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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 3

Das Wort Wald ist ein schöner Begriff – so kurz, klar und eindeutig. Dabei ist damit ein unglaublich komplexes Ding gemeint: ein Ökosystem, das einen nachhaltigen Rohstoff produziert, Lebensraum für viele Tiere ist und einen unersetzbaren Erholungswert für uns Menschen darstellt; ein System, das Staub und Schadstoffe aus der Luft filtert, Sauerstoff produziert, ausgleichend auf die Temperatur wirkt und uns mit reinem, klarem Trinkwasser versorgt. Es ist aber auch ein Ökosystem, dessen Regeln wir noch lange nicht in ihrer Gesamtheit verstanden haben.

Dass wir uns in diesem Zuschnitt mit dem Wald beschäftigen, hat einen konkreten Anlass: Es ist heuer 300 Jahre her, dass Hans Carl von Carlowitz das Prinzip der Nachhaltigkeit definierte – ein Prinzip, das die Forstwirtschaft zumindest in unseren Breiten seitdem praktiziert und dank dessen unsere Wälder so sind, wie sie sind. Ein zweites passendes Jubiläum hat sich zu dem ersten gesellt: Vor genau 160 Jahren trat das österreichische Forstgesetz in Kraft.

Das Thema Wald bespricht man am besten im Wald. Darum haben wir uns für diesen Zuschnitt mit dem Editoralboard nicht wie sonst in Wien getroffen, sondern sind alle gemeinsam nach Niederösterreich gefahren und haben uns dort von Felix Montecuccoli durch seinen Wald führen lassen. Wir alle, die wir uns schon seit Jahren, manche seit Jahrzehnten mit dem Rohstoff Holz beschäftigen, mussten feststellen, dass wir doch wenig über die Gesetze des Waldes wissen.

Beeindruckt hat uns, wie gemächlich es doch im Wald zugeht. Während unser modernes Leben immer schneller vonstattengeht und unsere Werte immer kurzlebiger zu werden scheinen, wachsen die Bäume auch heute nicht schneller als früher. 124 Jahre dauert es im Durchschnitt, bis ein Baum groß geworden ist und gefällt werden kann. Die Bäume, die heute gepflanzt werden, wird erst die übernächste Generation ernten können. Der Mensch ist im Getriebe Wald ein kleines Rädchen, er kann versuchen, mit kleinen Eingriffen das Ökosystem Wald in die eine oder andere Richtung zu lenken – vorausgesetzt, er agiert so behutsam, wie es das österreichische Forstgesetz von ihm fordert. Früher ging der Mensch viel gröber mit dem Wald um, er schlug ganze Hänge kahl, weil er Holz für die Industrie bauchte. Dies führte zu großem Holzmangel und einer Krise des Waldes, die uns die Erkenntnis der Nachhaltigkeit gebracht hat: nicht mehr Holz zu nutzen als nachwächst.

Die Forstleute wissen, dass sie diesem Grundsatz der Nachhaltigkeit folgen müssen, sollen auch nachfolgende Generationen von einem gesunden Wald und seinem Rohstoff Holz profitieren können. Die Waldbesitzer wissen aber auch, dass die Produktion von Holz nur dann gut gelingt, wenn der Baum Teil eines funktionierenden Ökosystems ist. Deshalb ist neben der Ökonomie auch immer die Ökologie eine wichtige Grundlage ihres Handelns. Sie nennen das eine multifunktionale Waldbewirtschaftung. Die Waldbesitzer haben aber nicht nur mit dem Ökosystem Wald zu tun, sondern auch mit Menschen und deren individuellen Interessen. Dem holistischen Anspruch der Forstleute stehen die Partikularinteressen einzelner Gruppen gegenüber. Dagegen wehren sich die Waldbesitzer, aber auch andere wie die Naturschützer treten immer selbstbewusster auf. Wie die Lösung in diesem Konflikt aussehen kann, wissen wir nicht. Wir haben nur erkannt, dass der langatmige Umgang mit dem Wald, den dieser von den Menschen einfordert, auch ein Vorbild sein kann für unser modernes Leben. Die Beschäftigung mit dem Wald soll hier auch als Anregung für einen anderen Zugang zu den anstehenden Themen unserer Zeit verstanden werden. In diesem Sinne hoffen wir, dass Sie in diesem Zuschnitt viele Anregungen finden werden.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at