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Diskussion

Holz im Pflegefall – Erfahrungen und Vorurteile

Franziska Leeb
Erschienen in
Zuschnitt 49: Holz im Alter
März 2013

Dort, wo man auf das Wohnliche fokussiert und eine klinische Atmosphäre hintanhalten will, hält Holz wieder verstärkt Einzug in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Die Zuschnitt-Redaktion bat Johannes Kaufmann, Paul Katzberger und Johannes Zieser, drei Architekten mit Erfahrung in dieser Materie, um ihre Einschätzungen.

Johannes Kaufmann, Sie haben in Dornbirn und Feldkirch Pflegeheime und in Wien ein Geriatriezentrum errichtet. Sind Ihre Materialentscheidungen als selbstverständlich akzeptiert worden?

Kaufmann Man muss den Einsatz des Holzes in zwei Kategorien einteilen: in die Konstruktion zum einen und in den Innenausbau und die Möbeloberflächen zum anderen. Bei den Vorarlberger Heimen war die Holzkonstruktion kaum ein Diskussionspunkt. Wenn ich als Architekt Holz im Konzept vorsehe und es glaubhaft darstellen kann, geschieht es nur selten, dass dieser Baustoff verhindert wird. Bei Böden und Möbeln habe ich sehr differenzierte Erfahrungen. Da gibt es auch ein West-Ost-Gefälle.

Stichwort Osten: Johannes Zieser, Sie haben in Stockerau Niederösterreichs erstes Pflegeheim und zugleich den ersten Dreigeschosser in Holz gebaut. Wie kam es dazu?

Zieser Es war Zufall. Wir hatten den offenen Wettbewerb 2003 gewonnen – ohne an Holz als Konstruktionsmaterial zu denken. Der damalige Projektleiter vom Landeshochbau – ein sehr engagierter Mitarbeiter, der durchaus auch gegen den Strom geschwommen ist – hat gemeint, es wäre doch toll, das Projekt in Holz umzusetzen, weil wir ja ohnedies eine Holzfassade vorgesehen hatten. Wir hätten uns damals gerade im Pflegeheimbau konstruktiv nichts anderes als Stahlbeton vorstellen können. Plötzlich war Holz auch politisch gewünscht. Wir mussten kurzfristig Kostensicherheit nachweisen und es gab den Entschluss des Bauherrn, dass wir bei annähernder Kostengleichheit in Holz bauen können. Der Knackpunkt war der Brandschutz, und den konnten wir mit Fluchtterrassen lösen, auf die alle Betten eines Geschosses vom Personal hinausgeschoben werden können.

Holz und andere natürliche Materialien werden in Klinikbauten oder Pflegeeinrichtungen aus Gründen der Hygiene oft als kritisch eingestuft. Zu Recht?

Zieser Generell glaube ich, dass das Thema Hygiene völlig übertrieben wird. Das Desinfizieren ist im Arbeitsablauf die schnellste Lösung. Die Pflege der Oberfläche ist immer ein Thema, egal ob im Pflege-, Krankenhaus- oder Schulbereich. Im Pflegeheim Stockerau haben wir keine greifbaren Holzoberflächen, nur sichtbare Decken und Unterzüge. Parkettböden gibt es nur im Foyer.
Katzberger Man kann das Reinigungspersonal unterstützen, indem man die Anzahl der Materialien reduziert und damit die Menge der notwendigen Putzmittel. Man muss die ganz aggressiven Desinfektionsmittel wegbekommen, sonst hat man keine Chance, ein für Menschen angenehmes Ambiente zu bauen.
Kaufmann In den von uns geplanten Pflegeheimen gibt es Fichtenholzsteher und -wände, da können die Leute hingreifen, und das ist genauso wenig ein Problem wie Filzwände und Filzablagen. Ich glaube nicht, dass in den letzten Jahren jemand wegen verkeimter Oberflächen gestorben ist.

Handläufe aus Holz sind aber doch häufig zu finden, …

Kaufmann … obwohl die jeder angreift. Ich glaube, der Holzhandlauf wird deshalb akzeptiert, weil er sich warm anfühlt.

In der Ergotherapie werden gerade die Materialien, die am Gebäude selbst problematisiert werden, wegen ihrer haptischen Eigenschaften sehr gerne eingesetzt.

Zieser Materialien wie Leder, Filz oder Holz, das sind natürliche Stoffe, die zum Wohlbefinden beitragen. Ich halte nichts davon, wenn man die Leute auf Kunststoffmöbel setzt und ihnen dann ein Filzkugerl in die Hand drückt, damit sie haptische Erlebnisse haben. Natürliche Materialien vermitteln eine warme Stimmung. Das färbt positiv ab.
Kaufmann Man darf auch die Mitarbeiter und Besucher nicht vergessen. In Dornbirn ist der meistbesuchte Raum die Zirbenstube, auch in unserem jüngsten Pflegeheim in Feldkirch haben wir eine eingerichtet. Sie sind zur Gänze unbehandelt. Solche Räume haben eine moderne Rustikalität und sie riechen sehr gut!

Vielen Architekten reicht ja dann doch der Anschein einer Holzoberfläche, käme das für Sie in Frage?

Zieser Ich habe zwei Mal in meinem Leben Holzdekorplatten verwendet und ich werde diesen Fehler nie wieder begehen, weil man am Schluss nicht zufrieden ist. Es gibt hier keine Hintergründigkeit. Es geht nichts über echtes Holz.
Kaufmann Holz ist ja nicht der einzige Baustoff, mit dem man gemütliche Situationen erzeugen kann. Wenn, dann bin ich für Ehrlichkeit. Ich versuche die Holzkonstruktion nur dann zu verkleiden, wenn es sinnvoll ist.
Katzberger Wir wehren uns dagegen, Holzimitate zu verwenden, weil die Leute dann jede Bodenhaftung verlieren.

Wenn man in der Diskussion mit der Behaglichkeit des Holzes argumentieren will und auf emotionaler Ebene nicht weiterkommt, wie kann man das versachlichen?

Kaufmann Wir haben in Dornbirn die Stiegenhauskerne in Sichtbeton gemacht. Alle Experten waren der Meinung, das sei für die alten Leute nicht angenehm und viel zu kalt. In der Evaluierung hat man aber festgestellt, dass den Bewohnern das Material völlig egal ist. Das sind oft auch Vorurteile, die man den Leuten zuschreibt.
Zieser Wir führen immer wieder die Diskussion, ob der Gemütlichkeitsfaktor tatsächlich so wahrgenommen wird. Holz weckt bestimmte Erinnerungen und Stahlbeton auch. So kommen diese Vorurteile zustande. Im Klinik- und Pflegebereich haben die Menschen andere Prioritäten als wir Gesunden. Wichtig ist der empathische Zugang.

Wie und warum erreicht man Wohnlichkeit mit Holz?

Katzberger Bürointern diskutieren wir seit Jahren über dekorative Ornamente jedweder Art, wir setzen sie aber nie ein. Beim Holz kann man auf die einfachste Art sehr ornamentale Effekte erreichen. Ich glaube aber, dass man auch beim Holz manchmal rechtzeitig die Kurve kratzen muss, wenn es zu viel wird.
Kaufmann Es wird nur dann zu viel, wenn man es nicht richtig einsetzt. Es ist ein Baustoff, mit dem nicht sehr viele gut umgehen können. Das wird schnell einmal rustikal, kann abdriften in eine Unstimmigkeit.
Zieser Ein ganz wichtiger Punkt ist die Alterungsfähigkeit, das, was wir gerne
als würdiges Altern bezeichnen. Derzeit reißen wir Häuser aus den 1970er Jahren ab, die uns optisch kaputt erscheinen. Wenn man aber genau hinsieht, ist das Material völlig in Ordnung. Holz ist genauso abgegriffen, aber diese Altersspuren sind positiv besetzt.

Haben Sie Erkenntnisse gewonnen, die sich erst im Betrieb herausgestellt haben?

Zieser Wir waren mutig, aber nicht ganz, weil wir die Stiegenhauskerne in Stahlbeton gebaut haben, was zu Gebäudespannungen geführt hat. Die bauphysikalische Bemessungstemperatur der Aufenthaltsbereiche beträgt 22 Grad bzw. im Wohnzimmer 24 Grad. Gemessen haben wir im ersten Winter 28 bis 29 Grad. Durch dieses Überheizen ist das Holz geschrumpft. Man hätte das wissen können, weil alle Pflegeheime überheizt sind. Das Komfortbedürfnis eines alten, bettlägerigen Menschen ist ein anderes als das eines Gesunden, der sich bewegen kann.
Katzberger Beim Medizinzentrum Anichstraße haben wir uns so ins Zeug gelegt für das Holz. Als es fertig war, hatten wir das Gefühl, dass es auf den Gängen eine ziemliche Dominanz bekommen hat. Und da haben wir bemerkt, dass wir aufpassen müssen.

Wie leicht erliegt man Moden? Öffentliche Pflege- und Gesundheitseinrichtungen haben ja keine so raschen Ablaufzeiten wie eine Wohnungs- oder Hoteleinrichtung.

Katzberger Die Innsbrucker Frauen- und Kopfklinik ist in den 1980er Jahren gebaut worden [Anm.: Arch. Hubert Prachensky]. Die Innenausstattung aus Mahagoni ist bis heute in einem tollen Zustand. Das perfekte Referenzbeispiel, um eine Lanze für Holz im Spital zu brechen. Als wir gesagt haben, wir wollen mit Eiche arbeiten, war das nicht leicht, weil damals die Nutzer auf einem Hightech-Trip waren. Wir dachten aber, in einem Krankenhaus soll man etwas vorfinden, das einem nicht fremd ist, es muss ja deswegen nicht aussehen wie die Wohnungen, aus denen die Leute kommen.
Kaufmann In meinem Lebenszyklus war die Buche schon drei Mal modern, vor
15 Jahren war es die Weißtanne. Jetzt ist es die Braunkernesche, die wegen des Pilzes geschlagen werden muss. Es gibt derzeit einen Trend zu wilden Hölzern und zu gefladerten Texturen. Richtig angewendet und dort eingesetzt, wo es hingehört, kann man nichts falsch machen.

Gibt es Holzarten, die Sie bevorzugt einsetzen? Nach welchen Kriterien entscheiden Sie?

Kaufmann Es ist wichtig zu schauen, wo das Holz herkommt, und ich setze immer jenes am liebsten ein, das am stimmigsten ist. Wenn die Ulme fällig ist zu schlagen, dann nehmen wir die. Wir müssen an die Ressourcen denken, jene der Menschen und jene der Natur. Wenn wir so bauen, haben wir viele Probleme weniger.
Katzberger So ist es. Es geht nicht darum, welches Holz es ist, sondern wie es verarbeitet werden kann. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Vorarlberger andere Qualitäten bauen. Meine stärksten Holzerlebnisse hatte ich in den USA. Alles war aus Holz – das College, die Kirche, die Wohnhäuser. Mein Partner Michael Loudon ist Amerikaner, bei dem beginnt alles mit einem Raster, der irgendwo zwischen 60 und 90 cm liegt, das kommt aus dem Holzbau. Ich selbst komme vom Mauerwerk, bei mir fängt alles mit einem Körper an. Es kommt schon darauf an, wie man sozialisiert ist.
Zieser Ich musste lernen, mit Holz umzugehen. Während meines Studiums hat es keine große Rolle gespielt.

Umso erstaunlicher, dass jetzt auch im Osten für die Generation, die in Lehm- und Ziegelhäusern aufgewachsen ist, Pflegeheime aus Holz gebaut werden.

Kaufmann Von den 107 Bewohnern im Pflegeheim in Dornbirn haben – anders als in Wien – sicher viele in Holzhäusern gewohnt. Es entscheiden ja wir Jungen, woraus gebaut wird, nicht die Alten. Wir dürfen nicht vergessen, dass immer noch 90 Prozent der Pflegeheime in Ziegel oder Beton gebaut werden. Die anderen 10 Prozent entstehen wegen des speziellen Interesses von Architekten oder einzelnen Bauamtsleitern, die einen Holzlehrgang gemacht haben. Der Mainstream geht bei öffentlichen Gebäuden nicht in Richtung Holz.

Paul Katzberger, Architekt in Wien, errichtete in Arbeitsgemeinschaft mit Michael Loudon und Josef Habeler unter anderem das Medizinzentrum Anichstraße in Innsbruck (2001) und das Landesklinikum Tulln (2006). Das Landesklinikum Mödling soll 2017 fertiggestellt werden.
www.katzberger.at

Johannes Kaufmann, Architekt mit Büro in Vorarlberg und Wien, plante bereits mehrere Alten- und Pflegeheime, zum Beispiel in Dornbirn (2005, mit Riepl Riepl Architekten) und in Feldkirch (2012). 2013 wird das neue Geriatriezentrum in Wien-Liesing in Betrieb genommen.
www.jkarch.at; www.rieplkaufmannbammer.at

Johannes Zieser, Architekt mit Büro in St. Pölten und Wien, errichtete in Stockerau 2006 das erste Pensionistenheim in Holz in Niederösterreich. Derzeit ist er unter anderem mit den Planungen für das Landesklinikum Neunkirchen (2015) und das Landesklinikum Mauer (laufend) beschäftigt.
www.zieserarchitekt.com

Fotos:

© Karin Stingl

Text

Franziska Leeb
geboren 1968, Architekturpublizistin, lebt in Wien 

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