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Traditionelle Bauweise – modern gefertigt

Umbau des St. Gotthard Hospiz

Christoph Schindler
Erschienen in
Zuschnitt 50: Konfektionen in Holz
Juni 2013, Seite 14f.
Ablauf bis zur Fertigstellung

Auf dem Gotthardpass wurde in den Jahren 2008 bis 2010 das bestehende Alte Hospiz zu einer Drei-Sterne-Unterkunft umgebaut und um eineinhalb Geschosse erweitert. Bedenkt man, dass der Ort in der schweizerischen Wahrnehmung in vielerlei Hinsicht eine herausgehobene Bedeutung hat, verwundert es nicht, dass dem Bau einer an sich kleinen Unterkunft mit nur 14 Gästezimmern in Planung, Umsetzung und Rezension so große Aufmerksamkeit zuteilwird. Das ­ursprüngliche Ensemble setzt sich aus einer Kapelle und der eigentlichen Herberge zusammen. Miller & Maranta Architekten aus Basel überzeugten die Jury 2005 mit einer Studie, die das ursprüngliche Ensemble aus Kapelle und der eigentlichen Herberge zu einem einheitlichen Volumen unter einem steilen, um eineinhalb Geschosse aufgestockten Dach verschmelzen lässt und dennoch Hinweise auf die vormals eigenständigen Elemente gibt – wie etwa den Glockenturm der ­Kapelle, der das Dach an der Westseite durchstößt.

Planung

Vom Bestand eigneten sich nur die gemauerten Außenwände bis zum zweiten Obergeschoss für die zukünftige Nutzung. Das Innere wurde bis auf die Kapelle auf der Nordseite komplett entkernt. Der Treppen­Kern aus Beton ist die geometrische Schaltstelle des Gebäudes: ­Seine Längswände stehen jeweils parallel zur Nord- und Südfassade, wodurch sich hier ein keilförmiger Treppenraum ergibt. Zwischen Außenwand und Treppenkern entstehen dadurch zwei große rechtwinklige Volumina, in die die Gästezimmer über vier Geschosse ­hineingebaut wurden. Bei den Gästezimmern entschieden sich die Architekten für eine Holzkonstruktion. Dafür sprachen zwei Dinge: Zum einen ist der Gotthardpass auf über 2.000 Metern Seehöhe nur von Mai bis Mitte Oktober geöffnet, das kurze Baufenster bedingte eine Konstruktion mit hohem Vorfertigungsgrad. Zum anderen such­ten die Architekten eine adäquate Antwort auf das monomaterielle »Bauen in den Bergen«. Ein Strickbau kam jedoch nicht infrage, da die hohen Setzungsmaße der liegenden Elemente über fünf ­Geschosse nicht mit dem Treppenkern und den Außenwänden ­kompatibel waren. So griffen Miller & Maranta eine Konstruktion auf, die als Ständer-Bohlen-Bauweise im Alpenraum seit dem Mittelalter verbreitet war: Zwischen tragenden Pfosten/Diele liegen nicht ­tragende ausfachende Bohlen. Den Architekten war es wichtig, dass in allen Zimmern die Massivität des Materials spürbar bleibt. Die Decken sind als Massivholzdecken ausgeführt.

Rohbau

Zwischen den rechtwinklig konstruierten Zimmertrakten und der polygonalen Umfassungsmauer wurde eine großzügige Zwischenschicht von 10 bis 30 cm eingeplant, die mit einer Schüttdämmung aufgefüllt wurde. Sie dient dazu, zwischen der hohen Maßgenauigkeit des Holzbaus und dem unregelmäßigen, geometrisch kaum präzise erfassbaren Bestand zu vermitteln. Die beiden hölzernen Zimmertrakte links und rechts vom Treppenraum werden erst im fünften Obergeschoss zusammengeführt. Eine besondere Herausforderung war hierbei die Koordination der Geometrie, da die alte Substanz sich nicht als Referenz eignete. So wurden um die Baustelle herum zehn Vermessungspunkte eingeschlagen, die mit dem konsistenten 3D-Modell für Beton und Holz abgestimmt und immer wieder als Bezugspunkte einbezogen wurden.

Vorfertigung und Montage

Die geschosshohen Holzelemente wurden im Werk vorgefertigt – inklusive der Dämmung, Elektroleerrohre und der Ausholzung für die Sanitärgeräte. Zur Transportaussteifung wurde auf der nicht sichtbaren Seite der Wandelemente eine OSB-Platte ähnlich einer verlorenen Schalung angebracht. Das Fichtenholz der Bohlen und Ständer ist überall sichtbar und unbehandelt belassen worden. Wie bei der Zellenbauweise wurden auch hier die Wände doppelschalig versetzt, um einen ausreichenden Schallschutz gewähr­leisten zu können. Nachdem in den Sommermonaten der Abriss erfolgt und die ­Betonarbeiten an Außenwänden und Treppenhaus abgeschlossen waren, konnte im September 2008 in kürze­s­ter Zeit die Holzkonstruktion montiert werden.

Fotos:

© Ruedi Walti, Miller & Maranta

Text

Christoph Schindler
  • geboren 1973 in Erlangen
  • Partner der Zürcher Gestal­tungsfirma schindlersalmerón
  • studierte Architektur an der tu Kaiserslautern und pro­movierte an der eth Zürich über die historische Kontex­tualisierung digitaler Ferti­gungstechnik anhand des Holzbaus

Altes Hospiz St. Gotthard

Standort

St. Gotthard/CH, 2.091 Meter Seehöhe

Bauherr

Fondazione Pro San Gottardo, Airolo/CH

Architektur

Miller & Maranta, Basel, CH, www.millermaranta.ch

Tragwerksplanung

Conzett Bronzini Gartmann AG, Chur, www.cbg-ing.ch

Holzbau

arge Uri: Bissig Gebr. Holzbau GmbH, Altdorf/CH, www.bissigholzbau.ch; Herger & Co GmbH, Spiringen/CH, www.hergerklimaholzbau.ch; Paul Stadler Zimmerei, Flüelen/CH

Fertigstellung

2009