Inhalt

Gespräch

»Der Wald ist ein Spiegel unserer Gesellschaft«

Felix Montecuccoli und Arno Ritter
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 8ff.

Über den Wald kann man vieles sagen und vor allem sehr Unterschiedliches. Er ist Auffangbecken für allerlei Sehnsüchte und Hoffnungen, er ist aber auch Rohstofflieferant und Arbeitsplatz für Menschen. Wir luden Felix Montecuccoli, Großwaldbesitzer in Niederösterreich, und Arno Ritter, Leiter von »aut. architektur und tirol« und Mitglied des Zuschnitt-Editorialboards, zu einem Gespräch über den Wald ein.

Arno Ritter Für Sie als Waldbesitzer ist Nachhaltigkeit stark mit den Begriffen Eigentum, Familie und Generationendenken verbunden. Als Rohstofflieferant sind Sie aber auch von einem neoliberal funktionierenden ökonomischen System abhängig, in dem der Nachhaltigkeitsgedanke noch keinen Platz hat. Ist nicht der Begriff der Nachhaltigkeit, als er vor 300 Jahren entstanden ist, nicht nur ein ökologisch, sondern vor allem ein ökonomisch gedachter gewesen?

Felix Montecuccoli Nachhaltigkeit ist sicher ein ökonomisches Konzept, Naturschutz nicht. Jeder kleine Bub lernt von seiner Großmutter, dass es, wenn er im Herbst kein Obst klaubt, im Frühjahr keine Marmelade gibt. Diese Erkenntnis, umgelegt auf eine größere Dimension, entspricht dem Begriff der Nachhaltigkeit. Er ist also ein ökonomischer Begriff und einer, der sich auf uns als Menschen bezieht.

Arno Ritter Im Nachhaltigkeitsdenken steckt ein holistischer Ansatz, der aber laut Phillipp zu Guttenberg, Vertreter der deutschen Waldbesitzer, an den partikularen Interessen unserer Gesellschaft derzeit oft scheitert. Stimmt das?

Felix Montecuccoli Im Naturschutz geht es hauptsächlich um den Wald als biologisches und ökologisches System. Uns Waldbewirtschaftern geht es aber darum, den Wald ökonomisch zu nutzen, mithilfe von Kulturtechniken.

Arno Ritter Die österreichische Forsttechnik ist laut Gerhard Mannsberger, Leiter der Sektion Forstwesen im Lebensministerium, weltweit führend. Hängt das mit einer K.-k.-Tradition zusammen oder unter Umständen mit der Reaktion auf Hochwasser und andere Naturkatastrophen und der Notwendigkeit, zum Beispiel das Verhältnis von Wald und Wasser zu verstehen?

Felix Montecuccoli Das ist eine spannende Frage, ich kann nur Vermutungen anstellen. Wahrscheinlich hat es vor allem damit zu tun, dass wir ein Gebirgsland sind. Die von der Topografie vorgegebene klassische Nutzung der Landschaft ist die Waldnutzung. Im Gebirge, das klingt ein wenig paradox, ging der Holztransport früher leichter als im Flachland, da das Holz im Winter wegen des Schnees leicht transportiert werden konnte und im Frühjahr mithilfe eines aufgestauten Bachs ins Tal gebracht wurde. In der Ebene musste man hingegen Tiere vorspannen. Weiters spielt die Eigentumssituation eine wichtige Rolle. Seit 1848 entstand im österreichischen Wald im Zuge der großen Bodenreform ein strukturiertes Eigentum. Die Eigentumsgrenzen geben die Notwendigkeit der Betrachtung kleiner Einheiten vor. Heute exportieren wir diesen Fokus auf kleine Einheiten ins Ausland. Das ist unser Geheimnis. Ich vergleiche unsere Art der Waldbewirtschaftung mit der Knopfloch-Chirurgie, bei der wir mit geringem Aufwand ganz gezielt auf das Objekt eingehen, um mit einem minimalen Eingriff einen maximalen Nutzen zu erreichen. Die Amerikaner, Südamerikaner amputieren noch den ganzen Fuß, nur um eine Zehe zu heilen.
Ich bin überzeugt, dass wir sowohl ökonomisch als auch ökologisch auf der Welt nur überleben können, wenn wir zum Holz zurückfinden. Die Menschheit wird es sich nicht leisten können, alles aus Kunststoff herzustellen und hinterher das ökologische System zu reparieren. Die Nichtnutzung des Waldes wie zum Beispiel bei Nationalparks kostet langfristig zu viel Geld.

Arno Ritter Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir mit einem »Zurück zum Holz« die Weltprobleme lösen können …

Felix Montecuccoli Nicht alle Probleme, aber wir werden sicher einige dadurch lösen können. Denn nur in einem nachhaltigen Sinne kann der Wald aus dem Spannungsfeld herausfinden, in dem er sich derzeit befindet: zwischen radikaler Nutzung – alles Fichte und sonst nichts – auf der einen und sich aus dem Wald zurückzuziehen auf der anderen Seite. Eine Lösung ist meines Erachtens, dass wir unterschiedliche Holzarten einer Verwendung zuführen müssen und uns nicht nur auf das Holz an sich, sondern auf den Wald als Rohstoffquelle fokussieren sollten. Dem steht aber entgegen, dass uns heute die Schwammerl aus dem Wald gestohlen werden und dass die Nutzung des Waldes für Erholungs- und Freizeitaktivitäten selbstverständlich geworden ist und nichts kosten darf. Wenn wir nicht in die Lage versetzt werden, Leistungen und Nutzungen des Waldes in ein ökonomisches System einzubringen, werden wir diesen Spannungsbogen nicht aushalten können.

Arno Ritter Da muss ich Ihnen ein bisschen widersprechen: Ökonomie ist nur eine Form von Bewertung. Und derzeit habe ich mit dem eindimensionalen Bewertungssystem mein Problem …

Felix Montecuccoli … damit haben wir beide ein Problem, aber ich fürchte, wir werden es nicht lösen können …

Arno Ritter Vielleicht, aber es stellt sich die Frage, aus welchen gesellschaftlich vereinbarten Paradigmen heraus wir was und wie bewerten. Ich denke, dass wir an einem Wendepunkt bzw. in einer »Sattelzeit« leben, in der das Paradigma des rein ökonomischen Denkens nicht mehr stimmig ist.

Felix Montecuccoli Ich gebe Ihnen in gewissem Sinne recht, denn das ist ja der Grund, warum wir uns trotz der ökonomischen Zwänge unproduktive Flächen leisten, warum wir dem Grundsatz folgen: So viel ökonomische Bewirtschaftung wie möglich, aber so viel ökologische wie notwendig. Wir verzichten jeden Tag auf viel Geld, um langfristig nachhaltig zu sein.

Arno Ritter Für mich ist auch ein Element hoch entwickelter Kulturtechnik, dass man Teile des Waldes freistellt von jeglicher Bewirtschaftung und Nutzung, dass man also sagt: Da mache ich nichts. Das ist sicher ein Ausdruck unseres modernen, kompensatorischen und schizophrenen Verhältnisses zur Natur, dass wir kollektiv vereinbaren, die »Natur« letztlich vor uns selbst zu schützen.

Felix Montecuccoli Da sollten wir uns über die Definition von Kulturtechnik einigen. Ich verstehe darunter immer ordnende Maßnahmen, denn Kultur bringt Ordnung.

Arno Ritter Ich bin für eine »gespanntere« Betrachtungsweise, denn meiner Meinung nach brauchen wir neben dem Ordnenden auch den Spiegel der Wildnis und damit den Blick in das Unkontrollierbare. Denn ich finde nicht, dass Kultur nur Ordnung ist. Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg schrieb einmal sinngemäß: »Die Kunst des Lebens besteht darin, die unterschiedlichen Pole nicht nur auszuhalten, sondern vor allem produktiv werden zu lassen.«
Ich habe das Gefühl, dass Sie so eine gespannte Lebenshaltung haben, denn Sie handeln zwischen den Polen der Ökonomie und der Nachhaltigkeit und versuchen die Spannung auszuhalten.

Felix Montecuccoli Eigentlich bin ich ein Seiltänzer … Das ist auch das Spannende an meinem Beruf, wenn man ihn als Auftrag empfindet, die nachhaltige Bewirtschaftung zum Wohle der Allgemeinheit und nicht zu Lasten der Natur durchzuführen.

Arno Ritter Jetzt sind wir bei einem spannenden Thema, nämlich beim »Konfliktfeld« Wald. Sie kämpfen in gewissem Sinne an vielen Fronten, mit dem Borkenkäfer, den Wildschweinen, den Mountainbikern, den Naturschützern und mit dem Anspruchsdenken der Kompensationsflüchtlinge aus den Städten. Der Wald ist heute ein Spiegel unserer schizophrenen Gesellschaft geworden und eine unglaubliche Projektionsfläche.

Felix Montecuccoli Wir haben einige Realitäten auszuhalten: Wir haben auf der einen Seite ein Ökosystem zu bewirtschaften, im Bewusstsein, dass wir nur ein kleiner Baustein davon sind. Auf der anderen Seite sind wir mit der Holzindustrie konfrontiert, die Jahreszeiten und Wettersituationen negiert, da sie den Rohstoff »just in time« braucht. Vor dreißig Jahren habe ich noch bei den Sägewerken Verständnis dafür erhalten, wenn ich kein Holz liefern konnte, weil es zu nass oder die Witterung zu schlecht war. Wir sind heute aber mit Industriemanagern konfrontiert, die kontinuierliche Lieferung wollen und die kein Verständnis für die natürlichen Zyklen der Jahreszeiten und Produktionsbedingungen haben.

Arno Ritter Ein Energieexperte hat mir einmal gesagt: In Zukunft wird man nicht mehr über Ressourcen reden, sondern über das Klima nachdenken müssen. Wenn es also nicht mehr nur um das Holz geht, sondern um das Klima, dann muss man ganz anders denken und handeln. Ich glaube, wir müssen andere Paradigmen des Denkens über unseren Lebensraum etablieren, denn dann kommt zuerst die Lebensqualität und erst später die Ökonomie.

Felix Montecuccoli Für uns als Waldbewirtschafter und Waldbesitzer ist die Klimadebatte eine ganz wichtige, denn wir sind die ersten, die davon betroffen sind. Wir wissen, was Klimaschwankungen allein in der Vergangenheit ausgelöst und angerichtet haben. Als Waldbesitzer macht mir die Geschwindigkeit der Veränderung Sorgen. Diese passiert wesentlich schneller, als das Ökosystem Wald darauf reagieren kann. Wie managen wir diesen Übergang? Wenn die Leute fordern, dass wir ein Drittel oder ein Viertel des Waldes nicht mehr managen sollen, dann sage ich: Wisst ihr, auf welches Risiko ihr euch da einlasst?

Arno Ritter Sie können reagieren, aber die Konsequenzen aus der Reaktion dauern, denn sie folgen dem natürlichen Prinzip des Wachstums.

Felix Montecuccoli Da halte ich mich an den überlieferten Spruch von Napoleon, dem vorgeschlagen wurde, die französischen Straßen mit Alleen zu bepflanzen, da diese Maßnahme wegen der Beschattung die Truppenbewegungen beschleunigen würde. Seine Offiziere haben darauf gemeint: Aber das dauert ja fünfzig Jahre! Und seine Antwort soll gewesen sein: Dann lasst uns gleich beginnen.

Arno Ritter Und wie stehen Sie dazu, die Natur technologisch beziehungsweise genetisch zu beeinflussen? Stichwort Turbobäume und Neuzüchtungen …

Felix Montecuccoli Als österreichische Waldbesitzer haben wir da eine ganz klare Haltung. Die Bäume sind das wichtigste Element im Ökosystem Wald, aber wir wissen über die Genetik dieser Bäume zu wenig. Wir kennen die heutigen Bäume nur von außen und müssen sie von innen kennen lernen – nicht, um sie zu verändern, sondern um sie noch besser managen zu können. Wenn wir die Genetik besser verstanden haben, können wir das Ökosystem auch besser steuern.

Arno Ritter Es gibt Baumarten, die ursprünglich nicht aus Österreich stammen, aber ideale Eigenschaften für unsere Boden- und Klimasituation aufweisen. Es gibt viel Widerstand gegen solche Neophyten, da sie nicht Bestandteil unseres autochthonen Ökosystems sind.

Felix Montecuccoli Es gibt viele Pflanzen bei uns, in Wald und Flur, die als Zierpflanzen nach Europa gekommen sind. Das eine ist der Ailanthus, auch Essigbaum oder Götterbaum genannt. Er ist aus den Hausgärten »ausgebrochen«, produziert viele Samen und fühlt sich bei uns recht wohl. Auch die Fortwirtschaft kann nicht losgelöst von anderen Aktivitäten gesehen werden. Jemand, der sich Zierpflanzen aus aller Welt in den Garten holt, kann nicht fordern, dass sich im Wald nichts ändern darf.

Arno Ritter Zum Abschluss: Der Zuschnitt ist ein Kommunikationsmedium für eine breite Öffentlichkeit. Welche wesentliche Botschaft würden Sie für das Heft formulieren?

Felix Montecuccoli Unsere Botschaft ist, dass wir den Wald nicht aus Selbstzweck bewirtschaften, sondern dass wir darin durchaus auch eine Aufgabe für die Gesellschaft sehen. Wir liefern einen Rohstoff und damit eine wichtige Ressource für einen ökologischen Lebensstil.

»Nachhaltigkeit ist ein ökonomisches Konzept, Naturschutz nicht.« Felix Montecuccoli
»Ich vergleiche unsere Art der Waldbewirtschaftung mit der Knopflochchirurgie.« Felix Montecuccoli
»Der Wald ist eine unglaubliche Projektionsfläche unserer Gesellschaft.« Arno Ritter
»Uns werden heute die Schwammerl aus dem Wald gestohlen und die Nutzung des Waldes für Freizeitaktivitäten ist selbstverständlich geworden.« Felix Montecuccoli
»Vor dreißig Jahren habe ich bei den Sägewerken noch Verständniss dafür erhalten, wenn ich kein Holz liefern konnte, weil es zu nass war.« Felix Montecuccoli
»Wir brauchen den Spiegel der Wildnis.« Arno Ritter
»Wir stehen an einem Wendepunkt, in dem das Paradigma des rein ökonomischen Denkens nicht mehr stimmig ist.« Arno Ritter

 

Text
Felix Montecuccoli
Waldbesitzer in Markersdorf-Haindorf, Niederösterreich,
Präsident der Land & Forst Betriebe Österreich, Wien
www.montecuccoli.at

Arno Ritter
Leiter des aut. architektur und tirol; Kurator, Ausstellungsmacher und freier Kulturpublizist 
www.aut.cc

Fotos:

© Kurt Zweifel