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Es war einmal ein Wald …

Eine erfundene Erinnerung

Gabriele Kaiser
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 26f.

Es war einmal ein Wald, der kein Forst war. Der Wald konnte nur frei erfunden sein, denn er war immer in märchenhafter Verfassung und er hatte keine wirtschaftliche Funktion zu erfüllen. Es war ein Wald ohne Zweck und Pflegeanspruch, der sich in geheimnisvoller Undurchdringlichkeit präsentierte und trotzdem allen gehörte. Selbst die Spuren der Bewirtschaftung schienen nur zum Vergnügen derer hinterlassen worden zu sein, die sich hier von ihrer städtischen Lebensumgebung für eine Weile erholten. Der Wald, der einfach so da stand und den man in der Freizeit aufsuchte (die damals unbegrenzt zur Verfügung stand), hielt ein Gegenmodell zum Innenhof einer Wohnanlage bereit, in dem nur ein paar Büsche standen und wo es kaum etwas zu erkunden gab.

In der Erinnerung zum Dickicht geschlossen, bricht das Bild in der Aufzählung auf und bringt jene ambivalenten Seiten des Waldes zum Vorschein, die eine Naturerfahrung ermöglichen, die ebenso »gemacht« ist wie der Wald selbst.

Dieser Wald war und ist zum Beispiel Folgendes: eine mit dunkelgrünen Jolly Stiften gezogene Silhouette einer Tanne, ein pyramidenförmiges Gebilde, eins neben dem anderen, aus gezackten, einander überlappenden Flügeln auf braunem Sockel, ein Nadelbaum ohne Nadeln, flach wie das Duftbäumchen, das früher am Rückspiegel des Familienwagens baumelte; dann die »echten« Zapfen auf dem »echten« Waldboden, die sich so leicht in Schuppentiere verwandeln ließen, die unzähligen Ameisenstraßen und Ameisenberge (durch leichtes Stochern in Aufruhr zu versetzen), die Forststraße mit dem obligaten Grasstreifen in der Mitte, ab und zu ein Wegweiser, ein plattgefahrener Frosch, eine Wurzel, die einen seltsam anblickt, links ein Steilhang mit Nadelbäumen, rechts eine Böschung mit Beerenstauden, dazwischen immer wieder Bemerkungen über »die gute Luft«; entgegenkommende Spaziergänger, so wie man selbst unterwegs mit aufgerissenen Augen, damit einem ja kein Schwammerl (genießbar/ungenießbar) entgeht, hier die rotweißrote Baummarkierung, daneben der rot lackierte Grenzstein, seltsame Zeichen auf Stämmen, aufgesprüht in Pink und Schwarz; dann erste Abweichungen von den markierten Wegen, der unter den Schritten nachgebende Boden, als würde man auf Schaumgummi gehen, die herausstehenden Steine, das Knacken der Äste, die rätselhaften Fährten von Tieren; ein Rucksack mit Trinkflasche, Wurstsemmel und einem nie verwendeten Taschenmesser; zwischen den Heidelbeerinseln (immer grün, immer beerenlos) modrige Baumstümpfe, die wie Hocker in einer Säulenhalle stehen, das kreuz und quer liegende Unterholz, von Stürmen hingeworfen, von Forstarbeitern geschlichtet, die kerzengeraden Stämme der Fichten und Tannen, deren dürre untere Äste an den Armen kratzen, während hoch oben die Wipfel schaukeln, langhaariges Gras an den durchsonnten Stellen, Moos, das grell im Lichtpolster steht; Warten auf das sich nicht zeigende Reh, den sich nicht zeigenden Fuchs, den sich nicht zeigenden Bären (der angeblich vorbeigezogen war), den sich nicht zeigenden Wolf (der angeblich gesichtet worden war), den sich nicht zeigenden Uhu, das sich nicht zeigende Käuzchen, den sich nicht zeigenden Hasen; stattdessen viele kleine Vögel, die sich am Waldrand von den Wipfeln fallen lassen und kurz über dem Boden wieder jäh auffliegen, ein weit über den Baumkronen kreisender Raubvogel (gewiss ein Adler), am Boden schwarze Käfer mit Geweihen am Kopf und Millionen Insekten, die irgendwo in den Bäumen hocken und im Gleichklang summen; Schwüle im Unterholz, Luftzug auf der Lichtung, der aus einem Ast gemachte Spazierstock, der aus einem Ast gemachte Speer; damit bewaffnet ins verschattete Dickicht dringen, wo die Sonne nie hinkommt. Der Nervenkitzel plötzlicher Stille, zugleich die Angst, sich verirrt zu haben, nicht mehr zu wissen, aus welcher Richtung man gekommen war; verhaltene Hallorufe, schnell zurück auf den Weg, zu den windschiefen Hochständen, den Stößen aus Rohholz, die schwer auf Rindenspänen lagern. Zeit für eine Rast, eine entsprechende Hütte stand wie immer bereit, dazu eine Bank im Freien; von hier fiel der Blick 100.000.000.000.000 km weit über bläuliche Hügel und mit geschlossenen Augen sah man alles tagelang grün.

Foto:

© Gabriele Kaiser

Text

Gabriele Kaiser
  • geboren 1967
  • 1996–2000 Redakteurin bei architektur aktuell
  • 2000–2003 Lehrauftrag an der Universität für angewandte Kunst in Wien
  • seit 2002 Redaktion des »Architektur Archiv Austria«, der online-Datenbank des Architekturzentrum Wien
  • Mitarbeit am Band III/3 des Führers »Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert« von Friedrich Achleitner
  • Architekturpublizistin und Leiterin des afo architek­turforum oberösterreich
    lebt und arbeitet in Wien und Linz