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Bauen für die Öffentlichkeit

Nachgefragt

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 46: Für die Öffentlichkeit
Juni 2012, Seite 14/19

Welche Herausforderungen stellen sich der öffentlichen Hand in Bezug auf die Errichtung und Erhaltung von Gebäuden in den kommenden Jahrzehnten und welche Rolle spielt die Wahl des Werkstoffs dabei? Wir befragten dazu Wolfgang Gleissner, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), Helmut Mödlhammer, Präsident des Österreichischen Gemeindebundes, Bernhard Steger, Sprecher der plattform baukultur und Koordinator des Baukulturreports 2011, und Erich Wiesner, Obmann des Fachverbandes der Holzindustrie Österreichs.

Bauen für die Öffentlichkeit: Wo liegen die großen Herausforderungen der öffentlichen Hand in den nächsten zehn, zwanzig Jahren?

Wolfgang Gleissner

Die big hat ein klares Kerngeschäft: den ehemaligen Bestand der Republik Österreich optimal zu bewirtschaften. In den drei Kernsegmenten Schulen, Universitäten und Büro-/Spezialimmobilien rückt das Thema effizienter Sanierung immer stärker in den Vordergrund. Rund ein Drittel der big-Gebäude wurde in der Zeit zwischen 1960 und 1980 gebaut. Viele davon müssen in den kommenden Jahren generalsaniert werden.

Helmut Mödlhammer

In den nächsten Jahren kommen viele kommunale Gebäude in die Sanierungsphase. Insgesamt sind die Gemeinden Eigentümer von 60.000 Gebäuden, von den Pflichtschulen über Kindergärten, Pflegeheime und Amtshäuser bis hin zu den Bauhöfen. Der Sanierungsbedarf ist groß, teilweise werden die Einrichtungen auch neu gebaut.

Bernhard Steger

Trotz angespannter Budgets darf die Bauherrenverantwortung nicht an private Investoren ausgelagert werden, die Gebäude errichten und an die öffentlichen Träger vermieten. Dabei hat der Private den Nutzen, während die öffentliche Hand bezahlt. Dies führt zu einer Verschleierung der Kosten bei weitgehender Aufgabe von Einflussmöglichkeiten. Die öffentliche Hand hat eine Verantwortung als Bauherr und soll diese im Sinne des Gemeinwohls auch wahrnehmen.

Erich Wiesner

Politik und Gesellschaft stehen in Bezug auf Klimawandel, C02-Ausstoß, Energiewende und Ressourcenverbrauch vor großen Herausforderungen. Bauen mit Holz kann dazu wesentliche Beiträge liefern. Die öffentliche Hand nutzt das technische, ökonomische, ökologische und gestalterische Potenzial des Holzbaus bei Weitem nicht aus. Österreich mit seinem Holzreichtum und seiner anerkannten Holzverarbeitungskompetenz könnte weltweit eine Vorreiterrolle spielen, die öffentliche Hand könnte dabei ein Vorbild sein.

Bauen verbraucht Ressourcen. Die Lebenszyklusbetrachtungen der Gebäude treten immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Welche Bedeutung messen Sie diesem Zusammenhang der Materialwahl bei?

Wolfgang Gleissner

Die big ist bei all ihren Bauvorhaben bestrebt, das Thema Nachhaltigkeit bereits in ihren Ausschreibungen zu verankern und einzufordern. Jedes Projekt ist idealerweise ein optimales Zusammenspiel aus Funktionalität, architektonischer Qualität und Wirtschaftlichkeit. Generell steht bei Lebenszyklusbetrachtungen derzeit die Kostenfrage im Mittelpunkt. Errichtungskosten werden Lebenszykluskosten gegenübergestellt. Diese Betrachtungen gehen aber noch nicht so weit in die Tiefe, dass unterschiedliche Materialien in solche Modelle mit einbezogen werden.

Helmut Mödlhammer

Der erhoffte und planbare Lebenszyklus von Gebäuden wird in der Tat immer wichtiger. Wenn man bedenkt, wie stark sich die Materialwahl schon in den letzten zehn Jahren verändert hat – komplett weg von reinen Betongebäuden hin zu ressourcenschonenden Materialien –, dann ist eine gewaltige Entwicklung spürbar. Holz spielt dabei eine immer größere Rolle, wir haben jetzt schon viele tolle Beispiele für Passivbauten aus nachhaltigen Materialien.

Bernhard Steger

Die Folgekosten während des Betriebes für Ver- und Entsorgung, Reinigung und Pflege sowie Instandsetzung betragen ein Mehrfaches der Errichtungskosten. Kostenoptimierte Planung auf Basis eines ganzheitlichen Ansatzes muss daher den gesamten Lebenszyklus in Betracht ziehen; jeder in qualifizierte Planung investierte Euro bringt Ersparnisse von 10,– Euro in der Errichtung und 100,– Euro im Betrieb. Die richtige Materialwahl ist dabei fundamental.

Erich Wiesner

Holz ist das einzige nachwachsende Baumaterial. Wenn man richtig damit baut, weisen Holzbauten eine hohe Lebensdauer und eine hohe Wertbeständigkeit auf. Am Ende des Lebenszyklus entsteht kein Deponieproblem, die Holzteile können in Biomasseverbrennungsanlagen energetisch genutzt werden.

Stichwort regionale Wertschöpfung: Welche Bedeutung messen Sie dieser bei und wie kann man sie im Zusammenhang mit der Errichtung von Gebäuden fördern?

Wolfgang Gleissner

Die big unterliegt als Gesellschaft im Eigentum der Republik -Österreich dem Vergaberecht. Alle Großaufträge werden daher gemäß Wertgrenzen ausgeschrieben. Zusätzlich investiert die big im Rahmen der Instandhaltung rund 200 Millionen Euro pro Jahr. Viele der über 5.000 Einzelmaßnahmen werden von lokalen Anbietern abgewickelt. Damit wiederum trägt die big einen maßgeblichen Anteil zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Förderung des örtlichen Bauhaupt- und nebengewerbes.

Helmut Mödlhammer

Die Gemeinden sind die größten öffentlichen Investoren. Natürlich ist es uns wichtig, die Wertschöpfung in der Region zu halten. Das liegt im ureigenen Interesse jeder Gemeinde, sofern die regionalen Betriebe konkurrenzfähige Preise anbieten können. Es ist nicht nur wirtschaftlich wichtig, sondern auch im Sinne der Nachhaltigkeit, wenn die Baustoffe nicht Hunderte Kilometer weit herangeschafft werden müssen.

Bernhard Steger

Solange die reinen Errichtungskosten Grundlage von Vergabeentscheidungen sind und Transport so billig ist, können die Vorteile der Betriebe vor Ort nur bedingt ausgespielt werden. Eine Möglichkeit wäre, eine funktionierende Gewährleistung und Betreuung vor Ort stärker als Vergabekriterium mit einzubeziehen.

Erich Wiesner

Natürlich ergibt die regionale Wertschöpfung viel Sinn, und auch aus Sicht der lokalen Politik hat sie große Bedeutung. Demgegenüber steht aber auch das Interesse, faire Wettbewerbsbedingungen für alle tätigen Betriebe zu schaffen. Das kommt im Vergaberecht und in den Schwellenwerten zum Ausdruck. Die österreichische Holzindustrie weist eine Exportquote von über 70 Prozent auf und österreichische Betriebe errichten weltweit Holzbauten und Holzkonstruktionen.

Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für und welche gegen den Werkstoff Holz?

Wolfgang Gleissner

Der zentrale Grund für den Einsatz von Holz ist sicher seine Nachhaltigkeit. Es wächst nach, ist CO2-neutral und benötigt wenig Energie in der Produktion. Darüber hinaus erlaubt es eine schnelle und trockene Bauweise. Auf der negativen Seite stehen höhere Kosten, laufende Pflege und Probleme bei der Verarbeitung wie beispielsweise die schwierig lösbare Luftdichtheit der Bauteilanschlüsse.

Helmut Mödlhammer

Es hat einen Grund, warum Holz auch im privaten Wohnbau an Bedeutung gewinnt. Holz ist nachhaltig, es ist verhältnismäßig günstig und es schafft ein »Wohlfühlklima«. Das ist besonders bei Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen, wo in den letzten Jahren auch immer mehr mit Holz gebaut wird, ein wichtiger Punkt. Holz gewinnt an Bedeutung, das ist gut so, relevante Nachteile gibt es kaum.

Bernhard Steger

Das hohe Innovationspotenzial heimischer Holzverarbeitungsbetriebe, die bereit sind und waren, mit Planern und Bauherren innovative Lösungen zu entwickeln, ist neben den »klassischen« Vorteilen wie Klimaneutralität und regionale Produktion ein großer Asset des Werkstoffs Holz. Diese Innovationshaltung sollte Vorbild für andere Branchen sein.

Erich Wiesner

Es gibt viele Argumente, die für den Einsatz von Holz sprechen – nachzulesen in den proHolz-Publikationen. Dagegen spricht eigentlich sehr wenig. Die Verwendung des Materials sollte dort begrenzt sein, wo es die Anforderungen funktional nicht erfüllen kann.

Bauen mit Holz hat vor allem in den ländlichen Regionen Tradition. Ist das aus Ihrer Sicht ein Grund, auch mit Holz weiterzubauen?

Wolfgang Gleissner

Wo immer der Werkstoff Holz architektonisch passt, wird er auch eingesetzt. Vor Kurzem haben wir beispielsweise die Forstschule in Bruck an der Mur eröffnet. Dort bestehen wesentliche Teile der Konstruktion und auch der Gebäudehülle aus Holz.

Helmut Mödlhammer

Es gibt viele Gründe, mit Holz zu bauen, die Tradition ist vielleicht einer davon, sicher aber nicht der wichtigste. In manchen Gemeinden ist es nicht zuletzt auch eine Frage des Ortsbildes. Wenn in alpinen Gemeinden das Ortszentrum vorwiegend aus Häusern mit hohem Holzanteil besteht, dann liegt es auf der Hand, diesen Werkstoff auch für öffentliche Gebäude stärker zu verwenden.

Bernhard Steger

Es heißt, Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme. In diesem Sinn kann die Entscheidung, mit Holz zu bauen, nur dahingehend begründet sein, dass damit relevant auf aktuelle Anforderungen reagiert werden kann. In so einem Verständnis von Tradition ist Holz derzeit absolut aktuell – nicht nur am Land.

Erich Wiesner

Bauen mit Holz ist im ländlichen Raum ein Faktum und von dort auch nicht mehr wegzudenken, weil die Menschen es einfach mögen. Im urbanen Bereich könnte der Anteil des Holzbaus wesentlich gesteigert werden, auch in Kombination mit anderen Baumaterialien. Hier gibt es aber Einschränkungen und Vorurteile, denen die Branche mit Aufklärung, Kompetenz und Innovation entgegentreten muss. Der Einzug des Holzbaus im urbanen Bereich ist aber nicht aufzuhalten.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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