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Essay

Nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch!

Hubertus Adam
Erschienen in
Zuschnitt 47: Das flache Dach
September 2012, Seite 4f.

Das sprichwörtliche »Dach über dem Kopf« gehört zu den anthropologischen Grundbedürfnissen. Doch das Dach tritt in ganz unterschiedlichen Formen auf: Es kann als Satteldach oder als Walmdach, als Mansarddach oder als Tonnendach, als Sheddach, als Zeltdach, als Pultdach oder als Flachdach ausgebildet sein. Welche Form die angemessene ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab: von funktionalen Kriterien, von örtlichen Bautraditionen und von ästhetischen Entscheidungen. In den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Frage des flachen oder geneigten Daches primär eine der ideologischen Positionierung von Modernisten und Traditionalisten und damit eine Frage des Entweder oder. Moderate Positionen, wie es sie in beiden Lagern gab, verhallten beinahe ungehört. So verstand der österreichische Architekt Josef Frank das Steildach in der Zeitschrift Das Neue Frankfurt 1927 als Relikt des romantischen Zeitalters, sah den Dachboden als Ort des Gerümpels und der Unordnung und postulierte das flache Dach – das, wie er historisch korrekt vermerkte, keinesfalls eine Erfindung der Moderne war.

Interessant ist seine Bemerkung, dass Satteldächer in der Neuzeit, wie man es etwa in den Städten am Inn sehen kann, häufig hinter Attika-Blendmauern verborgen wurden, sodass die Fassade ein einheitliches Aussehen erhielt und sich in ein homogenes Straßenbild fügte. In einigen schneereichen Regionen der Alpen setzte man seit Langem auf flache Dächer, um die Bevölkerung vor abrutschenden Dachlawinen zu bewahren. In Davos etwa adaptierte das Architekturbüro Pfleghard und Haefeli um 1900 bei seinen Sanatoriumsbauten – wie dem frühen Eisenbetonbau des Sanatoriums Schatzalp (1899/1900) – die Flachdachtradition, nicht zuletzt als Opposition gegen die als protzig empfundenen Hotelpaläste der Belle Époque, auch wenn der sich formierende Schweizer Heimatschutz das Steildach reaktiveren wollte. In der Schweiz wurde die Debatte weniger ideologisch geführt als etwa in Deutschland, und dass sich unter dem Architekten Rudolf Gaberel, abgesichert durch eine lokale Baugesetzgebung, das Flachdach in Davos weiter verbreiten konnte, hat auch mit funktionalistischen Begründungen zu tun. Ästhetische Überlegungen wurden bewusst als nachrangig dargestellt – so wie Adolf Loos schon 1913 formuliert hatte: »In den bergen darf der schnee nicht abrutschen, wenn er will, sondern wann der bauer will. Der bauer muss daher ohne lebensgefahr das dach besteigen können, um den schnee wegzuschaffen. Auch wir haben das flachste dach zu schaffen, das unseren technischen erfahrungen nach möglich ist.«

In der heutigen Zeit wirken die Ausschließlichkeitsdiskurse des beginnenden 20. Jahrhunderts obsolet. Das »anything goes«, das uns die Postmoderne hinterlassen hat, mag für Beliebigkeit stehen; es bedeutet aber in seiner Konsequenz Freiheit. Heute ist ein Satteldach ebenso wenig traditionalistisch wie ein Flachdach modern. Der Trend zum Regionalismus, demzufolge in der Schweiz in den 1990er Jahren der Kanton Graubünden, in Österreich das Bundesland Vorarlberg, etwas später Tirol und inzwischen auch das italienische Südtirol auf die Agenda Architekturinteressierter gesetzt worden sind, hat in der Dachfrage zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen geführt, wobei auch traditionelle Lösungen plötzlich als up to date galten. Am Tegernsee haben Titus Bernhard Architekten vor einigen Jahren ein viel beachtetes Haus errichtet: Ein mit Holzschindeln verkleidetes Gebäude, aber ohne Dachüberstand – so, als seien die Fassaden nach dem Prinzip des Scherenschnitts erstellt worden.

»Moderne Giebelhäuser«, so der Titel eines 2006 erschienenen Buchs, verbinden traditionelle Formen mit innovativen Konzepten. Klare Stereometrien sind dabei das Ziel: Wand- und Dachfläche werden in gleicher Weise materialisiert, das Allover ist zum Prinzip erhoben. Diese zeitgenössischen »Urhäuser« finden sich in Österreich genauso wie in England, in Deutschland wie in Dänemark oder der Schweiz. Und sie treten in ganz unterschiedlicher Materialität auf: in Beton, Holz, Backstein, Blech oder gar umhüllt mit Plastik. Natürlich geht es auch ganz anders: Flache Dächer hier, steile dort. Und dann gibt es die komplexen Geometrien skulpturaler Dächer, die sich vollends der Einordnung entziehen. Schutz vor Wind und Wetter, vor Schnee und Sonne bieten Dächer immer noch, im ganz praktischen Sinne. Doch sie sind nicht nur reales Objekt, sondern auch – und das wohl seit je – Zeichen für den Schutz und das Behaustsein. Es gibt die Behauptung, Kinder zeichneten Häuser generell mit Steildach. Wenn sie aber in einem Gebäude mit Flachdach aufwachsen, zeichnen sie auch Häuser mit Flachdach. Auch hier gilt also: nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch.

Foto:

© Waldhotel Davos/Stöh

Text

Hubertus Adam
ist freier Architekturkritiker, Architekturhistoriker und Kurator. Nach Jahren als Redakteur für Bauwelt in Berlin und archithese in Zürich leitete er von 2010 bis 2015 das S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Basel. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und ist für diverse Medien im In- und Ausland tätig.