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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 49: Holz im Alter
März 2013, Seite 3

Zu seinem vierzigsten Geburtstag hat unser Autor Michael Hausenblas vom österreichischen Künstlerpaar Franziska und Lois Weinberger ein Stück Holz geschenkt bekommen. Auf diesem ist der vierzigste Jahr(es)ring markiert und der 95ste. Kürzlich trafen wir den Autor wieder und er berichtete uns, dass ihn das Holzstück doch immer mehr beunruhige. Jedes Mal führe es ihm vor Augen, wie schnell die Zeit vergehe und wie rasch er den Jahresringen entlang nach oben klettere.

Die Jahresringe erzählen die Geschichte eines Baumes – an ihnen kann man die mageren und die fetten Jahre ablesen. Ganz so offensichtlich ist das Alter in unseren Gesichtern nicht ablesbar, und doch gibt es Parallelen. Auch wir werden mit jedem Jahr älter und wir sind nicht allein damit: Der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung nimmt stetig zu. Deshalb ist das Bauen für alte Menschen ein großes Thema, in allen europäischen Ländern steht es auf der Agenda. Es müssen nicht nur mehr altengerechte Wohnungen geschaffen werden, es geht auch darum, den Bedarf an Plätzen in Alten- und Pflegeheimen sowie für Demenzkranke zu ermitteln und zu decken.

Bauen für alte Menschen: Im besten Fall ist das Leben im Alter eine Fortsetzung der eigenen Lebensgewohnheiten. Wohnen heißt dann Gewohnheit, Gemütlichkeit, und sich Wohlfühlen. Nicht jeder wird in einem hölzernen Umfeld aufgewachsen sein, und doch ist Holz für die meisten positiv konnotiert. Das sinnliche, haptische Material Holz kann dabei helfen, sich in einer neuen Umgebung wohlzufühlen – ob es konstruktiv, bei Möbeln, als Fußbodenbelag oder im Innenausbau zum Einsatz kommt. Die unverwechselbare Struktur des Holzes, seine Jahresringe und die Maserung inspirieren, wecken Assoziationen und Erinnerungen. Doch man glaubt gar nicht, wie viel Widerstand dem Material Holz gerade beim Bauen für alte Menschen entgegengebracht wird. In Deutschland setzt man – vor allem mit dem Argument der Hygiene – in Häusern für Demenzkranke nur mehr Holzimitate ein und verzichtet damit auf »Echtheit« und »Hintergründigkeit«, wie Architekt Hannes Zieser die Unterschiede von Holz zum Imitat bezeichnet. Dabei gibt es hervorragende Beispiele von Alters- und Pflegeheimen, in denen der Rohstoff Holz nicht nur konstruktiv, sondern auch im Innenausbau selbstverständlich eingesetzt wurde. Ein Besuch vor Ort, ein Gespräch mit den Verantwortlichen, und es können viele Bedenken vom Brandschutz bis hin zur Hygiene beseitigt werden. Die atmosphärischen Qualitäten sprechen ohnehin für sich selbst.

Wird Holz im alltäglichen Gebrauch gut behandelt, dann wird es immer schöner und wertvoller. Dann kann es in Würde altern. Nichts anderes wünschen wir doch unseren Eltern, Großeltern und später auch uns selbst. Wir müssen dazu nur die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at