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Pierre Huyghe

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 32

Im Jahr 2008 verwandelte der französische Künstler Pierre Huyghe die Konzerthalle des Sydney Opera House in einen subtropischen Regenwald. Die temporäre Installation »A Forest of Lines« für die von Carolyn Christov-Bakargiev kuratierte 16. Biennale von Sydney war nur 24 Stunden zugänglich. Sie ließ die Besucher in eine mystische Welt eintauchen, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität aufgehoben waren. Wie ein vegetativer Teppich legte sich der Wald über die für gewöhnlich getrennten Bereiche Bühne, Orchester und Parkett und kreierte eine homogene Landschaft innerhalb des Opernhauses. Ähnlich einem Prolog konnte man im höher gelegenen Eingangsbereich zunächst über das dichte, nebelverhangene Blätterdach der tausend Bäume blicken. Aus dem Wald war eine Stimme zu hören, ein Gesang, der sich an das Publikum richtete und es indirekt aufforderte näher zu kommen. Um sich auf den labyrinthartig angelegten Pfaden, die durch den Wald führten, zurechtzufinden, trugen die Besucher Stirnlampen und erzeugten damit aus der Ferne betrachtet ein Muster sich ständig bewegender Lichtpunkte. Wer den Wald wieder verlassen wollte, musste dem Text des Liedes folgen. »Frag Prudence ...!« ist in einer der letzten Strophen des Liedes zu hören und verweist auf jene Frau, die Pierre Huyghe in den Daintree Rainforest – einem der ältesten Regenwälder der Welt – begleitete. Prudence erzählte Huyghe die Geschichte des britischen Seefahrers James Cook, der hier zum ersten Mal Würgebäume sah. Diese Hemiepiphyten umwachsen andere Baumarten, strangulieren sie förmlich, bis diese absterben und einen Hohlraum hinterlassen. In diesen Hohlräumen bestatteten die Aborigines ihre verstorbenen Angehörigen. Als James Cook die menschlichen Überreste in den Hohlräumen entdeckte, dachte er allerdings, dass die Würgebäume Menschen verschlingen könnten.

Das Lied wird zum Wegweiser. Diese Form der gesungenen Erzählweise, die Landschaften beschreibt und die mit Geschichten aufgeladen ist, war für die Ureinwohner Australiens eine Art GPS, um sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. »Ein Regenwald ist etwas, das man nicht so einfach definieren kann«, sagt Pierre Huyghe. »Er ist ein verschwommenes Bild, aufgrund seiner Dichte, der Heterogenität und Komplexität, die sich ständig verändert. Er ist ein Organismus. Er ist ein Ort, an dem man sich verlieren kann und deshalb ein Mysterium.« Die Installation in der Konzerthalle des Sydney Opera House ist nur ein Teil des narrativen Gesamtkonzeptes und bildet eine Art Vorstufe für weitere Geschichten. Huyghes Interesse gilt dem Potenzial der Veränderungen, der Möglichkeit, im Laufe einer Ausstellung die Narration und Richtung zu ändern, die eigenen Arbeiten nicht als abgeschlossene Einheiten zu betrachten.

Pierre Huyghe

geboren 1962 in Paris
Studium an der Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris
lebt und arbeitet in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2012 El día del ojo, Museo Tamayo Arte Contemporáneo, Mexiko Stadt
  • 2011 A Journey That Wasn’t, Walter Phillips Gallery, Banff/ca
  • 2010 La saison des fêtes, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2013 expo 1: New York, MoMA p.s.1, New York
  • 2012 documenta 13, Kassel
  • 2011 Once Upon a Time, Deutsche Guggenheim, Berlin
  • 2010 Dreamlands, Centre Pompidou, Musée National d’Art Moderne, Paris
  • 2008 16. Biennale von Sydney Revolutions – Forms That Turn, Sydney

Fotos:

© Courtesy Pierre Huyghe and Marian Goodman Gallery, New York/Paul Green

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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