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Andrea Zittel

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 50: Konfektionen in Holz
Juni 2013, Seite 28

Wie kann man die täglichen Abläufe, die unser ­Leben bestimmen, neu strukturieren und den heuti­gen Lebensumständen, die durch gesteigerte ­Mobi­lität, mehr Eigenverantwortung und Netzwerkkapitalismus gekennzeichnet sind, anpassen? ­Welche Strategien müssen entwickelt werden, um gesellschaftlichen Zwängen, Bürokratie und Konsumwelt zu entkommen? Andrea Zittels Arbeiten sind der fortlaufende Versuch, auf diese Fragen Antworten zu finden. Ihre Wohnmodule und texti­len Entwürfe sind so konzipiert, dass sie trotz Serien­produktion die individuellen Wünsche ihrer Benutzer mit einbeziehen. Mobilität, Freiheit und Unabhängigkeit bilden dabei den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Aufgewachsen in Kalifornien, verbrachte sie einen Teil ihrer Kindheit auf der Farm ihrer Großeltern ­nahe dem Joshua Tree National Park. Als sie nach ihrem Studium nach New York zog, in ein 20 m2 großes Gassenlokal, begann sie an ihren ersten Moduleinheiten, den »Living Units«, zu arbeiten. Der Wunsch nach einem Ort, der sich von der beengten, tristen Umgebung abheben und den persönlichen Lebens­umständen besser entsprechen sollte, führte zu ­einer ganzen Reihe von multifunktionalem Mobiliar. Die »A-Z ­Living Units«, von denen eine hier abgebildet ist, bestehen aus je einem Bett, Tisch und einer Kochzeile, sind einfach aufzubauen und flexibel in ihrer Positionierung.

»Mit dem ‚Living Unit‘ wollte ich die Einschränkungen in meinem Leben so umgestalten, dass sie zum Luxus wurden. Kriterien wie Platzmangel und große Unordnung in ­meiner Umgebung wurden durch das ‚Living Unit‘ in Eleganz und Sicherheit verwandelt«, sagt die Künstlerin. Es folgten die »Comfort Units«, die das Bett in den Mittelpunkt der Konstruktion rückten und durch »Service Units« wie Schreibtisch oder ­Toilettentisch erweitert werden konnten. Der kommerzielle Erfolg führte zur Gründung der »A-Z ­Administrative Servi­ces«, die sich um die Vermarktung der Moduleinhei­ten kümmerte. Im Jahr 2000 erwarb Zittel ein Stück Land in der kalifornischen Wüste nahe dem Joshua Tree National Park. Dieser Wechsel zurück an den Ort ihrer Kindheit markierte einen neuen Lebens- und Arbeitsabschnitt und führte zum Ausbau eines ganzheitlichen Lebenskonzeptes, das die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt ihrer künst­leri­schen Arbeit rückt. Das »A-Z West«, dessen Infrastruktur sich aus Zittels Wohnsitz, einem Gästehaus, Werk-, Lager- und Versandstätten zusammensetzt, umfasst mittler­weile sechs Parzellen. Um Künstlerkollegen, Freunden und Besuchern eine Unter­kunft zu bieten, entwickelte sie 2003 die »Wagon Stations«, kleine, komfortable Wohneinheiten für den Außenraum – mit einem Bett, einer Ablage und einem Campingkocher. Auch bei dieser Konstruktion aus Holzpaneelen und Stahl ermöglicht Zittel eine individuelle Gestaltung, sie liefert das Grundgerüst, dessen ­modulare Bauweise durch den Besitzer verändert werden kann. Es ist vielmehr ein Angebot, der eigenen Fantasie keine Grenzen zu setzen.

Andrea Zittel

geboren 1965 in Escondido/US
lebt und arbeitet in Joshua Tree/US
1988 BFA (Hons.) Painting/Sculpture, San Diego State University, San Diego
1990 MFA Sculpture, Rhode Island School of Design, ­Providence

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2013 How to Live?, Massimo De Carlo, Mailand
  • 2012 Andrea Rosen Gallery, New York
  • 2011/12 Lay of My Land, baltic ­Centre for Contemporary Art, Gateshead

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2013 Less Like an Objekt More Like the Weather, Object ­Permanence, CCS Bard Hessel Museum of Art, New York
  • 2012 Behold, America!, Museum of Contemporary Art San Diego, San Diego
  • 2011 Contemporary Galleries: 1980–Now, MoMA, New York
  • 2010 Aware: Art Identity Fashion, Royal Academy of Arts, GSK Contemporary, London

    Fotos:

    © Andrea Zittel/Courtesy Andrea Rosen Gallery, New York

    Text

    Stefan Tasch

    Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

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