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Zu Gast im Storchenhaus

Wojciech Czaja
Erschienen in
Zuschnitt 49: Holz im Alter
März 2013, Seite 26

Im Sägewerk haben sie alle den Kopf geschüttelt. »Wie kann man nur so eine verwachsene, völlig unbrauchbare Eiche aussuchen, um daraus Sitzbank, Esstisch und Küchenmöbel zu bauen?«, fragten sich die Handwerker im mittelburgenländischen Raiding. »So ein Holz gehört verheizt und sonst gar nix.« Doch der japanische Architekt Terunobu Fujimori bewies, dass auch außerhalb der Norm wachsenden Bäumen mehr Nutzungsspektrum beschieden ist, als einfach nur zu Brennholz degradiert zu werden.

Das von ihm geplante Storchenhaus, das im November 2012 fertiggestellt wurde und nun als temporäre Residenz für stadtflüchtende Bobos und andere Artisten angemietet werden kann, ist nicht nur eine Ode an das Unregelmäßige und Ungewöhnliche in der Architektur, sondern auch ein schönes Exempel für die Zusammenfügung unterschiedlicher Handwerkskünste aus Nippon und Pannonia. »Ich gebe zu, dass bei uns ein gewisser Umdenkprozess stattgefunden hat«, erinnert sich Bauingenieur Richard Woschitz. »Mit dem österreichischen Bauen sind wir bestens vertraut, doch in Japan geht man an die Sache anders heran. Das Bewusstsein für Materialien und Details ist dort wesentlich stärker ausgeprägt als bei uns.«

Während besagter Eichenstamm nun als 13 Meter hoher Storchenhorst die Stellung hält, dienen andere Holzteile als winzige Miniaturtüre in der Außenmauer, als sägerauer Boden oder etwa als schwarze, angekohlte Holzbretter an der Fassade. Obwohl das rund 5 mal 5 Meter große Haus im Kern ein Ziegelmauerwerk verbirgt, riecht und färbt es auf Grund des vielen Holzes ab. Und zwar in jeder Hinsicht. Bei den einen in Form purer Begeisterung, bei den anderen als schwarzer Kohlefleck auf dem Sakko. Das Burgenland aus dem Off: »Ist das schon fertig? Da ist ja gar kein Lack!«

»Ich bin mit dem Haus sehr zufrieden«, sagt Roland Hagenberg. Der österreichisch-japanische Künstler ist Projektinitiator und Kurator des Storchenhauses, das anlässlich des 200. Geburtstages des Raidinger Komponisten Franz Liszt entwickelt und errichtet wurde. »Meine Vision ist voll aufgegangen. Es ist ein Bauwerk, das teils japanisch und teils österreichisch ist. Die Grenzen sind verschwommen. Es ist ein Ganzes geworden.« Da verzeiht man auch die Thermofenster mit aufgeklebten Sprossen.

Terunobu Fujimoris Mensch- und Vogelhaus war nur der erste Streich. Das kulturübergreifende Völkerverständigungsprojekt »Japan Liszt Raiding« besteht aus insgesamt zehn Häusern. Nächstes Jahr geht’s weiter.

Fotos:

© Philipp Kreidl

Text

Wojciech Czaja
  • freischaffender Architekturjournalist, u. a. für Der Standard

Storchenhaus

Standort

Neugasse 5, Raiding/A

Planung

Terunobu Fujimori, JP

Holzbau

Zimmerei Gottfried Kogler, Oberrabnitz/A, zimmerei.kogler@bnet.at

Fertigstellung

Oktober 2012

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