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Zimmer mit Aussicht

Senioren- und Pflegewohnhaus St. Lambrecht

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 49: Holz im Alter
März 2013, Seite 22f.

Das Pflegeheim von St. Lambrecht stand kurz vor der Schließung. Es entsprach mit seinen Vielbettzimmern nicht mehr den gültigen Richtlinien. Die Gemeinde entschied sich dafür, den Bestand zu sanieren und zu erweitern. Dass der Neubau in Holzbauweise errichtet werden sollte, war ein ausdrücklicher Wunsch von Johann Pierer, dem Bürgermeister von St. Lambrecht: »Mit Holz zu bauen, ist ein Gebot unserer Region. Wir nennen uns ja schließlich die Holzregion.« Die Marktgemeinde St. Lambrecht liegt im Bezirk Murau und damit in der waldreichsten Gegend Österreichs. Es ist aber auch der Bezirk, der in Österreich mit der größten Abwanderung zu kämpfen hat. So ging in St. Lambrecht die Bevölkerungszahl in den letzten dreißig Jahren von 2.000 auf 1.500 zurück. Die jungen Menschen wandern ab, die alten bleiben da. Das Senioren- und Pflegewohnhaus St. Lambrecht verfügt heute über vierzig Pflegebetten, die auf Ein- und Zweibettzimmer verteilt sind. Zudem gibt es im Altbau vier Wohneinheiten für betreutes Wohnen. Architekt Gerhard Mitterberger, den man in St. Lambrecht schon durch den Bau des Fußballstadions kennen und schätzen gelernt hatte, konzipierte den Anbau eingeschossig, und zwar so, dass dieser im ersten Obergeschoss an den Altbau anschließt. Somit liegen alle Zimmer, die Aufenthaltsbereiche und die Pflegestation auf einer Ebene. »Ein Pflegeheim sollte auf einem Geschoss stattfinden«, betont Mitterberger, »alles andere verursacht einfach zu große Barrieren für die alten Menschen.«

Um ein innen liegendes Atrium verläuft ein breiter Gang, der sich immer wieder in Aufenthaltsbereiche oder -nischen aufweitet. Die Ein- und Zweibettzimmer sind zur Landschaft hin orientiert. Die Natur ist hier durch die großzügige Verglasung für jeden Bewohner greifbar und erlebbar – ein jeder kann direkt von seinem Zimmer aus stufenlos auf die vorgelagerte Terrasse gelangen. Naturnaher kann man sich ein Pflegeheim eigentlich nicht vorstellen. Der Neubau besteht aus einem massiven Sockelgeschoss mit Küche und Lager. Dieser ist in den ansteigenden Hang so integriert, dass er nur im Gelenkbereich zutage tritt, dort, wo der Neubau an den Altbau anschließt und ein zweiter Zugang geschaffen wurde. Das Hauptgeschoss besteht bis auf die vom Untergeschoss durchgehenden Betonschotten und eine massive Fußbodenplatte aus tragenden Holzelementen und einer Decke aus Brettsperrholzplatten.

Laut der Brandschutzrichtlinie für Pflegeheime, der TRVB 132 ist für diese Bauaufgabe der Werkstoff Holz nicht erlaubt. Mit einem geeigneten Brandschutzkonzept konnte dem ausdrücklichen Wunsch des Bürgermeisters nach einem Holzbau dennoch Rechnung getragen werden: Der Pflegeheimtrakt wurde in zwei Rauchabschnitte unterteilt, und dank der eingeschossigen Ausführung, einer automatischen Brandmeldeanlage und vor allem der Fluchtmöglichkeiten von jedem Zimmer direkt ins Freie hatte Thomas Schuster-Szentmiklósi, Brandschutzgutachter der Landesstelle für Brandverhütung in der Steiermark, hinsichtlich der Holzbauweise keine Einwände.

Aber nicht nur in Bezug auf den Brandschutz mussten Bürgermeister und Architekt in der Planungsphase einige Hürden überwinden. Auch im Innenbereich stießen sie auf Widerstand: Vor allem für den Fußboden wollte der Betreiber auf keinen Fall Holz. Architekt Mitterberger aber war es wichtig, Holz als erlebbares Material im Innenraum einzusetzen. So wechseln sich in den öffentlichen Flur- und Aufenthaltsbereichen weiße Gipskartonwände und farbige Türblätter mit Wandvorsatzschalen aus rohen Fichtenholzbrettern ab. Dieses Ambiente wird durch die unbehandelten Holzoberflächen der sichtbaren Tragkonstruktion abgerundet. Beim Fußbodenbelag einigte man sich schließlich mit dem Betreiber auf rotes Linoleum in den Gemeinschaftsbereichen und versiegeltes Parkett in den Zimmern. »Es soll ja wohnlich sein«, sagt Schwester Claudia, »klinisch steril haben es die Menschen ja auch zu Hause nie gehabt.«

Sonja-Christine Vrabié, Pflegedienstleiterin in St. Lambrecht

Was schätzen Sie besonders an diesem Alten- und Pflegeheim?

Die Zimmer im Pflegeheim St. Lambrecht zeichnen sich durch Größe, Ausstattung und großzügige Nasszellen aus sowie dadurch, dass alle Zimmer einen Ausgang ins Freie haben. Weiters ist das Atrium eine Besonderheit unseres Hauses.

Welche Rolle spielt dabei die Materialität der Oberflächen?

Die Materialität der Oberflächen und dabei vor allem der Holzoberflächen spielt eine sehr große Rolle. Sie sollen farbecht, unempfindlich, kratzfest und leicht zu reinigen sein.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Holzoberflächen in Bezug auf Hygiene gemacht?

In Bezug auf die Hygiene haben wir mit dem Holz als Oberfläche keine Probleme. Alle Möbel sind speziell lackiert und halten sogar Desinfektionsmittel aus. Holz ist ein Naturmaterial und erzeugt eine warme und heimelige Atmosphäre. Das wirkt sich auf das Wohnmilieu sehr positiv aus. Das sagen auch die Bewohner.

Fotos:

© Zita Oberwalder

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Senioren- und Pflegewohnhaus St. Lambrecht

Standort

Hauptstraße 26, St. Lambrecht/A

Bauherr

Marktgemeinde St. Lambrecht, www.gemeinde.stlambrecht.at;
Siedlungsgenossenschaft Ennstal, Liezen/A, www.wohnbaugruppe.at

Planung

Architekt DI Gerhard Mitterberger, Graz/A, mitterberger@inode.at

Holzbau

DI Ferdinand Holweg GmbH & Co kg, Murau/A, www.holweg.at

Innenausbau

Stolz, St. Georgen ob Murau/A, www.stolz-moebel.at

Materialien

Wand: weiß, gespachtelt, Vorsatzschalen aus Fichtenbrettern, unbehandelt, bzw. Brettsperrholz Industriesicht, roh; Decke: Brettsperrholz Industriesicht, roh;
Boden: Eichenparkett, versiegelt

Pflegezimmer

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Fertigstellung

2009

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