2011, Baltic Centre for Contemporary Art, Gateshead 
  • 2011 Missing Beat, Sommer Contemporary Art, Tel Aviv
  • 2010 Last Ride in a Hot Air Balloon, The 4th Auckland Triennial, Auckland
  • 2009 Tonite, The Modern Institute/Toby Webster Ltd, Glasgow
    Material Intelligence, Kettle’s Yard, Cambridge

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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