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Historische Holzflachdächer

Werkbundsiedlung Wien

Iris Meder
Erschienen in
Zuschnitt 47: Das flache Dach
September 2012, Seite 22f.

»Der wesentliche Zweck des flachen Daches, der leider nie genug betont wird, ist die Wiederherstellung der Formeneinheit«, stellte Josef Frank in einem Artikel aus dem Jahr 1927 klar. »Über den praktischen Vorteil des flachen Daches ist viel zuviel gestritten worden. Daß es das wirtschaftlichere ist, geht ohne weiteres daraus hervor, daß es an Stellen, an denen bloß auf Billigkeit und nicht auf Schönheit gesehen wurde, also Fabriken, Hinterhäusern etc. seit jeher angewendet worden ist.«

Frank hatte bereits bei seinen ersten Bauten, den Häusern in der Wilbrandtgasse in Wien, Flachdächer verwendet; 1927, als er sein Doppelhaus in der Stuttgarter Werkbundsiedlung plante, war das flache Dach in Kreisen der Moderne bereits eine Selbstverständlichkeit. Die Flachdach-Sondernummer der Zeitschrift Das Neue Frankfurt, in der Franks Artikel erschien, brachte ausführliche Kostenaufstellungen und Detailpläne unterschiedlicher Flachdachkonstruktionen, unterschieden nach begehbaren und nicht begehbaren Massivdächern sowie nicht begehbaren Holzdächern, darunter wiederum solche mit Metallauflagen und solche mit Pappauflagen, wie Kiespressdach und das klassische Holzzementdach mit Ölpapierschichten auf Holzschalung und Kiesdecke, das der schlesische Böttchermeister Samuel Häusler 1839 entwickelt hatte.

Das Holzflachdach ist freilich viel älter: So lassen Ausgrabungen darauf schließen, dass bereits vor rund 8.000 Jahren im anatolischen Çatal Hüyük Flachdächer mit einer Tragkonstruktion aus Kant- und Rundhölzern, kreuzweise verlegten Zweigen und Baumrinde als Unterlage für eine 30 bis 50 cm dicke Lehmschicht und einen eingewalzten Oberflächenschutz aus Schiefersplitt oder Salz zur Abhaltung von Winternässe Standard waren. Ähnliche Konstruktionen mit Holzbalken, Zweigen und Lehm sind aus Marokko, Südspanien, Griechenland und, mit einem Lehm-Kalk-Asche-Gemisch, aus dem Jemen bekannt, aber auch von der Pueblo-Architektur New Mexicos und aus Tibet.

In Mitteleuropa wurden Flachdächer im eigentlichen Sinn erst Mitte des 19. Jahrhunderts häufiger, begünstigt durch die Erfindung der Bitumenpappe, deren Rohstoff als Abfallprodukt bei der Erdölproduktion anfiel. Frühe Flachdach-Beispiele sind Karl Friedrich Schinkels Berliner Bauakademie und das Wiener Arsenal. Auch nach der Erfindung der Stahlbetonbauweise war das Holzzementdach noch immer ein Thema, so etwa bei Walter Gropius’ 1911 bis 1914 realisiertem Fagus-Werk. Im Berliner Siedlungsbau setzte Bruno Taut auf nicht begehbare, preisgünstige und gut zu wartende flache Pultdächer mit Holzbalkendecken, einfachen Holzschalungen und zwei bis drei Lagen Dachpappe mit 3 Grad Neigung.

Als nicht begehbare Flachdächer sind auch die meisten Dächer in der Wiener Werkbundsiedlung ausgeführt; Ausnahmen bilden nur die als Dachterrassen nutzbaren Dächer der Häuser von André Lurçat, Josef Hoffmann, Richard Neutra, des Eckhauses von Oswald Haerdtl sowie der vier Hauseinheiten von Gerrit Rietveld. Auf horizontalen Holztramen sind, um ein leichtes Gefälle zu erzielen, Keilpfosten aufgelegt. Diese tragen den Pfostenbelag, der die Unterlage der Wärmeschutzschicht aus Sägespäneplatten bildet. Darauf liegt eine 8 cm starke Leichtbetonschicht, die eine 1 cm dicke dreilagige Bitumenschicht mit 5 cm eingewalztem Kies trägt.

Im Zuge der Sanierung durch Otto Kapfinger und Adolf Krischanitz im Jahr 1985 wurden die alten Kiesschichten entfernt und auf dem erhaltenen Untergrund neu aufgebracht. Die während der der-zeitigen Restaurierung durch das Büro p.good in zwei Häusern von Oskar Wlach bzw. Josef Wenzel gemachten Probebohrungen an den Dächern zeigen den guten Zustand der Substanz. Die Entlüftung des 25 bis 40 cm hohen Luftraums zwischen Unterkonstruktion und Deckung sichern je zwei bis vier kleine Lüftungsöffnungen von je 2 cm Durchmesser in der Fassade. Anstelle der Holzbetonschicht wird nun eine bessere Wärmedämmung auf die Konstruktion aufgebracht, die Hinterlüftung mit den Lüftungsöffnungen bleibt erhalten. Wie meinte Frank 1927?

»Das flache Dach wird dasselbe Schicksal haben wie alle modernen, neuen Bedürfnissen entsprungenen Formen. Es wird zuerst bekämpft, dann überbetont und schließlich selbstverständlich werden.«

Foto:

©Wien Museum, Martin Gerlach jun.

Ausstellung im Wien Museum am Karlsplatz:
Werkbundsiedlung Wien 1932 – Ein Manifest des neuen Wohnens
Zu sehen von 6. September 2012 bis 13. Januar 2013
www.wienmuseum.at

Text

Iris Meder
Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft, Dissertation zur Wiener Schule um Frank und Strnad. Ausstellungskuratorin unter anderen für Wien Museum, Künstlerhaus und Jüdisches Museum Wien. Zahlreiche Publikationen zur Architektur und Landschaftsarchitektur der mitteleuropäischen Moderne. 

Werkbundsiedlung Wien

Standort

Veitingergasse, 1130 Wien/A, www.werkbundsiedlung.at.tf

Sanierung 1

1985

Planung

Adolf Krischanitz, Wien/A, www.krischanitz.at,
Otto Kapfinger, Wien/A

Sanierung 2

ab 2011

Planung

Praschl-Goodarzi Architekten zt GmbH, Wien/A, www.pgood.at

Fertigstellung

1930 – 1932

Dachaufbau

Veitingergasse 99/101 (Oskar Wlach)
Veitingergasse 111/113 (Josef Wenzel)

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