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Phyllida Barlow

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 47: Das flache Dach
September 2012, Seite 28

Es sind die städtischen Zeichen und Signale wie Schilder, Gitter, Litfaßsäulen oder Absperrungen, die Phyllida Barlow nachbildet und zu monumentalen Skulpturen aus Holz, Zement, Styropor, Stoff und Sperrmüll zusammensetzt. Die von ihr verfremdeten Objekte des Alltags regelten in ihrer ursprünglichen Form das Zusammenleben im urbanen Raum. Die Vorschriften, Anweisungen, Genehmigungen, Ein- und Ausschlussmechanismen, die diese vermittelten, sind Ausdruck der staatlichen Macht, mit der die Freiheit des Individuums eingeschränkt wird. Barlow greift die Symbolik dieser Macht auf und konterkariert sie zugleich, indem sie die Dinge theatralisch überhöht und in billigen Materialien nachbildet. Ihre Skulpturen bezeichnet sie als »antimonumental« und verweist damit auch auf den nie abgeschlossenen Prozess ihrer Arbeit. Oft zerlegt sie nach Ausstellungen ihre Objekte wieder, um sie in anderen Installationen erneut zusammenzubauen.

Die hier abgebildete Arbeit »untitled: stage« war ursprünglich Teil der Gruppenausstellung Skulpturales Handeln im Münchner Haus der Kunst 2011. Barlow konzipierte diese dach- und stegartige Konstruktion ortsspezifisch für die Ausstellungsräume des Museums. Sie ließ die Skulptur durch zwei Räume förmlich hindurchwachsen und verringerte den Aktionsradius der Besucher auf ein Minimum. Dachlatten wurden mit bunt bemalten Klebebändern zu einer dichten Konstruktion zusammengebunden, auf der wie provisorisch mehrere Lagen Dachscheite liegen. Die direkte physische Erfahrung mit den Objekten und Materialien ist für Barlow ein essenzieller Moment, den sie in alle ihre Ausstellungen und Arbeiten mit einbezieht. Auf der Kunstmesse Art Basel wurde die Arbeit aus ihrem Kontext herausgelöst und wie ein Solitär in der Halle der Sonderausstellung »Art Unlimited« präsentiert. Die Wirkung war folglich eine völlig andere, weniger unmittelbar und direkt, aber sie ermöglichte den Blick auf die Gesamtheit der Struktur und rückte den skulpturalen Aspekt der Arbeit in den Vordergrund.

Phyllida Barlow

geboren 1944 in Newcastle upon Tyne, England
Studium am Chelsea College of Art, 1960–63
Studium an der Slade School of Fine Art, 1963–66
lebt und arbeitet in London

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2012 siege, New Museum, New York
    Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen
  • 2011 rig, Hauser & Wirth, London
    Cast, Kunstverein Nürnberg, Nürnberg
  • 2010 bluff, Studio Voltaire, London
    street, bawag Contemporary, Wien

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2012 Menschenzellen | Human Capsules. Acht Künstlerinnen aus der Sammlung Ursula Hauser, Lokremise, St. Gallen
  • 2011 Skulpturales Handeln, Haus der Kunst, München
    Vor dem Gesetz. Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst, Museum Ludwig, Köln
  • 2010 Nairy Baghramian and Phyllida Barlow, Serpentine Gallery, London
    Silberkuppe. Old Ideas, Kunstmuseum Basel, Basel

Fotos:

© Phyllida Barlow/Stefan Altenburger Photography Zürich; Haus der Kunst, München/Wilfried Petzi

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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