Inhalt

Essay

Das Holz und der Bürger

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 46: Für die Öffentlichkeit
Juni 2012, Seite 4f.

Die Frage nach der Repräsentation öffentlicher Bauten war im 19. Jahrhundert noch einfach zu beantworten, vor allem wenn man an die Rathäuser der damaligen Zeit denkt, die Bürgerstolz, Macht und städtisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen sollten. Mit dieser Symbolik einer Tradition kommunaler Autonomie, die mit Vorliebe auf die Gotik und deutsche Renaissance Bezug nahm, konnte man den bürgerlichen Freiheitsanspruch gegenüber der herrschenden Aristokratie wahren. Die kommunale Selbstverwaltung galt als Garant lokaler Freiheit und Macht, ein Umstand, der auch in den Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs seine Fortsetzung fand. Nun wurde Repräsentation auch zur parteipolitischen Frage, die in einem Bekenntnis zur Moderne bei den so-zialistischen Parteien gipfelte und eine Mischung aus gemäßigter Moderne und Traditionspflege bei den bürgerlichen Parteien zur Folge hatte. Stil hatte zu jener Zeit eine klare repräsentative Funktion und politische Zuweisung. Auch in der zweiten Republik verlief der Weg zunächst ähnlich, ehe eine Erosion der politischen Symbolik einsetzte und damit auch die Frage der Repräsentation neu zu stellen war. Fest steht, dass die Stile der Moderne beziehungsweise Postmoderne von den meisten akzeptiert werden und kaum politische Konnotationen mehr aufweisen. Der Pluralismus der Lebensstile kennt keine eindeutigen und verpflichtenden Aussagen zur Repräsentation mehr. Am ehesten hält man sich noch an gewisse lokale Traditionen und interpretiert diese neu, in manchen Kommunen hält auch ein urbaner Stil Einzug, der manchmal mit einer gewissen Vorsicht zu handhaben wäre. Diese relative Unbestimmtheit in der Frage der Repräsentation erschließt aber auch eine neue Offenheit für Stile, Formen und Materialien und vor allem große Chancen für den Baustoff Holz.

Denn die Rolle des Holzes war in der Architektur zwar immer groß, wenngleich primär auf die Konstruktion und weniger auf die Repräsentation fokussiert. Wenden wir uns kurz dem anthropologischen Erbe der Kulturen und den älteren Architekturtraktaten zu. Diese Schriften über das frühe Bauen berichten zumeist über den Typus der Urhütte, die aus Steinen, Ziegeln, also Ton, oder auch Schilf gefertigt wurde – und natürlich aus Holz. Diese materiellen Zeugen ursprünglichen Bauens sind oft nur gestapelt und einfach verbunden, aber kaum bearbeitet. Seit Jean-Jacques Rousseau verhilft uns diese anfangs reale Nähe zur Natur dazu, der Fiktion einer Ursprünglichkeit nachzuhängen und von der reinen Natur zu träumen, in der das Leben noch unbeschädigt verlief. Hier hat auch das Vernakuläre seine Wurzeln, in dem das Holz eine große Rolle spielt.

Die Architekturgeschichte könnte man als eine riesige Versammlung von Baukörpern und Zeichen sehen. Die Dominanz der Form vor dem Stoff, wie sie in der griechischen Philosophie beschrieben wird und bis zur Romantik gültig ist, legt wenig Wert auf materielle Qualitäten im Sinne einer speziellen Botschaft und des Selbstverweises auf den Stoff. Das bedeutete keine Geringschätzung des Holzes, sondern eine Konzentration auf seine konstruktiven und tektonischen Qualitäten. Die späteren Architekturtraktate beschäftigten sich daher primär mit symbolischen Ordnungen, Fragen der Geometrie, mit Proportionen und Schmuck. Die Fassadenordnung wird in der architecture parlante durch Ornamente geprägt, eine Repräsentation durch edle Materialien ist höchst selten, weil logisch nicht begründbar.

Doch mit der protestantisch inspirierten Rückkehr zur Natur, von Rousseau initiiert, von den Calvinisten und den amerikanischen Träumern wie Henry David Thoreau zur Blüte gebracht, wird die Natur der Baustoffe nicht nur kontempliert, sondern auch von den Architekten der Zeit in Szene gesetzt. Aufgrund des kulturell neu formatierten Backgrounds erzeugte Holz nun Konnotationen des Reinen, des Unverfälschten und Natürlichen. Mit Holz ließen sich trefflich ein gewisser Kulturpessimismus und dezente Zivilisationskritik ausdrücken und zahlreiche Beispiele höchster Baukunst legen Zeugnis davon ab.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts nimmt Holz daher auch eine wichtige Rolle im Rahmen der vernakulären Architektur ein, die durch organisch gewachsene, vormoderne Bauformen auf die Existenz einer wertvollen einheimischen Kultur hinweisen wollte, die etwas Positives, Indigenes, Autochthones bedeutete. Aufgrund dieser Qualität ist es logisch, dass daraus eine historische Engführung aller Art von vernakulärer Architektur mit nationalistischen Strömungen entstehen musste und das Vernakuläre auch Teil der Volksidentität wurde, unabhängig davon, ob es sich dabei um Hoch- oder Volkskultur handelte. Nationale Emanzipation bedurfte nationaler Zeichen, das war die Formel, aus der die Heimatarchitektur resultierte und in Österreich über Jahrzehnte florierte. Dieser Typus der heimatlich inspirierten, vernakulären Architektur ist auch längst nicht mehr auf bestimmte Lager zu reduzieren, sondern kraft ihrer Ausbreitungsfähigkeit in allen politischen Lagern mit einer geringen symbolischen Schwankungsbreite anzutreffen. Schließlich wurde das Vernakuläre auch von der Moderne einverleibt und erlebte so eine Renaissance unter Verwendung völlig neuer abstrakter Architekturformen, die nun den Stimmungswert des Materials Holz neu interpretierten, die Sinnesqualitäten neu formulierten, suggestive optische und taktile Objekte schufen, kurzum den Wert der durch Holz erzeugten Atmosphäre schätzten.

Holz repräsentiert sich jetzt selbst, indem es seine Materialität unter Beweis stellt, und es repräsentiert in gewisser Hinsicht den Bürger, der seine Naturnähe ausdrücken möchte. Dieses Heraustreten des Holzes aus der reinen Funktion und dem Erscheinen, als ob es aus dem Naturraum des Waldes käme, ermöglicht die Gestaltung neuer Lebensatmosphären, wo sich Bürger und Materialität der Natur treffen. Repräsentation entwickelt sich nun eher im Sinne pragmatischer Philosophie, das sich zwischen dem Zeichen Holz, dem Symbol der Natur und dem Bürger als Interpretanten ereignet. In diesem Verhältnis sind auch nützliche Beziehungen eingeschlossen, die sich aus der Relation zwischen der Natursymbolik und der Nachhaltigkeitsdiskussion ergeben. Mit anderen Worten, der Zusammenhang zwischen Holz als Repräsentation des Öffentlichen, des Bürgers als Anwalt der Nachhaltigkeit und der volkswirtschaftlichen Rolle der Holzindustrie kann so begründet werden. Holz und Bürger nähern sich an. In Vorarlberg weiß man das ohnehin schon länger.

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.