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Paul Renner

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 46: Für die Öffentlichkeit
Juni 2012, Seite 32
Theatrum Anatomicum 2007, von Paul Renner

Vor dem Kunsthaus Bregenz war 2007 Paul Renners »Theatrum Anatomicum« zu sehen. Dessen historische Anknüpfungspunkte reichen bis in die Spätrenaissance, genaue genommen bis ins Jahr 1594 zurück. Damals entstand das erste anatomische Theater an der Universität von Padua, das als medizinische Institution und Sektionssaal für Studenten konzipiert wurde. Renners temporäres »Theatrum Anatomicum«, das seinem Publikum an sechs Tagen statt akademischen Unterrichts aktionistisches Programm und experimentelle Speisen anbot, ist nach ähnlichen architektonischen Parametern aufgebaut. Von konzentrisch aufsteigenden Galerien aus konnten bis zu 133 Personen den Performances, Lesungen, Gesangsdarbietungen und Filmvorführungen beiwohnen. Zusammen mit dem Wiener Architekturbüro Squid entwickelte Renner die 12 Meter hohe, 24 Meter lange und 16 Meter breite Holzrippenkonstruktion, die – mit einer halbdurchlässigen pvc-Membran bespannt (ursprünglich waren getrockneter Schweineblasen vorgesehen gewesen) – formal die Anatomie eines Tierschädels aufgriff. Bevor dieses Theater der Obsessionen aber realisiert werden konnte, gründete Renner mit Medlar Lucan und Durian Gray 2001 den Hell Fire Touring Club, der die organisatorische Basis und die inhaltliche Ausrichtung für das »Theatrum Anatomicum« bildete. Über mehrere Jahre organisierte das Trio aktionistische Essen, Konzerte und Ausstellungen an mystischen Orten wie z. B. dem Chorraum der Kapuzinerkirche von Klausen oder dem Kubinhaus in Wernstein. 2003 wurde am Restaurantkonzept des Hell Fire Dining Club für den project space der Kunsthalle Wien am Karlsplatz gearbeitet, dessen 17 aufeinanderfolgende Programmabende schließlich 2004 realisiert wurden. Renner schuf einen Tempel der Dekadenz, mit Einrichtungsgegenständen aus öffentlichen und privaten Museen und Spezialanfertigungen aus den Manufakturen in Faenza und Murano, wo er das Geschirr und die Gläser in Auftrag gab. Die fließenden Übergänge von Küche zu Restaurant, dem Barbereich und der Bibliothek sowie dem Kino und der Zigarrenlounge führten zur Auflösung jeglicher logischer und praktischer Funktionalität. Alles wurde an diesen Abenden zum Theater, auf dessen Bühne die Besucher ihre Rollen einnahmen. Das »Theatrum Anatomicum« bildet gleichsam die Quintessenz all dieser Stationen und Handlungsabläufe und zieht die Konzepte beider Projekte an einem architektonischen Ort zusammen. Das hedonistische Nomadentum fand in der eigens dafür gebauten Architekturskulptur seine Heimat und kulminierte in einem Gesamtkunstwerk. Der Eröffnungsabend »Gas Night« reagierte auch auf die ursprünglich medizinische Funktion des Anatomischen Theaters und reflektierte damit seine eigenen historischen Wurzeln. Distickstoffmonoxid (Lachgas) wurde bei seiner Entdeckung Ende des 18. Jahrhunderts zunächst zum puren Vergnügen eingenommen, ohne dessen schmerzlindernde Eigenschaften sofort zu erkennen. Somit war es für den Künstler Paul Renner das ideale Mittel, um sein Theater der Obsessionen zu eröffnen und seine Besucher auf eine gemeinsame bewusstseinserweiternde Reise zu schicken.

Paul Renner

geboren 1957 in Bludenz
lebt und arbeitet im
Bregenzerwald/A und
im Piemont/I

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2012 corpus edibilis, Österreichisches Kulturforum Rom, Rom
    Bienenstock komprimiert, Galerie Konzett, Wien
  • 2011 Die Weihung der Bar/The Consecration of the Bar, Leo Koenig Inc., New York
    No Man’s Land, Museum of Contemporary Art & Timken Museum of Art, San Diego
  • 2010 Fenghuang: Metamorphoses, Space by Three, Shanghai
  • 2009 The Omaha Diner, Bemis Center for Contemporary Arts, Omaha

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2009 Nitsch. Vorbilder, Zeit-genossen, Lehre, Künstlerhaus, Wien
  • 2008 Gold/Zero Karati, MyOwnGallery, Mailand
  • 2007 exitus. tod alltäglich, Künstlerhaus, Wien

Fotos:

© Paul Renner, VBK, Wien 2012/Miro Kuzmanovic

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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