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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 48: Holzfasern
Dezember 2012, Seite 3

Bäume sind wahre Lehrmeister, wenn es um Selbstoptimierung geht. Weit über 100 Meter hoch können sie werden. Ihre Kronen, deren Blätter für die Photosynthese zuständig sind, schieben sich so weit wie möglich gen Sonnenlicht. Der große Abstand zum Boden ist dabei kein Nachteil – Wasser und Nährstoffe werden über Stamm und Wurzeln nach oben transportiert. Damit ist der Baum – bei geringem Materialeinsatz und besten Festigkeitswerten – in der Pflanzenwelt der eindeutige Sieger im Wettbewerb um Licht und Wasser. Die Substanz des Baums setzt sich vor allem aus drei Bestandteilen zusammen: Lignin, Zellulose und Hemizellulose. Sie sind für die so hoch geschätzten Werkstoffeigenschaften verantwortlich.

Wird der Baumstamm nicht mechanisch zu Balken, Brettern und Furnieren verarbeitet oder zu Fasern oder Spänen zerkleinert, sondern mithilfe von Chemikalien in seine Bestandteile, also in Zellulose, Hemizellulose und Lignin, zerlegt, bieten sich interessante Anwendungsmöglichkeiten. Die chemische Industrie ist vor allem an der Zellulose interessiert, sie stellt aus ihr mithilfe eines chemischen Aufschlussverfahrens Zellulosefasern her. Diese werden auch als Regeneratfasern bezeichnet und in der Textilindustrie zu Stoffen weiterverarbeitet oder finden als so genannte Nonwoven-Produkte vom feuchten Toilettenpapier bis hin zu medizinischen Wundauflagen Verwendung.

Textilien aus Holzfasern – ein Fokus, der auf den ersten Blick wenig mit unserem sonstigen Schwerpunkt Bauen mit Holz zu tun hat. Und doch gibt es mehrere gute Gründe, warum wir uns dieses Mal der chemischen Verwertung oder, wie manche es nennen, der chemischen Veredelung von Holz widmen. Wir wollen zum einen aufzeigen, was die chemische Industrie alles aus Holz macht. Die Vielfalt ist beachtlich. Beachtlich ist auch die Wertschöpfung, die das Holz dabei erfährt: Werden aus dem Holz mithilfe von chemischen Prozessen Zellulosefasern gewonnen und diese in vielen nachgelagerten Verarbeitungsstufen zu Qualitätsprodukten verarbeitet, erreicht das Holz eine zehn Mal höhere Wertschöpfung als bei der thermischen Verwertung.

Zum anderen wäre da der ganzheitliche Aspekt zu nennen. Die Industrie zerlegt den Baumstamm in seine chemischen Bestandteile: Neben der Zellulose kann dabei auch die Hemizellulose gut vermarktet werden. Aus ihr wird Xylit gewonnen, ein Süßstoff mit karieshemmender Wirkung, den wir in Kaugummi wiederfinden. Aber auch andere im Baum vorhandenen Stoffe wie Furfural und Essigsäure werden extrahiert und weiterverkauft. Das Potenzial an kommerziellen Produkten, die mithilfe von chemischen Prozessen aus dem Baum gewonnen werden können, scheint dabei noch lange nicht ausgeschöpft.

Neben dem Themenschwerpunkt haben wir in jedem Heft wiederkehrende Rubriken. Für die Holzrealien auf der vorletzten Seite haben wir uns etwas Neues einfallen lassen. Ein Designer aus Österreich hat für uns einen Gebrauchsgegenstand für unter 100 Euro entworfen – für Sie zum Nachbauen. Fortsetzung folgt.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at