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»Mein Wald ist ein gut sortiertes Warenlager«

Was Waldbesitzer bewegt

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 20ff.

Ein Baum allein macht noch keinen Wald. Erst wenn Hunderte von Bäumen zusammenkommen, spricht man von einem Wald. Erst dann entsteht dieser vielfältige und faszinierende Lebensraum, der zur Erholung dient, der einen wichtigen Beitrag zu unserem Klima leistet, indem er Kohlenstoff bindet, der Lebensraum für Pflanzen und Tiere ist, Rohstofflieferant für Industrie und vieles mehr. Wäre der Wald ein Wesen, dann würde man ihn ein Multitalent nennen. Nur können sich die Menschen nicht einigen, welches Talent des Waldes sie fördern sollen: Wie viel darf er genützt, wie viel muss er geschützt, wie viel darf er besucht werden und wie viele Nutzungen dürfen parallel stattfinden? Was die Süddeutsche Zeitung über den deutschen Wald schreibt, gilt genauso für den österreichischen: »Fast jeder Bürger möchte den Wald schützen, wenn man ihn fragt. Klar ist auch, fast jeder wird sich Holz rausholen, wenn er darf.« Der Wald ist umkämpft und dieser Kampf ist mit vielen Emotionen verbunden.

Als Waldbesitzer kennt Felix Montecuccoli viele dieser Emotionen: die der Naturschützer, die der Freizeitsuchenden – und natürlich seine eigenen. »Extrempositionen gibt es bei jedem Thema, das die Menschen bewegt«, sagt er, »ob das Tierschutz, Gesundheit oder eben Wald ist.« Der Wald der Montecuccolis ist seit 1628 in Familienbesitz. Beim Besuch auf Gut Mitterau in der Nähe von Sankt Pölten erzählt Hausherr Felix Montecuccoli aus der Familiengeschichte. Auf den Ahnenbildern an der Wand gleich hinter ihm sieht man jenen Montecuccoli mit seiner Frau, der im Dreißigjährigen Krieg als kaiserlicher General für Wallenstein gekämpft hat und dem dafür mit der Herrschaft Hohenegg gedankt wurde. Hoch über dem Tal ließ er sich eine Burg bauen. Im 18. Jahrhundert wurde den Montecuccolis die Burg zu kostspielig und sie zogen ins Tal in das Haus, in dem Felix Montecuccoli mit seiner Familie noch heute lebt. In den warmen Jahreszeiten strahlt es herrschaftliche Großzügigkeit aus, im Winter dürfte es schwer zu beheizen sein.

Zum Besitz gehören auch 400 Hektar Landwirtschaft und knapp 1.000 Hektar Wald. Felix Montecuccoli erntet jene Bäume, die sein Vater und sein Großvater gepflanzt haben, seine Nachkommen werden die Bäume ernten können, die er gesetzt hat. Die Forstwirtschaft ist ein langsames Geschäft: »Wir können in einer Generation nicht den Wald verändern, wir können nur Initialzündungen setzen«, sagt Felix Montecuccoli über seine Arbeit, die er mit großer Sorgfalt und Nachsicht zu erledigen scheint.

Dabei macht der Wald es den Montecuccolis nicht leicht: Alle großen Stürme der letzten dreißig Jahre sind darüber hinweggefegt und haben großen Schaden angerichtet. Nach den Stürmen kamen die Borkenkäfer. Jetzt müssen auf großen Kahlflächen wieder neue Pflanzen gesetzt werden, doch viele Triebe der jungen Pflanzen sind vom Wild verbissen. Wenn diese Bäume überhaupt groß werden, weisen sie meist keine besonders gute Holzqualität auf und sind weit weniger wert als ein nicht verbissener Baum. Bei der nächsten Aufforstungsaktion hat Montecuccoli deshalb einen Zaun um die Fläche gemacht, eine in der Forstarbeit kostspielige und arbeitsintensive Angelegenheit.

Die Liste derjenigen, die seine Waldarbeit erschweren, ist aber noch viel länger: Da sind die Wildschweine, die die Eicheln fressen und so die natürliche Vermehrung der Eiche unterbinden, da ist das Seegras, dass in seinen Wäldern wächst wie Unkraut. Sobald ausreichend Licht auf den Waldboden fällt, kommt es zutage und nimmt den jungen Baumpflanzen das Licht weg. Montecuccolis Großvater konnte das Gras noch verkaufen. Doch heute stopft keiner mehr seine Matratzen damit aus, und so muss Montecuccoli oder sein Forstarbeiter zur Sichel oder gar zu Pestiziden greifen. »Könnte man noch heute Nebenprodukte aus dem Wald verkaufen, dann ginge es uns besser«, sagt Felix Montecuccoli. Mit dem Verkauf von Holz kann er seine Investitionen, die er in die Aufforstung und Pflege des Waldes steckt, decken. Seine landwirtschaftlichen Flächen sind demgegenüber viel rentabler. Die Waldbewirtschaftung macht er für die nachfolgenden Generationen, denn erst die werden von seinen nachhaltigen Maßnahmen profitieren können: »Ich möchte nicht der letzte Montecuccoli gewesen sein, der den Wald bewirtschaftet hat.«

Fritz Wolf lebt in Grünau im Almtal. Seine Familie besitzt in der benachbarten Gemeinde Scharnstein 50 Hektar Wald und 4 Hektar Grünland und zählt damit zu den Kleinwaldbesitzern. Etwa die Hälfte des österreichischen Waldes ist in der Hand solcher Kleinwaldbesitzer. Früher, erzählt Fritz Wolf, konnten sieben Menschen von so einem Bauernwald leben, heute kann das nur mehr eine halbe Person. Fritz Wolf hat an der forstlichen Ausbildungsstätte Ort in Gmunden unterrichtet, inzwischen ist er im Ruhestand und hat den Wald seinem Sohn Christoph übergeben. Nach wie vor bewirtschaften Vater und Sohn den Wald aber gemeinsam und setzen auf eine schonende und, wie sie sagen, nachhaltige Waldbewirtschaftung. Chemische Hilfsmittel kommen ihnen ebenso wenig in den Wald wie große Erntemaschinen, die so genannten Harvester, und fremde Forstunternehmer. Sie machen alles selbst, mithilfe kleiner Maschinen holen sie die Stämme einzeln aus dem Wald. Wolf zitiert da gerne den boku-Professor Josef Spörk: »Mein Wald ist ein gut sortiertes Warenlager.« Wie bei einem gut sortierten Lager wird auch hier nur das herausgenommen, was gerade nachgefragt wird, nicht alles auf einmal. Die Wolfs fällen die Bäume mit viel Sorgfalt und achten dabei besonders darauf, dass die umstehenden Bäume nicht verletzt und der Naturverjüngung nicht geschadet wird. 1985 bestand ihr Wald noch zu 86 Prozent aus Fichte, seitdem reduzieren sie den Anteil langsam auf zwei Drittel. Das ganze funktioniert fast von selbst, dank der natürlichen Verjüngung, die hier möglich ist. Hört man Fritz Wolf zu, wie er erzählt, mit welcher Mühe und Sorgfalt er und sein Sohn den Wald bewirtschaften, dann fragt man sich, warum sie sich das antun. Es würde ja auch einfacher gehen. »Weil der Wald gesünder ist, stabiler und die Wasserqualität besser«, sagt Wolf, »auch wenn wir für das Wasser keinen Cent bekommen. Und wir glauben, dass diese Form der Waldbewirtschaftung eine höhere Wertschöpfung bringt.« Die wirtschaftlichen Zahlen scheinen ihrem Ansatz recht zu geben: Während sie vor 30 Jahren noch 250 Festmeter Einschlag pro Jahr hatten, liegt dieser heute schon bei 500 Festmetern und das trotz Einzelstammentnahme.

Für die Groß- und Kleinwaldbesitzer sind auch die anderen Menschen ein großes Thema. Dass viele den Wald zu Erholungszwecken aufsuchen, stört sie an sich nicht. Doch wenn wieder einmal einer von ihnen einen Leittrieb ab oder gar ganze Jungpflanzen ausgerissen hat oder die »Betreten verboten«-Schilder, die Fritz Wolf aufstellen muss, wenn er Bäume fällt, ins Tal geschmissen hat, dann wünscht er sich die Zeit vor 1975 zurück, als das Betreten eines fremden Waldes noch verboten war. Trotzdem sei auch damals jeder in den Wald gegangen, erzählt Wolf, aber man habe mehr Respekt gehabt. Seit 1975 erlaubt das Forstgesetz das Betreten jedes Waldes, und es werden immer mehr, die von diesem Recht Gebrauch machen. »Die Leute akzeptieren kein Eigentum. Sie wissen auch nicht, was dem Wald schadet«, sagt Fritz Wolf. Seit vielen Jahren schon sucht er den Dialog mit der Bevölkerung als Waldpädagoge. Er führt die älteste Waldschule Österreichs.

»Natur liegt voll im Trend«, weiß auch Georg Erlacher, Vorstandssprecher der Österreichischen Bundesforste, zu berichten. »Alle wollen ins Grüne. Gleichzeitig stellen wir jedoch fest, dass das Verständnis für Natur, ihre Vorgänge und Zusammenhänge immer stärker abnimmt.« Die Österreichischen Bundesforste bewirtschaften die republik-eigenen Wälder – 15 Prozent des gesamten österreichischen Waldes. Ein Baum lebt hier laut Erlacher im Durchschnitt 124 Jahre, bis er geerntet wird. Der Auftrag an die Österreichischen Bundesforste lautet, »ausreichend Rohstoff für alle Anwendungsbereiche zur Verfügung zu stellen, ohne das ökologische Gleichgewicht und den Haushalt der Natur zu beeinträchtigen«. Dieser Anspruch, die Waldbewirtschaftung nicht nur ökonomisch nachhaltig zu gestalten, sondern auch im Sinne der Ökologie, ist schon im Forstgesetz verankert und vielen Waldbesitzern in Leib und Blut übergegangen. Sie sprechen dann von einer multifunktionalen Waldbewirtschaftung – auch wenn dies immer wieder ein Spagat zu sein scheint: »Wir versuchen, den Wald so ökonomisch wie möglich zu bewirtschaften«, sagt zum Beispiel Felix Montecuccoli, »und so ökologisch wie nötig.«

Auf Anraten von Fritz Wolf besuchen wir zum Abschluss noch einen seiner ehemaligen Schüler in Niederösterreich, der große Probleme mit dem Wild hat. Johann Berger lebt in Schrambach, ganz in der Nähe von Stift Lilienfeld. 2007 hat er den 43 Hektar großen Wald von seinem Vater übernommen. Da auch seine Familie vom Wald alleine nicht leben kann, arbeitet er zusätzlich als Lkw-Fahrer für eine Zimmerei. Der Wald war für seinen Vater, erzählt Berger, dessen Sparkasse. Er hat diesen gut gepflegt, aber wenig aus ihm entnommen. Heute hat der Mischwald einen hohen Starkholzanteil, also viele Bäume, die die geeignete Stammdicke erreicht haben und geerntet werden könnten. Eine Teilfläche hat Johann Berger schon geschlägert und neu aufgeforstet, doch nun knabbert ihm das Wild alle Jungpflanzen an. »Kaum eine Jungpflanze ist nicht vom Wild verbissen – Ahorn und Tanne ebenso wie Esche«, sagt Berger. So besteht die Gefahr, dass beispielsweise die Tanne, eine für das ökologische Gleichgewicht des Waldes sehr wichtige Baumart, in seinem, aber auch in den benachbarten Wäldern bald nicht mehr vorkommt. Und weil Berger auf dieser einen Fläche schon keinen gesunden Mischwald in die Höhe bekommt und eine Naturverjüngung bei zu hohen Wildbeständen ebenfalls nicht möglich ist, traut er sich nun nicht, noch mehr Bäume zu schlägern.

Die Bergers haben die Wildverbissschäden angezeigt und eine Entschädigung bekommen. Doch davon wachsen die Bäume auch nicht in die Höhe. In ganz Österreich werden zu hohe Wildbestände beklagt, auch Fritz Wolf hatte schon damit zu kämpfen, woraufhin er das Gespräch mit den verantwortlichen Jägern suchte. Heute schießen er und sein Sohn gemeinsam mit den anderen Pächtern der Jagdgenossenschaft Scharnstein auf 3.700 Hektar 450 Rehe statt wie früher 120, und selbst das sei noch immer zu wenig, so Wolf. Johann Berger ist kein Jäger, und selbst wenn er einer wäre – ohne die Mithilfe der anderen könnte er gegen die hohen Wildbestände nichts ausrichten. So wird sein Blick auch weiterhin, wenn er von Baum zu Baum, von Jungpflanze zu Jungpflanze gleitet, auf allerlei Wildschäden treffen. Eine Lösung des Problems ist dagegen nicht in Sicht.

»Wir können in einer Generation nicht den Wald verändern, wir können nur Initialzündungen setzen« Felix Montecuccoli
»Die Leute akzeptieren kein Eigentum. Sie wissen auch nicht, was dem Wald schadet.« Fritz Wolf
»Kaum eine Jungpflanze ist nicht vom Wild verbissen – Ahorn und Tanne ebenso wie Esche.« Johann Berger

Fotos:

© Kurt Zweifel, Anne Isopp

Facts

Familie Berger, Schrambach

Wald im Eigentum: 43 ha
Waldanteil am Grundeigentum: 77 %
im Familienbesitz seit: 1850
Anzahl Angestellte: 0
Holzeinschlag: 200 – 300 fm/Jahr
Stürme/Umweltkatastrophen/Borkenkäfer: 2006 Schneebruch

Familie Montecuccoli, Markersdorf-Haindorf

Wald im Eigentum: 960 ha
Waldanteil am Grundeigentum: 80 %
im Familienbesitz seit: 1628
Anzahl Angestellte: 1 Forstwart, 1 Forstfacharbeiter, 1/2 Buchhaltungsfachkraft, 2 Saisonarbeiter
Holzeinschlag: ca. 6.000 fm/Jahr
Anteil Forstwirtschaft am Gesamteinkommen: In der speziellen Situation nach Großkalamitäten nur 15 %
Stürme/Umweltkatastrophen/Borkenkäfer: 1960er Sturm und Käfer; 1990 Orkan Wibke; 1994 – 96 Borkenkäfer; 1999 Orkan Lothar; 2000 Sturm, 2002 extremes Hochwasser in der Au; 2004 Borkenkäfer; 2007 Orkan Kyrill; 2008 Orkan Emma; 2010 extreme Trockenheit und Borkenkäfer

Familie Wolf, Scharnstein

Wald im Eigentum: 50 ha
Waldanteil am Grundeigentum: 93 %
im Familienbesitz seit: 1870
Anzahl Angestellte: 0
Holzeinschlag: 500 fm/Jahr
Anteil Forstwirtschaft am Gesamteinkommen: 50 %
Stürme/Umweltkatastrophen/Borkenkäfer: Eisregen 1987; Sturm 2002

Österreichische Bundesforste AG

Waldfläche: 511.000 ha, der überwiegende Teil der Flächen (97 %) steht »im Eigentum« der Republik; die Bundesforste bewirtschaften sie im Auftrag der Republik.
Waldanteil an der Gesamtfläche: 59 %
Mitarbeiter: 1.155 Mitarbeiter (Vollzeit-äquivalente)
Holzeinschlag: 1,5 Mio. Efm/Jahr 
Anteil Forstwirtschaft am Umsatz: 76,9 % (2010)
Stürme/Umweltkatastrophen/Borkenkäfer: 2007 Orkan Kyrill; 2008 Sturm Paula und Orkan Emma; 2012 Sturm Uschi – in unterschiedlichem Ausmaß

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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